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Sport und Corona:Die US-Leichtathletik wird zur Privatsache

Hochleister mit ungewisser Perspektive: US-Sprinter Michael Norman ist stark in Form, muss 2020 aber ohne nationale Meisterschaften auskommen.

(Foto: Ezra Shaw/AFP)

Erstmals seit 145 Jahren fallen die US-Meisterschaften aus, man trifft sich zur Erfüllung von Sponsoren-Verträgen nur noch in kleineren Meetings. Experten sehen schwere Zeiten auf den olympischen Sport im Land zukommen.

Von Johannes Knuth

Die digitalen Ausgrabungsarbeiten waren erstaunlich schnell erledigt. Leichtathleten im Amerika der 1880er Jahre, das hatten Nutzer in den sozialen Netzwerken bald herausgefunden, waren meist in schweren Baumwollhosen unterwegs, und natürlich ohne Spikes, Sauerstoffzelte und sonstiges neumodisches Sporthandwerkzeug. Die USA bestanden damals noch aus 37 Staaten, Präsident war der einstige Bürgerkriegsgeneral Ulysses S. Grant, dessen Ägide, wie die digitale Enzyklopädie Wikipedia gewissenhaft notiert, durch Korruptionsskandale in bis dahin unbekanntem Ausmaß geprägt war - womit die 1880er schon wieder sehr an 2020 erinnern. 1875 war jedenfalls auch ein Jahr, und das spannt nun den Bogen zu den jüngsten Ereignissen, in dem keine US-Leichtathletik-Meisterschaften stattfanden, ehe sie 144 Jahre lang Jahr für Jahr abgehalten wurden. Bis jetzt.

Am Montagabend verkündete der amerikanische Verband (USATF), dass man die diesjährige Auflage ersatzlos streichen müsse. Die Titelkämpfe waren ursprünglich auf Mitte Juni in Eugene terminiert und dann, nach der Verschiebung der Sommerspiele in Tokio ins nächste Jahr, auf unbestimmte Zeit ausgesetzt gewesen. Die wuchernde Corona-Pandemie in den USA lasse nun nicht einmal zu, so USATF, dass man einen handverlesenen Kreis an Topathleten im Herbst an einem Ort versammeln könne: zu riskant.

Der Beschluss schickte nicht gerade Schockwellen durch die Nation, allerdings sind die USA in der Leichtathletik traditionell die erfolgreichsten Dienstleister, während der Sommer- und Winterspiele ist das Land gar ein olympischer Herzschrittmacher mit seiner Begeisterung. Wenn nun Olympias Kernsportler in dem Land leiden, dann sind das auch keine guten Nachrichten für die Ringe-Bewegung, die gerade ohnehin Phantomschmerzen hat: Am kommenden Freitag hätten die diesjährigen Spiele in Tokio eröffnet werden sollen. Deren Ausrichtung im kommenden Jahr wurden zuletzt auch vom Sog immer heftigerer Zweifel erfasst.

Auch die US-Szene reagierte zunächst (noch) gefasst, viele Topathleten können sich seit Kurzem (noch) bei kleinen Wettstreiten fit halten. Meist sind es Zusammenkünfte lokaler Trainingsgruppen, die sich abgeschottet von der Öffentlichkeit messen. Die Deutsche Konstanze Klosterhalfen, WM-Dritte über 5000 Meter im Vorjahr, die weiterhin in Portland unter dem umstrittenen Nike-Coach Pete Julian trainiert, nutzte zuletzt eines dieser Privatmeetings, um ihre Bestzeit über 1000 Meter auf 2:37,05 Minuten zu steigern.

Der Bringer war bislang Ryan Crousers Auftritt in Marietta, einer Stadt in Georgia (deren Wahrzeichen, wie Wikipedia gewissenhaft notiert, das Big Chicken ist, "eine 17 Meter hohe Stahlkonstruktion, die ein sich bewegendes Huhn darstellt"). Der Kugelstoß-Olympiasieger stieß auf einem Aschefeld, das womöglich bereits in den 1880er Jahren im Einsatz war, 22,91 Meter - weltweit waren überhaupt erst drei Stoßer besser. Am Montag legte Michael Norman, eigentlich ein 400-Meter-Fachmann, in Fort Worth 9,86 Sekunden über 100 Meter nach. Schneller war zuletzt nur sein Landsmann Christian Coleman gewesen, der gerade provisorisch gesperrt ist. Er war, grob gesagt, lieber shoppen gegangen, als für Dopingtests bereitzustehen.

Noch härter trifft es die Nachwuchsligen

Derartige Leistungen in abgeriegelten Umfeldern sind freilich immer auch von Zweifeln umweht, zumal nach Monaten, in denen große Lücken im Doping-Kontrollsystem klafften. Welch Probleme die vielen Absagen im US-Sport schon jetzt verursachen, zeigten weitere Auftritte von Michael Norman in Fort Worth: Er joggte auch über die ungewohnten 60, 150, 250 und 300 Metern ins Ziel. Ausrüster wie Nike fordern von vielen ihrer Athleten, dass sie eine bestimmte Zahl an Rennen in einem Jahr absolvieren. So weit, so grotesk.

Noch härter trifft es derzeit den Zulieferbetrieb des US-Sports: die Nachwuchsligen, die in den USA über die Colleges organisiert sind. Auch in den olympischen Sportarten fielen zuletzt nahezu alle nationalen Uni-Meisterschaften aus, viele Colleges stellen gerade ganze Sparten ein, um in Corona-Zeiten Kosten zu sparen - meist in Sportarten wie der Leichtathletik. Diese Zweige bringen zwar oft olympische Medaillengewinner hervor, die davon profitieren, dass Sport und Ausbildung in den USA oft besser verzahnt sind. Die Sparten werfen aber selten großen Gewinne ab wie die millionenschweren Football- und Basketballteams.

Als die Universität Akron zuletzt ihre Crosslauf-Sparte einstellte, zog sie auch den Zorn ihres Alumni Clayton Murphy auf sich. Murphy hatte im unscheinbaren Akron eine Karriere vorbereitet, die ihn 2016 zu olympischem Bronze über 800 Meter führte. So lange die Uni das Programm nicht wieder eingliedere, sagte Murphy, verbiete er ihr, mit seinem Konterfei zu werben. Und an die Adresse von USATF richtete er nun: Vielleicht könne man die Gelder, die durch die Absage der US-Meisterschaften freigeworden sind, ja Athleten zukommen lassen, die nicht mit üppigen Sponsorenverträgen ausgestattet sind? Öffentliche Förderströme kennt der US-Sport ja weiter kaum.

Der Journalist Pat Forde, der für das Portal Sports Illustrated seit Jahren über den College-Sportbetrieb berichtet, sagte kürzlich, dass viele Universitäten die Pandemie als Ausrede nutzen würden, um weniger profitable Sportteams trockenzulegen. Das riskiere wiederum die Sportvielfalt auf nationaler Ebene, langfristig gar olympische Erfolge. Fordes düstere Conclusio: "Es ist eine gefährliche Zeit für olympische Sportler und Trainer in den USA."

© SZ vom 22.07.2020/ska

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