Vergabe der WM 2006:Mehr Fragen als Antworten

Vergabe der WM 2006: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (l.) bleibt beharrlich: "Die WM war nicht gekauft."

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (l.) bleibt beharrlich: "Die WM war nicht gekauft."

(Foto: Pierre-Philippe Marcou/AFP)
  • DFB-Präsident Wolfgang Niersbach gibt in der Affäre um die Vergabe der WM 2006 sich selbst ein Interview.
  • Klarer wird die Sachlage dadurch nicht.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Es gibt Dutzende Arten von Interviews, kritische und weniger kritische, lustige und weniger lustige, erkenntnisreiche und weniger erkenntnisreiche, aber eines haben Interviews gemeinhin gemeinsam: Beim Interviewer und beim Interviewten handelt es sich um zwei verschiedene Personen. Insofern war es ein besonderes Interview, das Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), am Samstag gab: Er gab es nämlich quasi sich selbst, dem Internet-Auftritt seines Verbandes - während der DFB andere Anfragen zur großen Sommermärchen-Affäre nicht beantworten wollte.

Seit Freitagmittag beschäftigt sich der deutsche Fußball mit gravierenden Vorwürfen. Da erschien die Vorabmeldung zu einer detaillierten Titelgeschichte des Spiegel. Im Kern gibt es drei maßgebliche Elemente.

Niersbach beharrt: "Die WM war nicht gekauft."

Erstens: Das Bewerbungskomitee für die WM 2006 in Deutschland soll über eine schwarze Kasse verfügt haben. Kurz vor der im Sommer 2000 erfolgten Vergabe habe der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfuß dem DFB heimlich zehn Millionen Franken (umgerechnet 6,7 Millionen Euro) zukommen lassen, die nicht in den Büchern des Komitees auftauchen.

Zweitens: Mit diesem Geld habe der Verband mutmaßlich Stimmen von Fifa-Wahlmännern gekauft, angeblich die vier asiatischen Vertreter.

Und drittens: Als Louis-Dreyfuß das Geld zurückforderte, habe der DFB im April 2005 unter der Tarnung, einen Beitrag fürs Fifa-Kulturprogramm zu leisten, eine Zahlung über 6,7 Millionen Euro an den Weltverband getätigt, welcher diese Summe wiederum auf ein Konto des Adidas-Chefs weiterleitete.

Zu Vorwurf eins sagte Niersbach nun: "Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine 'Schwarzen Kassen' beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat." Er schließe das "kategorisch" aus. Auffällig ist dabei allerdings, dass er auf die vom Spiegel thematisierte angebliche Zahlung des Adidas-Chefs ans Bewerbungskomitee nicht eingeht und diese nicht bestreitet.

Buhlen um Stimmen

Zu Vorwurf zwei heißt es: Es habe "ganz sicher" keinen Stimmenkauf gegeben, "die WM war nicht gekauft". In der Tat fußt die Schlussfolgerung, dass die 6,7 Millionen Euro aus der angeblichen schwarzen Kasse just für das asiatische Quartett eingesetzt worden sei, auf einer eher überschaubaren Grundlage. Jedoch ist schon seit Jahren unstrittig, dass die deutschen Bewerber mithilfe von Politik, Wirtschaft und viel Geld in den Ländern, aus denen die Wahlmänner stammten, stark um Stimmen buhlten.

Der Bundessicherheitsrat beschloss eine Waffenlieferung nach Saudi-Arabien, Daimler stieg beim südkoreanischen Autohersteller Hyundai ein. In Thailand, Malta, Trinidad & Tobago sowie Tunesien schloss das Kirch-Fernsehimperium bemerkenswert gut dotierte Verträge ab, offiziell für die Vermarktung von Freundschaftsspielen, die gegen die DFB-Elf und den FC Bayern ausgetragen werden sollten. Und immer wieder gab es Gerüchte rund um das merkwürdige Verhalten des neuseeländischen Wahlmannes Charles Dempsey, der für den deutschen Gegner Südafrika stimmen sollte, aber die Sitzung kurz vor der entscheidenden Abstimmung einfach verließ.

Zu Vorwurf drei wiederum wiederholt Niersbach das, was der DFB schon am Freitag in einer Pressemitteilung verbreitet hatte: Ja, es habe 2005 eine Zahlung über 6,7 Millionen Euro an die Fifa gegeben, die möglicherweise zweckwidrig verwendet worden sein soll. Er habe im Sommer von diesem Vorgang erfahren und eine interne Prüfung eingeschaltet.

Wann genau hat der DFB-Präsident von den Vorgängen erfahren?

Aber auch zu diesem Aspekt gibt es mehr Fragen als Antworten. Wann und wie genau wurde die interne Prüfung eingesetzt? Das DFB-Präsidium zumindest wurde offenkundig erst am Freitagmorgen in einer Telefonkonferenz von dem Vorgang unterrichtet. Wann und wie genau hat Niersbach von dem Vorgang erfahren? Immerhin saß als er Vize-Präsident in jenem Organisationskomitee, dem Franz Beckenbauer vorstand und das im April 2005 die Überweisung an die Fifa durchführte.

Der Spiegel verweist auf einen angeblichen handschriftlichen Vermerk Niersbachs auf einem Papier aus dem November 2004, in dem es um die geplante Transaktion ging. Dazu sagte Niersbach, er könne sich daran nicht erinnern und sei als Vizepräsident des OK für Marketing nur sehr bedingt in wirtschaftliche Transaktionen eingebunden gewesen. Er bitte nun die Spiegel-Redaktion, "uns dieses Papier zu überlassen, um nachvollziehen zu können, worum es sich handelt und ob es überhaupt meine Handschrift ist".

Druck von diversen Seiten

Während Niersbach und der DFB an ihrer Verteidigungsstrategie basteln, geraten sie von diversen Seiten unter Druck. Der Außenminister Frank-Walter Steinmeier meldete sich zu Wort, der Justizminister Heiko Maas, die Vorsitzende des Sportausschusses, Dagmar Freitag: Sie alle fordern nun schnellstmöglich eine Aufklärung dieser Vorgänge - und zwar durch externe Experten.

Zugleich verfolgt auch der Fußball-Weltverband die Vorgänge. Dort laufen gleich zwei verschiedene Verfahren zur Causa. Zum einen gibt es unter der Leitung des Rechtsdirektors Marco Villiger sowie der amerikanischen Anwälte von Quinn und Emanuel eine interne Untersuchung. Im Raum steht, dass sie sich im Zweifel auch an die Behörden in den USA und in der Schweiz, die schon seit Monaten zum Korruptionssumpf rund um den Weltverband ermitteln, wenden will. Nach Fifa-Darstellung ist das in den vergangenen Monaten so üblich gewesen, wenn es Berichte über mögliche Verfehlungen von Funktionären gab. Allerdings kommunizierte sie das nun erstmals in dieser Form.

Zum anderen ist offenkundig die unabhängige Ethikkommission bereits aktiv. Diese hatte im vergangenen Jahr schon einmal Franz Beckenbauer provisorisch gesperrt, weil er bei Ermittlungen zur dubiosen Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 nach Russland bzw. Katar nicht kooperiert hatte. Kürzlich sanktionierte sie Fifa-Präsident Sepp Blatter sowie Uefa-Chef Michel Platini, weil diese den Schweizer Strafermittlern eine Zahlung über zwei Millionen Schweizer Franken aus dem Jahr 2011 nicht plausibel erklären können. Nun müssen manche deutschen Funktionäre befürchten, dass sich die Ethiker auch mit ihnen näher befassen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB