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Verfolgerduell:Triumph der Sattelschlepp

Leon Bailey (Bayer Leverkusen), li., erzielt gegen Torwart Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt) das Tor zum 1:0 24.04.2021

Durch die Beine gespitzelt: Leon Bailey (links) überwindet Frankfurts Torwart Kevin Trapp und erzielt das 1:0.

(Foto: Maik Hölter/Team 2/imago)

Erstmals in diesem Kalenderjahr findet Leverkusen die richtige Mischung aus Tempo und Taktik - zum Leidwesen von Lieblingsgast Eintracht Frankfurt, das nach dem 1:3 um die Qualifikation für die Champions League bangen muss.

Von Milan Pavlovic, Leverkusen

Wenn man sich den Kader von Bayer 04 Leverkusen als Fuhrpark vorstellt, sieht man vor dem inneren Auge etliche Maseratis, Ferraris und Lamborghinis: schnittige Teile mit maximaler Beschleunigung und fabelhafter Endgeschwindigkeit. Das zeigt man als Besitzer gerne her. Das Problem ist nur, dass es in der Bundesliga oft reicht, Tempo-30-Zonen zu errichten und verkehrsberuhigende Hubbel einzustreuen, um diese protzigen Gefährte einzubremsen. Über solche "Drempel", wie der Niederländer sie nennt, ist zuletzt Trainer Peter Bosz in Leverkusen gestolpert. Dem Holländer war es nicht mehr gelungen, die richtige Abstimmung zwischen Luxusflitzern und Nutzfahrzeugen zu finden und einen Plan B vorzulegen, wenn die Turbo-Offensive nicht zündet.

Auch Bosz' Nachfolger, der auf Leihbasis vom DFB geholte Hannes Wolf, 39, bekam die Mischung zunächst nicht überzeugend hin. Sieben Punkte aus den ersten vier Partien konnten nicht darüber hinwegtäuschen, wie oft bei Bayer das Getriebe streikte. Es bedurfte offenbar des Besuchs von Lieblingsgegner Eintracht Frankfurt, um die Sache geschmeidig in Gang zu bringen. Der Werksklub hat die vergangenen sieben Heimspiele gegen die Hessen mit 3:0, 3:0, 4:1, 6:1, 4:0, 4:1 (Pokal) und nun 3:1 gewonnen. Die Tore fielen diesmal zwar erst nach der 70. Minute, sie waren aber die logische Folge der Leistungen. Die Leverkusener waren - nur vier Tage nach einer desolaten ersten Viertelstunde beim 0:2 in München - von der ersten Minute an hellwach und zielgerichtet. Das Einzige, was sie zunächst stoppte, war Eintracht-Keeper Kevin Trapp in seinem 200. Bundesliga-Spiel.

"Wir haben Frankfurts Stärke gebrochen", lobt Kerem Demirbay

Wolf hatte angekündigt, er habe die Spieler "richtig scharf gemacht". Aber bei Leverkusen geschah diesmal vieles mit Feuer und Hirn - das ist beim Werksklub seit Jahresbeginn keine Selbstverständlichkeit. Man habe Frankfurts "Stärke gebrochen", lobte Kerem Demirbay, der Schütze des 3:1, sich und seine Mitspieler, "deren Mentalität, deren Aggressivität, deren Leidenschaft. Wir waren in allen Belangen einfach ein Stückchen besser. Das ist der Weg!" Der oft kritisierte Verteidiger Jonathan Tah analysierte treffend: "Wichtig war, dass wir den Kampf annehmen, weil Frankfurt eine Mannschaft ist, die sehr über Physis kommt. Das haben wir einfach besser als sie gemacht."

Tah lieferte die unerwartete Pointe des Spiels. Denn nicht nur die Offensive funktionierte, mit dem 17-jährigen Abiturienten Florian Wirtz als Mini-Turbo. Auch und gerade die Defensive überzeugte - und das, obwohl der oft ramponierte Sven Bender mal wieder kurzfristig ausgefallen war. Innenverteidiger Tah, zuletzt eher wie ein Sattelschlepper unterwegs, spielte deshalb rechts hinten und entschied das scheinbar unmögliche Duell gegen Frankfurts Flitzer Filip Kostic klar für sich; und Aleksandar Dragovic, der manchmal wie ein Ochsenkarren behandelt wird, räumte an Tahs Stelle in der Mitte auf und leitete obendrein den feinen Konter zum 2:0 ein, den der eingewechselte Lucas Alario mit einem gekonnten Lupfer abschloss (80.).

Leverkusen, Bayarena, 24.04.21, GER, Herren, 1.Bundesliga, Saison 2020-2021, Bayer 04 Leverkusen - Eintracht Frankfurt B

Technisch fein: Lucas Alario lupft den Ball über Frankfurts Torwart Kevin Trapp zum 2:0 für Leverkusen.

(Foto: Ulrich Hufnagel/imago)

Vielleicht klappte der glänzende Bayer-Auftritt aber auch deshalb so gut, weil Frankfurt mitspielen wollte - dabei freilich wahlweise "zu naiv" oder "zu lethargisch" agierte, wie Frankfurts Trainer Adi Hütter und Defensivkraft Martin Hinteregger monierten. Beide sind Österreicher und reden nicht lange rum, um zum Punkt zu kommen. Das heißt aber nicht, dass sie sich immer einig sind. Hütter sah vor dem ersten Gegentor Fehler von der Hälfte seiner Belegschaft, angefangen bei Trapp, der von Bailey getunnelt wurde (70.). Hinteregger hingegen lobte Leverkusen für einen "Treffer, wie ihn sonst nur Manchester City hinbekommt". Und während Hütter nach zuletzt zwei Niederlagen aus drei Partien sagte, man habe noch immer alles selbst in der Hand, um die Champions League zu erreichen, ließ Hinteregger erkennen, dass Zweifel aufgekommen sind: "Nachdem wir sieben Punkte vorne waren, ist das Gefühl jetzt eher dazu umgeschwenkt, dass wir die Champions League verlieren können."

"Wir müssen nur auf uns selbst schauen", sagt Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic. "Das ist das Schönste."

Die scheidenden Chefs bemühten sich, alle "Schwarzmalerei" im Keim zu ersticken. Sportvorstand Fredi Bobic rechnete hoch: "Wenn wir die restlichen drei Spiele gewinnen, dann sind wir immer noch einen Punkt vorne. Dortmund muss auch erstmal seine Spiele gewinnen. Es liegt in unserer Hand, wir müssen nur auf uns selbst schauen. Das ist das Schönste." Hütter sagte: "Wenn wir vor der Saison gesagt hätten, wir sind international dabei und unter den ersten Sechs, hätten das wahrscheinlich alle unterschrieben. Jetzt sind wir auf Platz vier und möchten natürlich in die Champions League. Dass dann etwas Druck dazu kommt, ist das eine, auf der anderen Seite können wir eigentlich nur gewinnen." Unter Zugzwang seien Dortmund und Wolfsburg, die beiden anderen Aspiranten auf die Plätze drei und vier, genauso.

Wichtig ist es, jetzt nicht zu übertouren und richtig dosiert das Tempo zu steigern. Die Frage ist, ob Hütter derzeit das richtige Gespür dafür hat. Laut Boulevard-Informationen war er zuletzt in einem Porsche auf einer Tempo-100-Strecke schlappe 100 Stundenkilometer zu schnell unterwegs. Er darf nun vier Monate lang höchstens auf den Beifahrersitz.

© SZ/sjo
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