USA verliert 0:2 Wirres Piksen

Gleich klingelt's: Die USA starten denkbar schlecht in die Copa América Centenario im eigenen Land - mit einem 0:2 gegen Kolumbien.

(Foto: Marcio Jose Sanchez/AP)

Die US-Nationalelf ist zum Turnierauftakt gegen Kolumbien chancenlos - und Jürgen Klinsmann muss sich kritische Fragen stellen lassen. Doch der Trainer will Positives erkannt haben.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt drei Gesichtsausdrücke von Jürgen Klinsmann, deren Betrachtung vollkommen genügt, um die erste Partie der Copa América Centenario zwischen den Vereinigten Staaten und Kolumbien zu verstehen. Der erste ist ein gequältes Lächeln verbunden mit einem langsamen Kopfschütteln, ein Ausdruck der ratlosen Verblüffung über das, was der Defensive seiner US-Nationalelf passierte. Sie ließ sich in der achten Minute von einem Bauerntrick des Gegners übertölpeln, als sich bei einem Eckball ein kolumbianischer Akteur dem Verteidiger Geoff Cameron in den Weg stellte und so seinen Kollegen Cristián Zapata frei sperrte. Der nahm die Hereingabe volley und prügelte den Ball aus zehn Metern ins Tor.

Klinsmanns Mimik verriet, dass er sich maßlos ärgerte über diesen Treffer, hatte er doch vor der Partie seine Spieler öffentlich zu erhöhter Aufmerksamkeit bei gegnerischen Standards gewarnt - und auch davor, gegen die überaus konterstarken Kolumbianer in Rückstand zu geraten. Was hätte er von der Seitenlinie aus gegen diesen Treffer tun könnten? Nichts, deshalb schüttelte Klinsmann genervt lächelnd den Kopf. Passend dazu war auch der zweite Gesichtsausdruck des Trainers in der 42. Spielminute, diesmal war es ein gequältes Lächeln mit sarkastischem Kopfnicken, ein Klar-pfeift-er-das-jetzt-Ausdruck, nachdem Schiedsrichter Roberto Garcia bei einem ungeschickten Handspiel von US-Verteidiger DeAndre Yedlin auf Strafstoß entschieden hatte. James Rodríguez schubste den Ball aus elf Metern ins Tor.

Klinsmann will ein "Spiel auf Augenhöhe" gesehen haben

Die Amerikaner verloren diese Partie mit 0:2 - ein Ergebnis, das die ohnehin schon hitzigen Debatten um die Qualität der US-Elf und die Entwicklung unter Klinsmann in den vergangenen fünf Jahren noch ein bisschen schärfer werden lassen dürften. Der hatte dieses Turnier als Gradmesser für die Fähigkeiten seiner Mannschaft ausgerufen und musste nun freilich erst einmal ein enttäuschendes Resultat erklären. "Das Ergebnis spricht gegen uns - aber wir waren absolut ebenbürtig", sagte Klinsmann danach: "Wir wurden bei zwei Standards bestraft. Wenn du gegen eine Mannschaft dieser Qualität nicht den Anschluss schaffst, wird es schwer. Ansonsten war es ein Spiel auf Augenhöhe."

Nun, es wäre vielleicht ein Spiel auf Augenhöhe gewesen, wenn sich die Kolumbianer die komplette Spielzeit über geduckt hätten. Das taten sie jedoch nicht. Es war nun auch nicht so, dass sich die Kolumbianer auf ihre Zehenspitzen stellen oder gar hüpfen mussten. Sie agierten wie ein cleverer Tischtennisspieler, der die eher wirren Attacken des Gegners geschickt abwehrt und mit abgeklärten Aktionen einzelne Punkte sammelt und am Ende die komplette Partie ohne größere Probleme gewinnt. Sie agierten nach der Führung gelassen und kombinierten nach dem zweiten Treffer bisweilen derart sicher, dass sich viele der 67 439 Zuschauer im Stadion in San José für "Olé"-Rufe begeistern konnten. Und die Amerikaner? Schossen in der ersten Halbzeit kein einziges Mal aufs gegnerische Tor.

Erst nach 60 Minuten erinnerten sie sich daran, dass für ein Comeback in dieser Partie zwei Treffer nötig gewesen wären - und dass man für dieses Ziel vielleicht doch aufs Tor zielen sollte. Jermaine Jones und Michael Bradley wühlten dafür durchs Mittelfeld, sie grätschten, sie gestikulierten wild, doch Fußball spielten sie nur ganz selten. Ein Kopfball, ein Schuss und ein Freistoß von Clint Dempsey, das waren die sehenswertesten Chancen gegen eine kolumbianische Elf, die in der zweiten Halbzeit konzentriert verteidigte und bei einem der zahlreichen Konter durchaus noch einen Treffer mehr hätte erzielen können - Carlos Bacca etwa traf die Unterkante der Latte.

Klinsmann sieht aus als würde er am liebsten brüllen: "Was wollt Ihr denn?"

"Ich glaube, dass wir aus diesem Spiel positive Sachen mitnehmen können", sagte Klinsmann: "Unsere Spieler haben gegen die Nummer drei der Weltrangliste mitgehalten. Wir können so einer Mannschaft wehtun." Doch die Amerikaner haben der kolumbianischen Mannschaft nicht wehgetan an diesem Abend. Sie haben den äußerst abgeklärten Gegner höchstens vorsichtig in die Seite gepikst und hin und wieder ein bisschen geärgert. Wehgetan aber hat sich ausschließlich die amerikanische Defensive, die diese Partie mit Anfängerfehlern und Ungeschicktheit verloren hat.

Das führt zu Klinsmanns drittem Gesichtsausdruck an diesem Abend: ein starrer Blick in die Richtung eines Journalisten. Klinsmann gab sich redlich Mühe, diesen Gegner als einen der kniffligsten der Welt darzustellen und diese Partie als das Duell zweier Teams auf Augenhöhe auszuweisen. Doch der Journalist wollte das nicht hören, er fragte vielmehr, warum Klinsmann erst so spät den talentierten Stürmer Christian Pulisic von Borussia Dortmund aufs Feld geschickt hatte und ob seine Elf nun vor den folgenden Gruppenspielen gegen Costa Rica und Paraguay nicht schon arg unter Druck stehen würde.

Klinsmann blieb geduldig, obwohl er manchmal so wirkte, als würde er am liebsten aufstehen und brüllen: "Was wollt Ihr denn? Wer gegen eine der besten Mannschaften der Welt solche Fehler macht, der verliert am Ende eben." Klinsmann vermittelte diese Botschaft gelassen - er weiß jedoch auch, dass er vor diesem Turnier verkündet hat, dass die US-Elf zeigen wolle, wo sie zwischen den beiden Weltmeisterschaften steht. Und für Klinsmann gilt wie für jeden Trainer auf der Welt: Wer die erste Partie bei einem Turnier verliert und dabei weniger oft aufs Tor zielt als der Gegner Treffer erzielt, der bekommt eben kritische Fragen gestellt.