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US-Sport:Streit ums Spielzeug

Baseball galt immer als der Lieblingssport der Amerikaner, zumindest als der liebste Zeitvertreib. Ein unwürdiges Geschacher um die Spielergehälter, das derzeit die Saisonplanung behindert, könnte daran sehr viel ändern.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es geht ums Geld, klar. Wenn die vergangenen Wochen eines gezeigt haben, dann sicher dies: Es geht immer ums Geld im Profisport - und doch ist dieser Fall besonders. Die nordamerikanische Baseballliga MLB will möglichst bald eine verkürzte Saison beginnen, sie verhandelt derzeit mit den Spielern über deren Entlohnung. Das passiert gerade in vielen Ligen weltweit, doch verhalten sich Eigentümer (Milliardäre) und Spielergewerkschaft MLBPA (die Millionäre vertritt) wie zwei Kleinkinder im Sandkasten, die ein Spielzeug lieber zerstören würden, als es auch nur eine Minute kürzer benutzen zu dürfen als der andere.

Stand jetzt ist keineswegs gewährleistet, dass die Saison 2020 stattfinden wird - nicht wegen der Sicherheitsbedenken aufgrund der Coronavirus-Pandemie, sondern wegen der Sturheit der Verhandlungspartner. MLB-Chef Rob Manfred sagte am Montag dem Sportsender ESPN: "Ich bin nicht besonders zuversichtlich. So lange es keine Gespräche gibt, ist das Risiko da."

Im März hatten sich MLB und MLBPA geeinigt, die Gehälter entsprechend der ausgetragenen Partien zu bezahlen - sollte die Hauptrunde also 82 statt der üblichen 162 Spiele dauern, würde jeder Spieler 50 Prozent seines im Vertrag vermerkten Salärs bekommen. Auch andere US-Ligen wollen im Prinzip so verfahren, was aufgrund der geplanten Fortsetzung der Spielzeiten in der NBA (Basketball) und NHL (Eishockey) mit weniger Teams durchaus für Unmut sorgt - weil all jene, deren Klubs nicht teilnehmen werden, nur für die bislang absolvierten Partien entlohnt werden sollen. Letztlich aber haben sich die jeweiligen Parteien weitgehend geeinigt.

Baseball ist nun deshalb ein Sonderfall, weil die Klub-Eigentümer den ursprünglich gefassten Plan ändern wollten, als sie erfahren hatten, dass die restlichen Partien wohl in leeren Stadien stattfinden werden. Sie begründeten, dass sie dann pro Partie einen Verlust von 640 000 Dollar hinnehmen müssten, würden sie die Akteure wie avisiert bezahlen - es ergäbe sich ein Verlust von insgesamt vier Milliarden Dollar. Sie schlugen deshalb vor, stattdessen einfach 50 Prozent der verbleibenden Gesamteinnahmen an die Spieler zu bezahlen, ins Verhältnis gesetzt zu den jeweils im Vertrag vermerkten Gehältern. Also: Ein Spieler, der zehn Millionen Dollar hätte bekommen sollen, würde noch immer doppelt so viel kriegen wie einer, bei dem fünf Millionen im Kontrakt stehen. Nur: Würden die Einnahmen rapide fallen, könnte es sein, dass die Spieler sogar weniger als 30 Prozent des Ursprungssalärs bekommen. Oder noch weniger?

Die Spielergewerkschaft lehnte empört ab mit der Frage, in welcher Welt es bitteschön üblich sei, dass Angestellte das unternehmerische Risiko von Firmenbesitzern - und nichts anderes sind die Klubs der MLB - mittragen? Im US-Kapitalismus jedenfalls nicht, selbst wenn es sich bei den Angestellten um Millionäre handelt. Die Reaktion einiger Teams: Sie kündigten an, von Juni an die Stipendien niederklassiger Spieler nicht mehr zu bezahlen. Wohlgemerkt: Das sind 400 Dollar pro Woche, und die Spieler in den sogenannten Minor Leagues sind wahrlich keine Millionäre - sie brauchen dieses Geld, um über die Runden zu kommen. Es war die unmissverständliche Botschaft von Besitzern wie John Fisher (Oakland Athletics), das Spielzeug lieber zu zerstören, als es den anderen zu überlassen. Mittlerweile hat Fisher (geschätztes Vermögen: 2,2 Milliarden) erkannt, einen Fehler begangen zu haben, und die Entscheidung zurückgenommen.

Die Amerikaner schalten derzeit auch ein, wenn Leute Säckchen mit Mais auf Holzbretter werfen

Seit Wochen werfen sich Liga und Spielergewerkschaft nun Vorschläge zu, doch sie entfernen sich immer weiter voneinander, anstatt sich anzunähern. Beispiel ist das Angebot der MLB am Samstag: eine Spielzeit mit 72 Partien plus Playoffs, für die Hauptrunde bekämen die Spieler 70 Prozent der im März verhandelten, reduzierten Gehälter und für die Playoffs 13 Prozent obendrauf - also im Endeffekt zwischen 35 und 42 Prozent des ursprünglichen Salärs. Die MLBPA lehnte sogleich ab; Verhandlungsführer Bruce Mayer schrieb in einem Brief: "Wir gehen davon aus, dass die Verhandlungen damit beendet sind."

Die MLBPA selbst schlug zuletzt 89 Spiele mit 50 Prozent Gehalt vor, nun will sie auf einen Gegenvorschlag verzichten. Das Geschachere ist unwürdig - zumal die Liga gerne am 4. Juli begonnen hätte, am Nationalfeiertag der Amerikaner, von denen gerade Millionen ihre Arbeit verloren haben. Sollte es keine Einigung geben, und danach sieht es derzeit aus, könnte die MLB auf Basis der Einigung vom März am 3. August eine 48-Spiele-Saison beginnen, die Spieler würden dann 50 Prozent der Gehälter bekommen. So weit liegen die Vorstellungen auseinander. Es ist nicht abzusehen, ob die MLB so eine Saison will, sie braucht viele Spiele für die Einnahmen aus den TV-Verträgen.

Und nur so nebenbei: Es gibt auch noch immer keine Einigung über das Playoff-Format, die Anzahl der Teilnehmer und die Frage, an welchem Ort die Saison im Konzentrat gespielt werden soll. Die Basketball-Liga NBA hat sich für Disney World in Orlando in Florida entschieden. Die Baseballer diskutierten über Standorte in Arizona oder Florida, da sie dort ihre jährliche Saisonvorbereitung gemeinsam austragen, mit Stadien und Hotels in Fahrrad-Reichweite. Der Druck wächst, schlimmer noch: Der aktuelle Tarifvertrag endet nach der Saison 2021. Es hatte schon vor der Pandemie geheißen, dass die Verhandlungen schwierig werden dürften, nun wird dieser Fakt ins aktuelle Geschachere eingewoben und verstärkt Verwirrung und Unmut.

Es gibt noch immer Leute, die glauben, dass Baseball der Lieblingssport der Amerikaner sei. Aber wenn die vergangenen Wochen noch etwas gezeigt haben - außer, dass es beim Profisport immer um Geld geht -, dann das: Die Amerikaner gucken, das beweisen die Einschaltquoten, so ziemlich jeden Live-Sport. Sie haben sich bis vor ein paar Wochen Events angesehen, bei denen Leute mit Mais gefüllte Säckchen auf eine Holzplattform mit Loch darin werfen. Derzeit gucken sie Fußball-Bundesliga, bald beginnt die englische Premier League, danach wird es NBA-Basketball aus Orlando geben (wohl am 30. Juli), und im September beginnt die Football-NFL-Saison.

Es kann sein, dass sich die Amerikaner dann weniger für Baseball interessieren werden, das Gegenteil von Liebe ist ja nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Das kann nicht im Interesse von Klubs und Spielern sein. Weniger Zuschauer, ob im Stadion oder vor dem Fernseher, bedeuten ja vor allem: weniger Geld.

© SZ vom 17.06.2020

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