Veh-Abschied beim VfB Stuttgart Der Werkzeugkoffer ist leer

Freiwilliger Rücktritt: Armin Veh.

(Foto: AFP)

Nach Armin Vehs überraschendem Rücktritt besitzt der VfB nur noch Co-Trainer und Co-Sportchefs. Zumindest die Trainerfrage könnte bald gelöst sein: Huub Stevens soll den Verein ein weiteres Mal retten.

Von Christof Kneer

Am Montag um 13 Uhr saßen sie alle vor dem Fernseher, Fredi Bobic, Thomas Tuchel und vermutlich der Rest der Branche. Es kam, leider nur im Spartensender, ein hoch interessantes Programm, es war eine Mischung aus Comedy, Philosophie-Stunde und Trauer TV. "Des is' doch kei' Beerdigung hier", sagte irgendwann Armin Veh, der mutmaßlich einzige Prominente der Branche, der die Übertragung im Spartensender nicht verfolgte. Aber Veh war entschuldigt, er konnte nicht vor dem Fernseher sitzen. Er war selber drin.

Man hat sich daran gewöhnt, dass der VfB Stuttgart im Spätherbst seine Trainer entlässt, viele Jahre war das ein schönes, wärmendes Ritual, das einen daran erinnerte, dass bald Weihnachten ist. Im vergangen Jahr hat der VfB das Ritual schon unterbrochen, er hat seine Trainer im August entlassen (Bruno Labbadia) und im März (Thomas Schneider), und jetzt, im November 2014, war es schon wieder nicht so wie früher: Der VfB hat seinen Trainer schon wieder nicht entlassen. Der Trainer (Armin Veh) hat das selbst erledigt.

"Es ist besser, wenn ich nicht da bin"

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"Ich glaube, dass es besser ist, wenn ich nicht da bin", begründete Veh seinen Rücktritt am Tag nach dem 0:1 gegen den FC Augsburg in einer extra organisierten Abschieds-Pressekonferenz - vier Tage vor dem Abstiegsduell beim SC Freiburg.

Es gibt einige Veh-Kenner in der Branche, die diese Entwicklung geahnt haben, wenn auch nicht so früh. Veh, 53, ist ein jovialer Typ, seine Sätze haben manchmal einen so trockenen Charme, dass im Presseraum beinahe die Sprinkleranlage angeht, aber hinter dieser Cowboy-Coolness verbirgt sich eine empfindsame Seele. Im Grunde seines Herzens ist Veh immer noch, was er als Spieler war: ein Künstler, kein Kämpfer. Der Spieler Veh war begabter als Lothar Matthäus, laut eigener Aussage und auch laut Aussage von Lothar Matthäus, aber er mochte es nicht, wenn ihm ein Gegenspieler auf die Füße trat.

Der Trainer mag es nicht, wenn ihm das Schicksal auf die Füße tritt. Er mag es nicht, wenn sein Team als Tabellenletzter gegen Augsburg rechtschaffen kämpft, aber früh einen Spieler wegen einer gelb-roten Karte einbüßt (Schwaab, 27.) und das Spiel dann durch einen Hand-Elfmeter verliert, obwohl die Hand des VfB-Spielers Hlousek nicht zum Ball geht, sondern vom Ball weg. "Schauen Sie sich an, wie das Spiel gegen Augsburg gelaufen ist", sagte Veh, "das ist es, was ich mit dem fehlenden Quäntchen Glück meine. Und das projiziere ich auf mich, weil ich der Verantwortliche bin."

Für all jene, die nicht zufällig Armin Veh sind, mag diese Logik schwer zu verstehen sein, zumal Veh durch den Rücktritt zumindest auf die reguläre Abfindung verzichtet. "Auch hier hat sich Armin Veh als Gentleman erwiesen", sagte Präsident Bernd Wahler, Geld sei "kein Faktor" gewesen, der Vertrag werde in beidseitigem Einvernehmen aufgelöst. Aber wer Veh kennt, den wundert diese Art der Konsequenz nicht. Es ist nicht sein erster Rücktritt, 2003 in Rostock ist der Cowboy schon einmal freiwillig in den Sonnenuntergang geritten, und Vehs erster Abschied in Stuttgart, im November 2008, wurde als Entlassung verkauft, trug aber zumindest Züge einer Aufgabe. Der Meistertrainer, der den VfB 2007 noch pfiffig zum Titel gecoacht hatte, spürte auch damals, dass sein Werkzeugkoffer leer ist.