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WM-Aus für verletzten Bayern-Profi Thiago:Sorgen um den nächsten Dauerpatienten

Das rechte Knie, wie schon vor zwei Jahren und in diesem April: Bayern-Regisseur Thiago erlebt nach einer neuerlichen Verletzung einen Rückschlag und verpasst die WM in Brasilien. Sein Ausfall dürfte auch für den FC Bayern Folgen haben.

Wenn in der Bundesliga die Meister-Zeit anbricht, entstehen oft nette, kleine Erinnerungen für die Nachwelt. Berühmte Fußballer knipsen Fotos von sich und ihren Kollegen beim Feiern - der Mai ist sozusagen die Hochphase des "Gruppen-Selfies", das ist beim FC Tirschenreuth nicht anders als beim FC Bayern München.

Über seinen Twitter-Account transportierte beispielsweise am vergangenen Samstag der gut vernetzte Thiago ein Bild von sich und seinen halbnackten Mitspielern aus der Umkleidekabine. "Deutscher Meister" steht dort, Dante ist mit der Meisterschale zu sehen, während Thiago (wie immer) die Brust rausstreckt und verwegen an die Decke blickt.

Ich bin wieder da - und zwar mit meiner ersten nationalen Trophäe in Deutschland, so lautete die Nachricht, die der kleine Spanier der Welt mitteilen wollte. Doch nur vier Tage später wirkt sein Bild wie ein Element der Tragik im rasenden Fußballbetrieb. Seit Ende März war der hochbegabte Mittelfeldvordenker wegen eines ausgedehnten Teilrisses des Innenbandes im rechten Knie ausgefallen. Die Meisterfeier sollte sozusagen sein Comeback markieren, doch jetzt hat es den Spanier erneut erwischt.

Am Mittwoch sickerte durch, dass der 23-Jährige gleich nochmal einige Wochen pausieren muss. Er fällt damit für die WM in Brasilien (12. Juni bis 13. Juli) aus. Das berichteten spanische Medien übereinstimmend und auch in Deutschland herrscht mittlerweile Gewissheit. Nach Informationen des Senders Sport1 hat sich Pep Guardiolas erklärter Lieblingsspieler ("Thiago oder nix!") im Training erneut das Innenband im bereits lädierten Knie gerissen und soll in den kommenden Tagen operiert werden.

Eine Bestätigung der neuerlichen Verletzung seitens der Bayern folgte am Donnerstagmittag prompt: "Das ist bitter für Thiago, uns tut der Junge leid", sagte Karl-Heinz Rummenigge, "ein junger Bursche, der auf sein Comeback und die WM in seinem Geburtsland hingearbeitet hat - und plötzlich sind beide Träume geplatzt. Wir werden uns in den kommenden Wochen sehr um ihn kümmern und alles dafür tun, damit er zum Saisonstart 2014/15 wieder fit ist", erklärte der Vorstandsboss der Bayern. "Thiago, WM adiós", titelte ähnlich gut informiert das Madrider Sportblatt Marca auf seiner Webseite - in Spanien platzt sein Ausfall genauso herein wie an der Isar.

Die steile Entwicklung, die der spanische Nationalspieler vor seiner Verletzung in München genommen hatte, ist natürlich auch in seinem Heimatland nicht übersehen worden. Trotz seines wochenlangen Fehlens berief ihn Nationaltrainer Vicente del Bosque für den vorläufigen WM-Kader der selección. Nicht wenige Experten glaubten sogar, dass Thiago an der Seite seines alten Barcelona-Spezis Xavi bei seinem ersten großen Turnier die Offensive des Nationalteams ankurbeln sollte.

Halbgesunde Beine bringen wenig

Daraus wird nun nichts, was im Fall des feinfüßigen Mittelfeldmannes doppelt schmerzhaft ist: Thiago verpasste bereits die EM 2012 sowie die Olympischen Spiele in London wegen Wehwehchen am Schienbein, ehe ihn im Herbst jenes Seuchenjahres gleich noch eine Innenbandverletzung im rechten Knie zu einer mehrwöchigen Pause zwang - es war die gleiche Stelle, die ihm jetzt wieder zu schaffen macht.

Für den FC Bayern dürfte diese Entwicklung ein Grund zur Sorge sein - vor allem langfristig. Mit Thiago und Bastian Schweinsteiger tummeln sich nun gleich zwei Dauerpatienten im Mittelfeld, deren Fitness Anlass zu Debatten bietet: Schweinsteiger verpasst wegen einer Reizung der Patellasehne wohl das Pokalfinale gegen den BVB am Samstag, während der Saison erlitt er immer wieder Rückschläge, für die WM soll er aber fit werden.

Der Spanier dagegen muss seine 25-Millionen-Euro-Beine vermutlich den halben Sommer ruhen lassen - drei Verletzungen an derselben Körperstelle sind zudem kein Anlass zur Entspanntheit: Halbgesunde Beine mögen zwar teuer sein, aber nicht leistungsfähig. Pikant dürfte insofern die Vertragssituation um einen anderen, meist topfitten Bayern-Regisseur werden.

Toni Kroos schien im Frühling einem Wechsel zu Manchester United nicht abgeneigt, ehe im April sein Berater andeutete, dass der Nationalspieler seinen bis 2015 laufenden Kontrakt in München doch erfüllen wolle. Vor dem Hintergrund der körperlichen Verfassung von Thiago und Schweinsteiger wird der Verein Kroos nun kaum mehr abgeben wollen - denn sonst könnte Trainer Pep Guardiola bald arge Personalprobleme in der Spielfeldmitte bekommen.

Die Meister-Zeit des FC Bayern hätte so unbeschwert sein können, doch jetzt ist die Phase fröhlicher Selbstporträts für Thiago vorerst vorbei. Für ihn heißt es ab sofort: Erst einmal wieder auf die Beine kommen.

© SZ.de/jbe/sonn/holz
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