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USA:Super-Verteiler im Ameisenhaufen

Vor dem Staples Center: Basketball-Fans trauern um den am 26. Januar bei einem Hubschrauber-Absturz verstorbenen Lakers-Profi Kobe Bryant. Der Botschaft folgten die ersten Meldungen von der Corona-Krise in den USA.

(Foto: Robyn Beck/AFP)

War die Multifunktions-Arena in Los Angeles ein Multiplikator der Pandemie?

Wer mal durch die Katakomben des Staples Center in Los Angeles gelaufen ist, der weiß, dass passieren musste, was dort passiert ist. Die Kabinen der Basketballteams Lakers und Clippers, des Eishockeyklubs Kings und ihrer Gegner sind jeweils nur 50 Schritte voneinander entfernt. Dazwischen: Pressekonferenz-Räume, Arztzimmer. Gegenüber: Umkleiden der Tänzer, Lounges für Familienmitglieder der Akteure und jene Leute, die zu berühmt sind für eine einfache VIP-Loge. Beim Spiel der Lakers am Nachmittag stehen die Eishockeytore für die Partie der Kings am Abend schon im Flur bereit - direkt neben jener Tür, an der Mitarbeiter die Getränke und Snacks holen für die Prominenz am Spielfeldrand.

Es ist eng in dieser ansonsten riesigen Arena, Berührungsängste gibt es kaum. Sportler treffen Journalisten in der Kabine, oftmals noch verschwitzt, man begrüßt sich auch per Handschlag oder Umarmung. Die Akteure begegnen Freunden, Familienmitgliedern und Prominenten wie den Musikern Jay-Z oder Beyoncé. Die Cheerleader der Lakers verlassen die Halle, die "Ice Crew" der Kings, die in den Drittelpausen das Eis säubert, kommt entgegen; Helfer tragen Lakers-Plakate raus und Kings-Souvenirs rein. Wer von der Kabine zu seinem Auto gehen will, legt einen Halbkreis in den Katakomben zurück, vorbei an Umkleiden für die 1700 Leute, die am Spielfeldrand oder auf den Tribünen stets fleißig arbeiten. Es geht zu wie im Ameisenhaufen.

Kein Wunder, dass diese Arena nun als "Ground Zero" des US-Sports gilt - mit vermutlich drastischen Auswirkungen.

Die Hälfte aller Basketballprofis aus der NBA, die mittlerweile positiv auf das Coronavirus getestet wurden, hatte in den beiden Wochen zuvor dort gespielt - und alle, die in dieser Zeit dort aktiv waren, hatten danach wegen des Spielplans Kontakt zu Akteuren aller 30 NBA-Teams. Zudem wurden bis zum Montagabend zwei Eishockeyprofis der Ottawa Senators, die am Tag vor der Saison-Unterbrechung bei den Kings spielten, positiv getestet. Beide hatten am Abend zuvor auch das Basketball-Derby der Lakers gegen die Clippers besucht.

Nun wird debattiert, warum in den USA deutlich mehr Profisportler einem Test unterzogen wurden als gewöhnliche Bürger. Das führt zu Überschriften wie in der New York Times: "Sie brauchen einen Coronavirus-Test? Reich und berühmt zu sein, könnte helfen." Das mag sein, NBA-Chef Adam Silver verschickte schon Mitte Februar ein Memo an die Teams, sich auf die Pandemie vorzubereiten. Allerdings ist das nur die halbe Geschichte, wie der Blick auf die Spielpläne von Lakers, Clippers und Kings zeigt. Ihre Tournee führte quer durch die Vereinigten Staaten: Milwaukee, Brooklyn, New Orleans, Boston, Denver, Miami, Las Vegas, New Jersey, Pittsburgh ...

Es gibt elf Arenen, in denen sowohl Basketballer (NBA) als auch Eishockeyprofis (NHL) antreten. Deshalb werden die Sportler dieser beiden Ligen mittlerweile "Super Spreader" genannt: Super-Verteiler. Und das Staples Center gilt als Super-Spread-Arena. Wie die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC bestätigte, war es dringend nötig, die möglichen "Super Spreader" möglichst rasch zu testen. Es ist also nicht unbedingt eine Vorzugsbehandlung für Berühmte, sondern tatsächlich eine nachvollziehbare Maßnahme.

Vom Bekanntwerden des ersten Coronavirus-Falls in den USA am 21. Januar bis zur Unterbrechung der NBA-Saison sieben Wochen später fanden im Staples Center 39 Veranstaltungen statt. Zwölf Spiele der Kings, 19 von Lakers oder Clippers, die Gedenkfeier für den verstorbenen Basketballer Kobe Bryant, zu der Trauergäste aus dem ganzen Land ein- und ausflogen, dazu die Verleihung des Musikpreises Grammy, Konzerte der Rockband Kiss und der mexikanischen Kapelle Banda MS, zweimal das beliebte Bullenreiten.

Am 10. März spielten die Lakers gegen die Brooklyn Nets. Vor der Partie umarmte Nets-Center DeAndre Jordan, einst bei den Clippers in Los Angeles unter Vertrag, ein paar Journalisten und auch Arena-Mitarbeiter am Spielfeldrand. Nach der Partie sagte der Lakers-Profi Denny Green über die Desinfektionsmittel in der Arena und die Mahnung, sich möglichst voneinander fernzuhalten: "Manche tun es, manche nicht. Mir ist das egal. Ich gebe weiter Autogramme, schüttele Hände. Extra-Desinfektion ist nicht unbedingt Priorität gerade."

Einen Tag später wurde die Saison wegen des positiven Tests von Rudy Gobert (Utah Jazz) unterbrochen. Inzwischen sind vier Akteure der Brooklyn Nets positiv getestet worden (darunter der verletzte Kevin Durant) sowie zwei namentlich bislang nicht bekannte Lakers-Profis. Der Arena-Chef Lee Zeidman behauptete, dass eine Ansteckung über Sportarten und Veranstaltungen hinweg unwahrscheinlich sei. Nur: Wegen der Corona-Warnung hielten die Kings vor ihrer Partie Pressekonferenzen und Treffen mit Journalisten dort ab, wo sich am Abend zuvor die Nets umgezogen hatten - danach gingen sie aufs Eis gegen die Senators.

In der Nähe des Staples Center bauen sie einen Sportpalast für mehr als 100 000 Zuschauer

Es dürfte sich, sagt eine Mitarbeiterin der Gesundheitsbehörde von Los Angeles am Telefon, nicht zweifelsfrei klären lassen, wie genau das Virus ins Staples Center gelangt ist. Fest steht: Die Arena im Stadtzentrum ist kein Fußballstadion, in dem alle zwei Wochen das Heimspiel eines Klubs stattfindet. Es gibt darin mehr als 250 Veranstaltungen pro Jahr, dazu kommt auf der anderen Straßenseite eine Halle mit 7100 Sitzplätzen und das Grammy Museum. Ein paar Schritte entfernt: die Messehallen des Los Angeles Convention Center.

"Der unterhaltsamste Ort der Welt", so nennt sich das Gelände in Downtown Los Angeles, das unter dem Begriff "LA Live" zusammengefasst wird. Wenn alle gesund sind, ist das ein Ort der Lebensfreude, eine Stätte der Begegnung, ein Platz für Sport und Popkultur. Angesichts der Pandemie wird nun debattiert: War es je möglich, das Staples Center ordentlich zu putzen, wenn etwa die Partie der Lakers gegen die Celtics am 23. Februar um kurz vor 16 Uhr beendet ist - und um 19 Uhr das Eishockeyspiel der Kings gegen die Oilers beginnt?

Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern. Bleibt für die Zukunft die Frage, ob es wirklich megalomanische Erlebniszentren wie "LA Live" mit mehreren Arenen nebeneinander braucht, die bei mehreren Veranstaltungen pro Tag eher durchgewischt als gereinigt werden. In Fahrradweite des Staples Center bauen sie gerade einen Sportpalast für mehr als 100 000 Zuschauer, in dem zwei Footballteams (Rams und Chargers) ihre Heimspiele austragen werden sowie Konzerte und andere Sportereignisse wie ein Tennisturnier stattfinden sollen. Daneben kommt eine 6000-Zuschauer-Halle für Konzerte, die Oscarverleihung und das olympische Volleyballturnier 2028. Dazu: ein 300-Zimmer-Hotel, 2500 Wohnungen, 800 000 Quadratmeter Bürofläche, Kino, Einkaufszentrum, Restaurants. Es kann dann aber niemand mehr sagen, dass doch keiner ahnen konnte, dass dort noch einmal passieren könne, was im Staples Center im Februar/März 2020 geschah.

© SZ vom 25.03.2020

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