US-Sieg gegen Ghana:Klinsmanns Traumstart

Das Spiel gegen Ghana beginnt spektakulär: Clint Dempsey beschert den USA um Trainer Klinsmann mit dem fünftschnellsten Treffer der WM-Historie eine frühe Führung. Ghana kommt zwar noch zum Ausgleich, am Ende gewinnt aber nicht die bessere, sondern die glücklichere Mannschaft 2:1.

Groß war die Zuversicht vor diesem ersten WM-Spiel nicht. In den Vereinigten Staaten gab es mal wütende Kritik, mal Häme, aber der Nationaltrainer Jürgen Klinsmann blieb bei seinem Stil. Er entschied, was er für richtig hielt, Kritik war ihm egal.

Ließ Fußball-Liebling Landon Donovan mangels Fitness zu Hause, was in den USA niemand verstand. Erklärte obendrein sein Team als eher chancenlos, was man in Amerika noch weniger verstand. Warum tritt man dann an bei der WM? Der Druck auf den Coach wuchs, aber der zog sein Konzept durch, und nun hat er sich etwas Luft verschafft. In einem niveauarmen, aber unterhaltsamen Spiel setzten sich die USA gegen Ghana 2:1 (1:0) durch. Clint Dempsey (1.), André Ayew (82.) und John Brooks (86.) schossen die Tore.

Klinsmann hat Selbstbewusstsein, und dieses zeigte er auch vor dem Spiel gegen Ghana nochmals demonstrativ. Auf die Frage, wie er sich die Partie gegen die Westafrikaner denn vorstelle, die sein Land ja schon zweimal aus einer WM geworfen hatten, antwortete der Coach im US-Fernsehen milde lächelnd: "Wir wollen Ghana unser Spiel aufzwängen, wir wollen deren Verteidigung aufbrechen und ein Tor machen. Nach 20 bis 25 Minuten werden wir das Spiel beherrschen."

Das wirkte kühn, die Mannschaft von James Kwesi Appiah verfügt ja auch ohne die mangels Fitness zunächst fehlenden Kevin-Prince Boateng (Schalke 04) und Michael Essien (AC Mailand) über beachtliche Techniker. Doch dann: Klinsmanns Team brauchte keine 25 Minuten, sondern nur gut 25 Sekunden. Gleich beim ersten Angriff bekam Clint Dempsey den Ball vor die Füße, er kreuzte nach innen, stand plötzlich frei vor Torwart Adam Kwarasay und traf ins hintere Eck. 29 Sekunden, das fünftschnellste Tor der WM-Geschichte war gefallen, und Ghana stand schon unter Druck.

Auch Trainer Appiah hatte sich ja angreifbar gemacht, indem er ausgerechnet im wichtigen ersten Spiel auf seine erfahrensten Kräfte Boateng und Essien verzichtete und stattdessen auf die Fitness von Jüngeren setzte. Einer von ihnen war Innenverteidiger John Boye vom französischen Erstligisten Stade Rennes: er agierte fit, ungestüm aber auch etwas naiv. In zwei Szenen fiel er auf: Beim 0:1 ließ er sich von Dempsey düpieren, eine halbe Stunde später verpasste er diesem eine blutige Nase, allerdings unabsichtlich: mit dem linken Schienbeinschoner, und das im Luftzweikampf.

Ghana verstolpert viele Chancen

Eine hässliche Szene, die auch etwas symptomatisch war für die erste Hälfte. Denn außer Dempsey lagen auch andere US-Spieler länger am Boden, darunter Mittelfeldmann Kyle Beckerman, nachdem er einen Ellbogen am rechten Jochbein gespürt hatte. Ghanas Spieler waren unter Druck und reagierten immer nervöser. Sie rannten an, blieben aber weit entfernt von einem Tor. Ihre Pässe waren entweder zu steil, Asamoah Gyan zum Beispiel kam in der 15. Minute einen Schritt zu spät. Oder zu ungenau - Jordan Ayew verstolperte aus guter Position unmittelbar vor dem Pause.

Insgesamt konnte zwar keine Rede davon sein, dass Klinsmann dem Gegner sein Spiel aufgezwungen hatte, und doch: Sein Team verbrachte den Abend abgesehen von blauen Flecken in komfortabler Position. Die US-Mannschaft formierte sich nach 29 Sekunden in zwei solide Vierer-Abwehrriegel, wartete auf schlampige ghanaische Angriffe und trug ihren Lauf-Fleiß nur ab und zu vor, dann aber ungebremst. In der 19. Minute vergab Jozy Altidore die große Chance, auf 2:0 zu erhöhen.

In der zweiten Hälfte wurde dann doch deutlich, dass hinter der Kontertaktik weniger eine kluge Strategie Klinsmanns stand als purer Zwang. Viele seiner Spieler hatten Muskelprobleme, Altidore, Besler und Bedoya mussten ausgewechselt werden. Zudem wurde offenbar, was dem US-Team fehlte. Es kommt über Kraft und Fleiß zum Erfolg, hat aber nicht die technischen Fähigkeiten, um den Gegner zu kontrollieren. Ghana wiederum kann zwar mit dem Ball umgehen, aber grob nur eine von zehn Chancen verwandeln.

Die Schlussphase spiegelte das wider: Ghana, angetrieben vom viel zu spät eingewechselten Boateng, verwandelte seine ungefähr zehnte Chance zum 1:1, als André Ayew in der 82. Minute endlich mal einen Angriff abgeschlossen hatte. Fast im Gegenzug erzielte dann John Brooks von Hertha BSC das 2:1, auf amerikanisch-effiziente Weise: Eckball, Kopfball, Tor. Klinsmann atmete auf, aber weder vor seinem Team noch vor Ghana müssen sich die Deutschen fürchten.

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