bedeckt München 29°

Sport in den USA:Wer hat noch Angst vor Trump?

2020 NWSL Challenge Cup - Day 4

"Black Lives Matter": Die Fußballerinnen des Utah Royals FC setzen ein Zeichen vor dem Profiliga-Spiel gegen den Sky Blue FC aus New Jersey.

(Foto: Alex Goodlett/AFP)

Der US-Präsident wütet auf Twitter - aber der Sport reagiert mit neuem Selbstbewusstsein. Wie sich American Football, Basketball, Baseball und sogar Nascar gegen Trumps Hass wehren.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Die Frage ist halt: Wofür eigentlich? Also, wofür genau soll sich der Rennfahrer Bubba Wallace, 26, entschuldigen, wie es Donald Trump am Montag bei Twitter forderte? Dafür, dass irgendjemand - nicht Wallace - vor dem Nascar-Rennen auf dem Talladega Superspeedway einen Strick in Wallace' Garage gefunden hat, der wie die Schlaufe eines Galgens aussah - eines der schlimmsten Symbole für Rassismus und eine allgemein anerkannte Todesdrohung? Dafür, dass die Fahrer der Nascar-Serie - nicht Wallace - daraufhin beschlossen, ihren Kollegen, den einzigen Dunkelhäutigen in der Serie, in der Boxengasse gemeinsam nach vorne zu schieben, als sichtbares Zeichen der Solidarität? Dafür, dass die Bundesbehörde FBI später bei ihren Ermittlungen feststellte, dass der Strick dort schon seit Monaten hing, also gar nicht Wallace gelten konnte, also kein Verbrechen vorliege?

Nein, Bubba Wallace hat nichts falsch gemacht - und dennoch fragt der US-Präsident: "Hat sich Bubba Wallace bei all den tollen Nascar-Rennfahrern und -Verantwortlichen entschuldigt, die an seiner Seite standen und bereit waren, alles für ihn zu riskieren - um dann rauszufinden, dass die Sache eine weitere Falschmeldung gewesen ist?"

Die wohl wichtigere Frage ist deshalb: Warum tut Trump so was? Gegen einen 26-jährigen Rennfahrer pesten? Und warum tut er so viel mehr: Warum twittert er, dass er sich keine Partien der Footballliga NFL ansehen werde, wenn die es ihren Spielern erlauben wird, beim Abspielen der Nationalhymne durch Niederknien gegen Rassismus zu protestieren? Warum pöbelt er gegen Footballvereine wie die Washington Redskins, die jetzt darüber nachdenken, sich von den "Rothäuten" im Namen zu trennen ?

Nun, in jedem Fall ist es nicht der einzige Grund, dass sich Trump als waschechter New Yorker versteht, und die motzen nun mal gerne - bisweilen mit gutem Grund, wie etwa über den Basketballverein New York Knicks oder die Football-Franchise New York Jets. Dabei geht es oft nicht darum, ob das Schimpfen gerechtfertigt ist; es ist Schimpfen um des Schimpfens willen. Wer an einer Straßenecke in Manhattan über irgendwas motzt, der wird hundertprozentig einen finden, der antwortet: "Völlig richtig, verdammt noch mal!" Es geht da also mehr um ein Gefühl als um Wahrheit, und das ist gerade beim Sport, wo es ja oft eher um Gefühle als um Ergebnisse geht, ganz besonders wichtig.

Aber Donald Trump ist natürlich nicht mehr in erster Linie New Yorker. Der Wahlkampf hat begonnen, der Präsident braucht den Sport für seine Botschaften an die Kernwähler, denen einer, der mit Verve motzt, eben lieber ist als einer, der dröge die Wahrheit sagt. Der US-Sport nimmt langsam wieder den Betrieb auf, die Einschaltquoten bis in den Herbst hinein dürften grandios sein - und das will, das muss Trump nutzen.

Lüge über die Einschaltquoten

Das dürfte jedoch nicht so einfach sein wie vor vier Jahren, als Trump den Footballspieler und Anti-Rassismus-Aktivisten Colin Kaepernick einen "Hurensohn" schimpfen und ihm empfehlen durfte, entweder bei der Hymne zu stehen oder das Land zu verlassen. Nirgends wird das gerade so deutlich wie bei der Rennserie Nascar, die ihre Veranstaltungen eigentlich ja ganz ähnlich inszeniert wie Trump seine Wahlkampfauftritte: als Events, bei denen die Zuschauer nicht nur PS-Monster bewundern, sondern auch dem Patriotismus frönen und wild brüllend die US-Flagge schwenken, oder, jedenfalls war das lange so, die der Konföderierten.

Diese Flagge, die im amerikanischen Bürgerkrieg die überzeugten Sklavenhalter aus den Südstaaten schwenkten, gilt vielen Amerikanern ebenfalls als Symbol für Rassismus, die Serie hat sie kürzlich - auch auf Initiative von Wallace hin - bei sämtlichen Rennen verboten. Für manche Zuschauer ist das ein Affront; Donald Trump fügte seinem Twitter-Eintrag gegen Wallace an: "Das und die Flaggen-Entscheidung führte zu den niedrigsten Einschaltquoten in der Geschichte!" Auch das war allerdings mehr Gefühl als Wahrheit, beim Rennen in Talladega sahen acht Prozent mehr Leute zu als im Vorjahr, das Rennen am vergangenen Sonntag sorgte gar für ein Wachstum von 39 Prozent.

Das Problem für Trump ist, dass sich, anders als noch vor wenigen Jahren, kaum eine Sportart mehr vor seinen Tiraden fürchtet. Die Verantwortlichen wissen, dass die Leute inmitten der Coronavirus-Pandemie nach Live-Sport lechzen. Sie reagieren jetzt nicht mehr defensiv, sondern selbstbewusst; Nascar zum Beispiel auf den Trump-Tweet: "Wir sind stolz darauf, dass Bubba Wallace zu unserer Familie gehört, wir bewundern Mut und Führungsqualitäten. Wir stehen weiterhin zu Bubba, den Mitbewerbern und allen, die unseren Sport integrativ für alle machen."

Für Trump ist das, als würde einer dem Motzkübel an der Straßenecke in Manhattan zurufen, dass er einfach mal die Schnauze halten solle.

Das tut Trump freilich nicht, er legte am Montag nach - diesmal gegen die Washington Redskins (Football) und die Cleveland Indians (Baseball), die überlegen, ihre Namen zu ändern, weil die Zuschreibungen "Rothaut" und "Indianer" zumindest unsensibel gegenüber den Ureinwohnern sind. "Man benennt eine Mannschaft aus Stärke, nicht aus Schwäche", schrieb daraufhin Trump.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite