Das Gewicht des Abwehrspielers Halim Jusufi wird auf der Homepage der Munich Cowboys mit 110 Kilo angegeben. Doch jetzt, in der letzten Szene dieses Viertelfinales, in der letzten Szene dieser Saison im heimischen Dantestadion, legt die Nummer 77 eine Leichtigkeit an den Tag, die nur durch die Einzigartigkeit des Geschehenen zu erklären ist. Für diesen Lauf scheint kurz die Schwerkraft außer Kraft gesetzt.
Die Cowboys hatten im Viertelfinale gegen die Berlin Rebels wie der sichere Verlierer ausgesehen, zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit lagen sie acht Punkte zurück, doch sie glichen dank der Nervenstärke ihres Quarterbacks Zachary Whitehead nicht nur zum 31:31 aus, sie hätten beinahe sogar noch das Spiel in der regulären Spielzeit gewonnen. Doch erst in der Verlängerung gingen sie wieder in Führung, laut Regelwerk musste Berlin daraufhin im nächsten Spielzug ausgleichen. Doch in ihrem vierten und letzten Versuch verloren die Rebels das Ei, es landete in den Armen von Jusufi, und der rannte beschützt und bejubelt von mehreren Mitspielern 80 Meter in die gegnerische Endzone, er spurtete über den in Weiß aufgesprühten Schriftzug „Playoff dahoam“ hinweg, obwohl das alles gar nicht mehr nötig war, das Ende des Spielzugs bedeutete schon den Halbfinal-Einzug. Noch eine knappe Stunde später begossen ein paar Cowboys am Getränkestand den Sieg, einer mit einem großen Hut sagte: „Kein Schwein hat mit uns gerechnet.“ Ein Außenseitersieg ist freilich nochmal sehr viel süffiger.
Während der Wiesnzeit noch im Wettbewerb zu sein, das ist ohnehin schon historisch für die Cowboys. Und zuletzt ein Playoff-Heimspiel gewonnen hatten sie im Jahr 2001 (und danach auch nur ein einziges weiteres bestreiten können, im Jahr 2022). Dass sie ausgerechnet jetzt das Halbfinale erreichten, ist besonders überraschend. Denn seit drei Jahren gibt es große Konkurrenz in der Stadt, die Munich Ravens, die in einer europäischen Liga spielen und mit ihrem Budget von bis zu drei Millionen Euro die Cowboys schätzungsweise um mehr als das Zehnfache übersteigen. Kein Wunder also, dass viele gute Spieler gewechselt hatten. Doch innerhalb der German Football League (GFL) scheinen die Cowboys den Malus vergleichsweise erfolgreich kompensiert zu haben. „Wir haben eine gute Entwicklung genommen in den vergangenen zwei Jahren“, sagt Cowboys-Präsident Werner L. Maier, vor allem dank guter Trainer.
Und so wirkt es auf den ersten Blick, als ob die Stadt groß genug ist für zwei große Football-Mannschaften. Denn sowohl die Ravens in der European League of Football (ELF) als auch die Munich Cowboys haben das Halbfinale erreicht – die Ravens scheiterten dort knapp am späteren Champion Stuttgart Surge, die Cowboys müssen am kommenden Wochenende zum haushohen Favoriten Potsdam Royals reisen.
Am 15. Oktober fällt die Entscheidung: „Wenn ich bis dahin nicht ein Großteil des Budgets zusammenhabe, werden wir nächstes Jahr nicht spielen können.“
Doch trotz des sportlich so erfolgreichen Jahres gehen beide Teams in eine ungewisse Zukunft – bei den Cowboys ist sie sogar akut gefährdet. Am 15. Oktober, sagt Präsident Maier, fällt die Entscheidung: „Wenn ich bis dahin nicht ein Großteil des Budgets zusammenhabe, werden wir nächstes Jahr nicht spielen können.“ Das muss er in der Stunde des größten Erfolgs in seiner nunmehr 16-jährigen Amtszeit sagen. Insofern hätte der überraschende Sieg über Berlin auch aus monetärer Sicht mehr Zuschauer, nun ja, verdient gehabt, es mögen rund 700 gewesen sein. Doch was die Cowboys leisteten, das bekämen viele gar nicht mehr mit. „Man merkt, dass viele Firmen ihre Budgets dramatisch kürzen“, erklärt Maier, „und Football in München, das ist zurzeit eher Ravens als wir“.
Den Ravens geht es gut, ihre Probleme entstanden eher durch eine schlechte Großwetterlage. Zahlreiche Teams wollen nach Streitigkeiten mit Liga-Chef Zeljko Karajica aus der ELF aussteigen und haben bereits eine unabhängige Vereinigung gegründet – die Ravens gehören nicht dazu und würden am liebsten unter dem alten Logo weiterspielen. Vom Team aus Unterhaching ist auf Nachfrage zu hören, dass es „ganz sicher weitergehen wird“, so deren Sprecher Valerian Gerber. Dem Vernehmen nach wird hinter den Kulissen an Konzepten gearbeitet, alle Franchise-Unternehmen wieder in ein gemeinsames Boot zu holen und deren Einflussnahme auf den Ligabetrieb besser zu regeln – unter welchem Namen die Liga dann weitergeführt wird, ist derzeit aber noch offen.
Die Ravens jedenfalls haben Zeichen gesetzt: Sie haben den Vertrag mit ihrem Cheftrainer Kendral Ellison demonstrativ um zwei Jahre verlängert, auch Quarterback Russell Tabor darf sich für diesen Zeitraum über gesicherte Einnahmen freuen. Obendrein gaben die Ravens unter der Woche eine Kooperation mit einem GFL-Team für das kommende Jahr bekannt, dabei soll im Bereich der U19 zusammengearbeitet werden. Das GFL-Team heißt: Munich Cowboys. Jener Verein also, der kommendes Jahr möglicherweise gar keine erste Mannschaft mehr hat. Und in diesem Fall noch mehr Spieler für die Ravens ausbilden wird.

