Süddeutsche Zeitung

USA bei der Fußball-WM:Die neue Klinsmannschaft

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69 Spieler hat Jürgen Klinsmann in den vergangenen drei Jahren als US-Nationalcoach getestet, 30 von ihnen beruft er in seinen vorläufigen WM-Kader. Mit dabei ist Julian Green vom FC Bayern, den Klinsmann als "Riesentalent" feiert. Doch es gibt auch Härtefälle.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Früher passierte vieles einfach ohne großes Brimborium. Etwa, wenn Fußball-Nationaltrainer ihren Kader für ein bevorstehendes Turnier bekannt gaben. Sie taten auch das ohne großes Getöse, unaufgeregt. Am 14. Juni 1996 wussten Marco Bode, Oliver Reck und Stefan Kuntz, dass sie nach England fahren würden, weil Berti Vogts es öffentlich verkündet hatte. Vorläufige Kader gab es noch nicht - wer nominiert wurde, durfte auch mitfahren.

Vogts trainierte Deutschland, Kuwait, Schottland, Nigeria und derzeit Aserbaidschan. Er muss also gerade keinen Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien benennen, weil seine Mannschaft auch aufgrund zweier Unentschieden gegen Luxemburg deutlich in der Qualifikation gescheitert ist. Vogts ist jedoch auch Berater der amerikanischen Elf, genauso wie übrigens Matthias Hamann und Andreas Herzog. Sie arbeiten für Jürgen Klinsmann, der am Montag seinen WM-Kader veröffentlichte. Natürlich nicht jenen, der tatsächlich nach Brasilien fahren und am 26. Juni in Recife gegen Deutschland antreten wird - sondern nur den vorläufigen.

30 Spieler nimmt Klinsmann mit ins Trainingslager an der Stanford University in Kalifornien. Mit dabei sind die Bundesliga-Profis Fabian Johnson (TSG Hoffenheim), John Brooks (Hertha BSC Berlin), Timothy Chandler (1. FC Nürnberg) und Julian Green (FC Bayern).

Gerade um Green hatten Klinsmann und seine Europa-Scouts Hamann und Herzog heftig geworben, erst nach zahlreichen Gesprächen entschied sich Green für die Vereinigten Staaten - wohl auch deshalb, weil der 18-Jährige bereits in diesem Jahr an einer Weltmeisterschaft teilnehmen könnte. "Mit Julian und DeAndre Yedlin haben wir zwei riesige Talente dabei", sagt Klinsmann: "Es wird interessant zu sehen sein, wie sie mit der Herausforderung umgehen - sie haben schließlich nicht die Erfahrung anderer Spieler."

Auch die ehemaligen Bundesliga-Angestellten Jermaine Jones (jetzt Beşiktaş Istanbul), Landon Donovan (Los Angeles Galaxy) und Michael Bradley (Toronto FC) sind in der Vorbereitung und bei den beiden Testspielen am 27. Mai (gegen Vogts' Aserbaidschan) und 1. Juni (gegen die Türkei) dabei. Erst dann muss Klinsmann nach den Statuten des Weltverbandes Fifa seinen endgültigen Kader benennen.

"Es war unangenehm, die Spieler anzurufen"

15 Spieler sind in der nordamerikanischen Liga MLS beschäftigt, die anderen bei Vereinen in acht verschiedenen Ländern. Das erklärt auch die Zusammenarbeit mit Hamann, Herzog und Vogts, die in den vergangenen Wochen in Europa unterwegs waren, um die amerikanischen Spieler und auch die Akteure der Vorrundengegner Portugal und Ghana zu beobachten. "Die letzten drei Jahre waren ein ordentlicher Entwicklungsprozess", sagt Klinsmann, der in diesem Zeitraum insgesamt 69 Spieler eingesetzt hat: "Es war unangenehm, die Spieler anzurufen und ihnen zu sagen, dass sie nicht zum 30-Mann-Kader gehören."

Das unangenehmste Gespräch hatte Klinsmann wohl mit Eddie Johnson, der bereits bei der WM 2006 dabei war und allein im vergangenen Jahr 15 Länderspiele absolvierte. Johnson galt als sicherer WM-Teilnehmer, seine Nichtnominierung gilt als die einzige wirkliche Überraschung.

Natürlich ist so ein vorläufiger Kader eine feine Sache für einen Trainer. "Wir sehen die Spieler nun drei Wochen lang jeden Tag, wir bekommen ein Gefühl für die Chemie in der Mannschaft", sagt Klinsmann: "Es ist ein täglicher Wettkampf, der großartig ist, weil es schließlich darum geht, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen."

Allerdings gilt das Vor-Ort-Scouting laut Insidern als überschaubarer Wettbewerb, bei dem zehn Spieler um drei freie Plätze kämpfen. Doch genau das ist das Wunderbare an vorläufigen Kadern: Bei nicht vorherzusehenden Ereignissen wie Verletzungen kann der Trainer gelassener reagieren, er behält einfach einen Spieler im Kader und tut so, als wäre das von Beginn an sein Plan gewesen. Er muss nicht panisch nachnominieren wie einst Berti Vogts, der vor dem EM-Finale 1996 schnell noch Jens Todt nach England holte. Der war während des Trainingslagers im Urlaub und verfolgte das Halbfinale mit seinen Kumpels von Werder Bremen auf der Tribüne.

Zudem ist Klinsmann auch als Trainer der USA ein Freund verblüffender (Nicht-)Nominierungen geblieben, er verzichtete etwa zunächst auf Landon Donovan nach dessen Nationalelf-Sabbatical, mittlerweile gilt der Offensivspieler wieder als unverzichtbar. Wer also glaubt, dass nun keine Überraschungen mehr zu erwarten sind, der sollte sich in Erinnerung rufen, wie viele Menschen im Jahr 2006 tatsächlich mit einem Platz für David Odonkor gerechnet haben. Nicht nur im vorläufigen, sondern auch im endgültigen Kader.

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