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USA - Mexiko:Arm in Arm

USA v Mexico soccer match

Gemeinsames Gruppenbild vor dem Anpfiff: Mexikaner und US-Amerikaner in Columbus, Ohio.

(Foto: Paul Vernon/AFP)

Grenzmauer, Freihandel, Rassismus: Mexiko hatte besonders zu leiden unter dem US-Wahlkämpfer Donald Trump. Beim 2:1-Sieg über Jürgen Klinsmanns US-Auswahl setzen die Spieler auch deshalb ein Zeichen.

Es gibt jetzt also dieses Foto. Ein Foto, das eine Botschaft vermittelt, das hineinwirkt in die Unsicherheit, die sich über die Vereinigten Staaten von Amerika gelegt hat seit der Wahl von Donald Trump zum nächsten Präsidenten. Vor einem Fußballspiel posieren die beiden Teams normalerweise für jeweils ein Foto, die eine Elf auf der einen Seite des Feldes und die andere Elf auf der anderen. So war das auch am Freitagabend geplant, beim WM-Qualifikationsspiel zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko im Stadion von Columbus, Ohio, das amerikanische Fußballfans "die Festung" nennen.

Die Fans hatten eine US-Flagge ausgerollt, die fast so groß war wie das Fußballfeld selbst, nach der amerikanischen Hymne gab es ein Feuerwerk, auf der Tribüne hielten die Menschen bunte Schilder hoch, die als Gesamtkunstwerk ein "USA" formten sowie den Slogan "One Nation One Team". Alles sehr patriotisch. Aber dann trafen sich an der Mittellinie die amerikanischen und die mexikanischen Spieler, sie umarmten einander - und stellten sich gemeinsam auf anstatt jeder für sich. Zwei Nationen, zwei Teams, Arm in Arm, ein Foto. Klick.

Mexiko gehört zu den großen Verlieren der Präsidentschaftswahl: Trump hatte während des Wahlkampfes immer wieder die Mexikaner beleidigt - er will eine Grenzmauer bauen und das Freihandelsabkommen Nafta kündigen. "Armes Mexiko", so beginnt ein altes Sprichwort. Es geht so weiter: "So weit von Gott entfernt und den Vereinigten Staaten so nah!"

Dieses Fußballspiel in Columbus, der Hauptstadt des im Wahlkampf viel beachteten Bundesstaates Ohio, es war plötzlich viel mehr als nur ein Duell um einen Platz bei der WM 2018 in Russland. "Es ist nur eine Sportveranstaltung", hatte der deutsche US-Trainer Jürgen Klinsmann am Tag davor gesagt, dabei aber so geguckt, als glaube er diese Aussage selbst nicht. Mexiko gewann 2:1, aber wer nun behauptet, dass es beim Fußball immer nur um Fußball geht, der hat weder vom Fußball noch vom Leben viel Ahnung.

Um zur WM nach Russland zu fahren, sollten die USA wenigstens in Costa Rica gewinnen

Es geht immer um mehr, zumal sich die Amerikaner während der Amtszeit von Trump um zwei sportliche Großveranstaltungen bewerben: Sie würden gerne die Olympischen Spiele 2024 in Los Angeles ausrichten (das IOC vergibt die Spiele im kommenden Jahr) und 2026 Gastgeber der Fußball-WM sein - womöglich gemeinsam mit Kanada oder, ja wirklich, Mexiko. So war es jedenfalls mal gedacht. Der Fußball-Weltverband Fifa bestimmt darüber im Jahr 2019. Die Chancen auf einen Zuschlag sind nun drastisch gesunken.

Was viele im Land sicher schade fänden. Denn Fußball ist in den vergangenen Jahren zu einem Spektakel geworden, das die Amerikaner verbindet und bei dem sie ihrer Liebe zur Nation frönen können wie sonst nur am Unabhängigkeitstag. In den für sie bedeutsameren Sportarten American Football, Baseball, Basketball und Eishockey interessieren sie sich nicht besonders für Länderkämpfe - dafür nennen sie das siegreiche Team ihrer jeweiligen Profiliga schamlos "World Champion". Bei Partien der Klinsmann-Elf allerdings, da versammeln sich die Menschen inzwischen in den Bars, nicht selten als wandelnde Amerika-Flagge verkleidet.

So auch am Freitagabend in einer Bar im Süden von Los Angeles, die Underground heißt und in der der kalifornische Ableger der American Outlaws gegründet worden ist, der größte Fanklub der US-Nationalelf. Etwa 300 Menschen sind da, bei der Hymne legen sie die Hand aufs Herz und singen mit, danach brüllen sie: "U-S-A! U-S-A!" Aber auch die beiden jungen Männer in Mexiko-Trikots werden herzlich begrüßt, es stellt ihnen sogar jemand einen Eimer voller Bier hin.

Die Menschen in dieser Bar beklatschen nun den amerikanischen Verteidiger Omar Gonzalez, dessen Eltern einst aus Mexiko in die USA geflüchtet sind. Sie pfeifen den Mexikaner Héctor Herrera aus, als der sich recht theatralisch fallen lässt, einer ruft: "Ihr seid keine Vergewaltiger und keine Räuber, aber ihr seid verdammte Schauspieler." Gelächter. Als Vergewaltiger und Kriminelle bezeichnet Trump Mexikaner ebenso gern wie pauschal. Die Menschen in der Bar debattieren, warum die beiden amerikanischen Mittelfeldspieler Jermaine Jones und Michael Bradley vor dem ersten Gegentor derangiert wirken und warum Torwart Tim Howard beim abgefälschten Schuss von Miguel Layun (20.) umkippt wie eine Bahnschranke. Sie analysieren, dass der Ausgleich durch Bobby Wood (49.) aus der taktischen Umstellung von Klinsmann während der Halbzeitpause resultiert und dass der Siegtreffer der Mexikaner durch Rafael Marquez kurz vor dem Ende ziemlich glücklich ist (89.). Aber auch verdient. Sie reden darüber, dass die US-Auswahl nun am Dienstag in Costa Rica unbedingt gewinnen muss, um nicht mit zwei Niederlagen in die WM-Qualifikation zu starten und am Ende zu den beiden Teilnehmern in dieser Sechs-Nationen-Gruppe zu gehören, die nicht nach Russland fahren dürfen.

Als Klinsmann nach dem Spiel sagt: "Wir sind ziemlich wütend über diese Niederlage", da sagt einer mit Amerika-Shirt und Amerika-Hut: "Ja, ich auch!"

Irgendwann geht es in dieser Bar in Los Angeles und auch im Stadion in Columbus tatsächlich nur noch um Fußball. Das ist wohl nur möglich, weil die amerikanischen und mexikanischen Spieler dieses Bild, das den Menschen in Erinnerung bleiben wird von dieser Partie, bereits vor dem Anpfiff geliefert haben. Arm in Arm.