USA Klinsmann nicht nach Russland

Die Stunde des Grüblers. Mit dem 2:3 gegen Mexiko hat Trainer Jürgen Klinsmann einen weiteren Rückschlag auf seiner US-Mission erlitten.

(Foto: Marcus Brandt/dpa)

Die amerikanische Nationalmannschaft verpasst den Confederations Cup 2017 und damit das nächste große Ziel.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Nach 118 Minuten setzte sich Jürgen Klinsmann erstmals hin. Zuvor hatte der Trainer der amerikanischen Nationalelf in seiner Coachingzone gewirkt wie der König beim Völkerball, der den gegnerischen Würfen ausweicht. Mit geschmeidigen Seitenschritten hatte er sich hin und her bewegt und zwei Mal (bei den Toren seiner Mannschaft) mit Sprüngen eine ansehnliche Höhe erreicht. Beim Völkerball allerdings gibt es die Regel, dass der König nach dem dritten Treffer ausscheidet und die geschützte Zone verlassen muss.

Das schöne Tor von Paul Aguilar war der dritte Treffer der Mexikaner - Klinsmann setzte sich. Kurz darauf hatten die Amerikaner 2:3 nach Verlängerung verloren.

Auf der Pressekonferenz im Rose-Bowl-Stadion von Pasadena wirkte Klinsmann wie ein Grübler. Womöglich dachte er darüber nach, was der Technische Direktor des amerikanischen Fußballverbandes über diesen Tag denken würde. Die US-Elf hat durch die Niederlage die Qualifikation für den Confederations Cup 2017 verpasst, für das wichtige Testturnier in Russland zur WM 2018. Nur wenige Stunden zuvor hatte die U23-Elf der USA 0:2 gegen Honduras verloren, sie braucht nun Siege gegen Kanada und Kolumbien, um doch noch an den Olympischen Spielen 2016 in Brasilien teilnehmen zu dürfen. Zudem: Die U20 der USA hatte vorige Woche ein peinliches 1:8 gegen Deutschland kassiert.

Dieser Technische Direktor hatte einst das Verpassen von Olympia 2012 eine "verlorene Generation" genannt. Er hatte deshalb der Qualifikation für Olympia 2016 höchste Priorität zugeschrieben, so wie er der Teilnahme am WM-Test 2017 in Russland höchste Priorität zuschrieb. Beides scheint nun zu misslingen, weshalb der Technische Direktor überhaupt nicht erfreut sein dürfte. Dieser Technische Direktor saß gegen Mexiko ebenfalls auf der Ersatzbank - der Technische Direktor ist der Trainer Jürgen Klinsmann.

Viele fragen nach dem 2:3 gegen Mexiko: Ist er noch der Richtige?

Dessen Chef heißt Sunil Gulati. Der Präsident des US-Verbandes hatte Klinsmann bei dessen Vertragsverlängerung bis 2018 zum König des amerikanischen Fußballs ernannt. Klinsmann ist nicht nur verantwortlich für die Nationalelf, sein Kompetenzbereich erstreckt sich auch über den kompletten Nachwuchsbereich. Und nun saß er da nach der Pleite gegen Mexiko und schien zu überlegen, ob der Technische Direktor dem Trainer noch vertrauen soll.

"Wir werden viele Gespräche führen. Es geht ja gleich weiter, im November beginnt die WM-Qualifikation", sagte Klinsmann: "Wir werden überlegen, auf wen wir zählen." Als Trainer meinte er da Spieler wie Clint Dempsey, 32, DaMarcus Beasley, 33, oder Jermaine Jones, 33, die für die WM 2018 womöglich zu alt sind. Hätte Klinsmann in Pasadena als Technischer Direktor gesprochen, würden seine Worte nun als das interpretiert werden, was nicht wenige Kritiker meinen: Dass der Trainer Klinsmann womöglich nicht der Richtige ist. Dass er umgehend entlassen gehört.

Klinsmann hatte zuletzt immer wieder mit Experimenten und ungewöhnlichen Nominierungen verblüfft. Dass Klinsmann so etwas bisweilen macht, daran werden sich auch jene erinnern, die sich zwischen 2004 und 2006 für die deutsche Nationalelf interessierten oder in der Saison 2008/2009 für den FC Bayern. Klinsmann begründete seine Entscheidungen stets mit diesem ganz großen Fußball-Bild, an dem er arbeitet, und das er nun mit den USA bei der WM 2018 präsentieren möchte. Zu beobachten waren allerdings seit der WM 2014 in Brasilien eher Schritte zur Seite als Schritte nach vorne.

Auch die gegen Mexiko vorgelegte Skizze sah nicht vielversprechend aus. Klinsmann verzichtete aufgrund der Brisanz auf Experimente und schickte eine erfahrene Elf aufs Feld. Darunter übrigens viele Profis, die schon sein Vorgänger Bob Bradley immer wieder nominiert hatte.

Diese Elf mühte sich, glich gleich zwei Mal (durch Treffer von Geoff Cameron von Stoke City und Bobby Wood von Union Berlin) einen Rückstand aus und hatte Chancen, die Partie zu gewinnen. Es wurde jedoch auch deutlich, dass sie der mexikanischen Auswahl - die wahrlich nicht zu den besten Teams der Welt gehört, mit denen die Amerikaner so gerne mithalten würden - technisch und spielerisch unterlegen war. Die sehenswerten Treffer erzielten die Mexikaner, und dass sie durch diesen herrlichen Volleyschuss von Paul Aguilar gewannen, war nur das Siegel auf das, was 120 Minuten lang zu beobachten war.

Wer nach dem Abpfiff von den amerikanischen Spielern wissen wollte, ob Klinsmann der richtige Trainer für den US-Fußball sei, der blickte in verunsicherte Gesichter. Die meisten gaben an, dass ihnen nicht wohl dabei sei, diese Frage zu beantworten. Jermaine Jones wollte sich äußern: "Ich habe immer gesagt, dass er der Richtige ist." Auch Clint Dempsey sagte: "Ich fühle mich wohl mit Jürgen als Trainer und freue mich, unter ihm zu spielen." Wohlgemerkt: Die einzigen beiden, die etwas sagen wollten, sind die, die in Kürze womöglich für zu alt befunden werden.

Der König des amerikanischen Fußballs hat nun zwei harte Treffer (nur Platz vier beim Gold Cup, das Verpassen des Confederation Cups) hinnehmen müssen. Aber erst beim dritten harten Treffer wird der König wohl ausscheiden, das wäre ein Scheitern auf dem Weg zur WM. Diese Qualifikation wird allerdings erst im September 2016 abgeschlossen sein, die Gegner bis dahin sind Trinidad und Tobago, Guatemala und St. Vincent und die Grenadinen. Der König wird also noch ein paar unpopuläre Schritte zur Seite machen dürfen. Er kennt seine Rolle, er hält seine Mission noch längst nicht für beendet. Klinsmann, 51, sagte in Pasadena: "Ich bin nicht hier, um gemocht zu werden."