Collegesport:Ein Gesetz, das an den Grundfesten des US-Sports rüttelt

Sport Bilder des Tages December 28, 2019: LSU s Justin Jefferson (2) reaches out to score his first touchdown of the day

Wer schafft es in der NCAA über die Ziellinie "Geld"? Justin Jefferson (li.) von der Louisiana State University versucht einen Touch-Down zu erzielen, sein Gegenpieler Pat Fields will dies verhindern.

(Foto: imago images/ZUMA Press)
  • Nach Weihnachten beginnt in den USA die Bowl Season, in der die besten Uni-Football-Teams gegeneinander antreten.
  • Für viele Zuschauer ist der Unisport im Vergleich zum Profisport der unverdorbene Wettkampf.
  • Dies könnte sich ab 2023 zumindest in Kalifornien verändern, ein neues Gesetz erlaubt die Selbstvermarktung der Studenten.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es ist mal wieder diese Zeit, in der die meisten Leute noch nicht einmal wissen, um welchen Wochentag es sich handelt - in den Vereinigten Staaten zumindest orientieren sie sich derzeit an einem anderen Kalender. Es ist Bowl Season, nach Weihnachten werden die besten Uni-Football-Teams zu Duellen mit teils ulkigen Namen eingeladen (First Responder Bowl, Famous Idaho Potato Bowl, Lending Tree Bowl), die beiden Partien am Samstag (Peach Bowl und Fiesta Bowl) dienten zudem als Playoff-Halbfinale: Im Endspiel am 13. Januar werden sich deshalb in New Orleans die Universitäten Louisiana State und Clemson gegenüberstehen.

Die Amerikaner parken sich in diesen Tagen von morgens bis abends auf der Couch und reden darüber, wie unverdorben Unisport im Gegensatz zum Profisport doch ist. Die Profiligen NBA (Basketball), NFL (Football), MLB (Baseball) und NHL (Eishockey) seien Gelddruckmaschinen der Unterhaltungsindustrie, die Akteure mehr am Entwickeln der eigenen Marke denn am ehrlichen Wettkampf interessiert. Die College-Amateure hingegen spielen für Ruhm und Ehre - noch. Denn jetzt gibt es ein Gesetz in Kalifornien, das zwar erst 2023 in Kraft tritt, aber schon in diesen Tagen erste Auswirkungen zeigt. Denn es dürfte alles Bisherige ändern und den US-Sport in den Grundfesten erschüttern.

Sportler an Universitäten dürfen kein Geld verdienen. Sie werden mit Stipendien, freier Kost und Logis sowie kostenlosem Zugang zu Lehrmaterial und Tutoren entschädigt. Beim Football-Finalisten und Titelverteidiger Clemson zum Beispiel summiert sich all das offiziell auf insgesamt 152 920 Dollar für vier Jahre. Der ursprüngliche Gedanke war, dass sich ein begabter Sportler über die Teilnahme am Unisport das Studium finanzieren kann. Beim Football werden 1,6 Prozent der Unisportler danach NFL-Profis, beim Basketball schaffen dies nur 1,2 Prozent in die NBA. Alle anderen bekommen eine möglichst hochwertige Ausbildung, für die sie wegen ihrer sportlichen Leistungen nichts bezahlen müssen.

Die Ausbildung von Talenten unterscheidet sich massiv von anderen Ländern. Im europäischen Fußball zum Beispiel unterhalten Vereine Jugendakademien samt Internat und fördern Talente selbst - oder, je nach Betrachtungsweise: züchten sie. Im US-Sport übernehmen Schulen und Colleges diese Aufgabe, es gibt zum Beispiel die Sierra Canyon High School, eine Privatschule in Kalifornien, an der gerade die Söhne der Basketball-Stars Dwyane Wade (Zaire) und LeBron James (Bronnie) das Basketball-Team anführen.

Die Regeln im US-Schulsport sind bis auf wenige Ausnahmen (Tennisspieler dürfen Preisgeld erhalten, um Reisen zu finanzieren) streng, die Akteure dürfen nicht nur kein Geld verdienen, sie dürfen selbst vor der Zeit am College keine Einnahmen über Sport verzeichnen. Sie dürfen keine Werbeverträge abschließen und auch keinen Berater verpflichten. Sie dürfen noch nicht mal Geschenke wie zum Beispiel Eintrittskarten zu Konzerten annehmen.

Der Unisport ist eine heftige Geschäftemacherei

Der Grundgedanke ist, junge Leute möglichst lange von der Geschäftemacherei des Profisports fernzuhalten - doch genau da liegt heutzutage das Problem: Der Unisport selbst ist eine heftige Geschäftemacherei, allein durch Football lagen die Einnahmen des College-Sportverbandes NCAA bei knapp einer Milliarde Dollar pro Jahr. Insgesamt setzen die 1100 Universitäten mehr als 14 Milliarden Dollar pro Jahr um. Zum Vergleich: Der Umsatz der deutschen Fußball-Bundesliga liegt bei circa 3,81 Milliarden Euro pro Saison. Es ist also ein Riesengeschäft, von dem die Sportler selbst allerdings, bis auf die Stipendien, kaum profitieren. Warum eigentlich? Viele verzichten mittlerweile auf den Besuch an der Uni und werden sofort Profis - falls sie das dürfen.

Die Footballliga NFL verhindert vorzeitige Wechsel derzeit, indem die Vereine bei der jährlichen Talentbörse ausschließlich Sportler wählen dürfen, deren High-School-Abschluss mindestens drei Jahre zurückliegt. Das bedeutet: Sie halten drei Jahre lang ihre Knochen für eine Universität hin, die nicht nur über Tickets, Sponsoren und TV-Rechte Geld verdient, sondern zum Beispiel auch dadurch, dass Computerspiel-Hersteller die Namen und Gesichter der Akteure verwenden dürfen und dafür bezahlen. Oder dass Unis Werbeverträge mit Sponsoren abschließen und die Bilder ihrer Studenten verwenden dürfen.

Genau das wird sich in Kalifornien ändern. Und wie bedeutsam das Gesetz ist, zeigt nicht nur die Unterstützung durch zahlreiche Profisportler wie LeBron James (der direkt von der High School in die NBA gewechselt ist), sondern auch dadurch, dass sich Politiker beider Parteien, Republikaner und Demokraten, ausnahmsweise einig gewesen sind. Uni-Sportler dürfen bald jenen unvergessenen Satz aus dem Football-Film "Jerry Maguire - Spiel des Lebens" zitieren: "Show me the Money!" Zu deutsch: "Führ mich zum Schotter!"

"Jeder Student darf sich selbst vermarkten, indem er etwa einen Youtube-Kanal betreibt. Die Einzigen, die das nicht dürfen, sind Sportler", sagt Gavin Newsom, Gouverneur von Kalifornien: "Das Gesetz ist ein bedeutsamer Schritt, diese Farce zu entblößen und das komplette System zu hinterfragen." Unisportler sollen Werbeverträge unterzeichnen, mit Abbild und Namen (also etwa auf Postern und Autogrammkarten) Geld verdienen sowie Manager verpflichten dürfen.

Kalifornien ist wohl nur der erste Dominostein

Von den Unis selbst dürfen sie zwar nach wie vor nicht mehr erhalten als bisher, dennoch wird das Gesetz schon heute als Ende des Amateurstatus im Unisport bewertet. Auch wenn es erst 2023 kommt, es wirkt schon heute, weil zum Beispiel der 15 Jahre alte Bronnie James jetzt schon Angebote von Unis erhält. Warum sollte er Kalifornien verlassen, wenn er dort als Student Geld verdienen kann? Warum sollten vor allem Akteure, die danach womöglich keine Profis werden, auf diese Bezahlung verzichten? Es gibt ähnliche Initiativen in 20 weiteren Bundesstaaten; Experten rechnen damit, dass Kalifornien nur der erste Dominostein gewesen ist, der das komplette Gebilde zum Einstürzen bringen wird.

Die NCAA hat das Gesetz heftig kritisiert, sie pocht auf eine landesweite Lösung - und zwar eine, bei der sie die Deutungshoheit behält, wer Geld bekommt und an wen es verteilt wird. Der Umbruch ist eingeleitet, nun wird darum gestritten, wie das System reformiert wird. Beim Football-Endspiel am 13. Januar geht es natürlich auch ums Geld, allerdings nur für die Unis von Louisiana und Clemson: Beide Finalisten erhalten je sechs Millionen Dollar.

© SZ vom 30.12.2019/dsz
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