US Open:Zwei rechnen, einer wartet auf Djokovic

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US Open: Der erste kapitale Sturz sah spektakulärer aus als er war: Oscar Otte fällt im Achtelfinale über das Netz.

Der erste kapitale Sturz sah spektakulärer aus als er war: Oscar Otte fällt im Achtelfinale über das Netz.

(Foto: Kena Betancur/AFP)

Peter Gojowczyk und Oscar Otte sind nach ihren Achtelfinal-Niederlagen in New York vor allem mit den Corona-Regeln der Tennis-Weltrangliste beschäftigt - Alexander Zverev hat nach seinem Viertelfinal-Einzug ganz andere Sorgen.

Von Jürgen Schmieder, New York

Nein, sie sah nicht gut aus, die Hand von Oscar Otte. Er war während der Partie gegen den Italiener Matteo Berrettini gestürzt, hatte seinen Auftritt deshalb lädiert beendet und sagte danach, dass er sich unter der Dusche nicht einmal habe einseifen können. Immerhin: Die Röntgenaufnahmen zeigten keinen Bruch. Vor dem kapitalen Sturz nach einem Schmetterball an der Grundlinie zu Beginn des vierten Satzes war er schon einmal übers Netz gefallen und einmal gefährlich unter die Bank am Seitenrand gerutscht.

So kamen zur Enttäuschung über das 4:6, 6:3, 3:6, 2:6 - die Partie hätte ohne die Verletzung auch anders ausgehen können, Otte war spielerisch gleichwertig - nun auch noch Schmerzen hinzu, und man wollte Otte trösten: Er zwar gerade zum ersten Mal in ein Grand-Slam-Achtelfinale vorgestoßen, der 144. der Welt erhält dafür 265 000 Dollar Preisgeld und 180 Weltranglistenpunkte. Da sollte man glauben, dass das für den Kölner reicht, in der Rangliste so weit nach vorne zu rücken, dass er künftig nicht mehr durch die Mühlen der Qualifikation muss, wie er es nun in New York musste. "Es würde vieles erleichtern, vor allem die Planung", sagte Otte.

Es gibt da allerdings ein Problem.

2021 US Open - Day 8

Notdürftig versorgt: Oscar Otte wird nach einem Sturz untersucht. Die richtigen Schmerzen kamen erst später.

(Foto: Al Bello/AFP)

Der Tennisverband ITF hat wegen der Covid-Pandemie die Regeln der Ranglisten geändert. Wer daheim bleibt, kann sich 2019 erspielte Punkte bei Turnieren, die 2020 nicht abgehalten wurden, zu 50 Prozent weiter anrechnen lassen; wie auch Punkte von Turnieren in Kitzbühel, Hamburg, Rom und jene der French Open, die verschoben worden sind. Wer zwischen dem 4. März und dem 9. August 2021 an einer Veranstaltung teilnahm, die 2020 nicht stattfand, konnte seine Punktzahl gegenüber 2019 nur verbessern. Und wer nun spielt und dafür andere Turniere verpasst? Der gibt damit seine bei diesen anderen Turnieren gewonnenen Punkte dem Verfall preis. Klingt kompliziert? Im Detail ist es noch komplizierter, für Otte bedeutet das etwa: Er bekommt zwar 180 Zähler für die US Open, verliert aber jene 125, die er für den Sieg beim Challenger-Turnier im September 2020 in Aix-en-Provence erstanden hatte.

Alexander Zverev erreicht das Viertelfinale und hofft auf einen Halbfinal-Showdown gegen Novak Djokovic

Zahlreiche Akteure haben sich bereits über diese Regelung beschwert (Alexander Zverev nannte sie schon im Frühling "absurd"), weil vor allem die prominenten Spieler davon zu profitieren scheinen. Roger Federer etwa, der aufgrund von Verletzungen in diesem Jahr nur 13 Partien absolviert und neun gewonnen hat, steht noch immer auf Platz neun der Weltrangliste. Das ist bedeutsam, weil sich daran zum einen die Setzlisten orientieren, zum anderen ermöglicht es direkten Zugang zu vielen Turnieren. Otte wird nun nicht zu den besten 104 Akteuren gehören, die automatisch jeweils im Hauptfeld von Grand-Slam-Turnieren stehen. Peter Gojowczyk, in New York wie Otte im Achtelfinale, dagegen schon: Er wird nach den US Open auf Platz 101 vorrücken.

US Open: Unbeeindruckt vom starken Gegner und schwierigen Lichtverältnissen: Alexander Zverev erreicht das Viertelfinale der US Open.

Unbeeindruckt vom starken Gegner und schwierigen Lichtverältnissen: Alexander Zverev erreicht das Viertelfinale der US Open.

(Foto: Timothy A. Clary/AFP)

Zverev, der am Montag in einem zum Teil hochklassigen Match den Italiener Jannik Sinner in drei Sätzen bezwang, ist solchen Problemen längst entrückt. Er könnte sich mit einem Sieg in New York in der Weltrangliste auf Platz drei schieben, das war bislang die höchste Platzierung seiner Karriere. Er müsste dafür im Viertelfinale den Südafrikaner Lloyd Harris besiegen, gegen den er kürzlich in Cincinnati gewonnen hat und im Herbst 2020 einen Satz verlor bei einem Duell in Köln. Harris, wie Zverev 24 Jahre alt, ist in diesem Jahr übrigens von Platz 87 auf 44 vorgerückt, und Zverev sagt über ihn: "Wir haben uns in der Umkleide über ihn unterhalten. Er scheint ja jede Woche drei, vier Spiele gewonnen zu haben. Er schlägt unfassbar auf, ich hatte in Cincinnati echt Probleme damit."

Harris wird nach den US Open sogar auf Platz 31 klettern - das ist gut genug, um bei Grand-Slam-Turnieren künftig gesetzt zu sein und den Besten der Welt in den ersten Runden aus dem Weg zu gehen; bei einem Sieg über Zverev würde es ihn gar auf Platz 24 tragen. Zverev wird das wiederum verhindern wollen, obwohl ihn die Rangliste kaum weniger interessieren könnte. Für ihn gibt es derzeit nur zwei Maßeinheiten: Grand-Slam-Titel - und keinen Grand-Slam-Titel. Wobei diesmal wenigstens eine Sache dazukommen könnte: ein Halbfinal-Showdown gegen Novak Djokovic, der jenseits aller Ranglisten schwebt. Dem Serben fehlen noch drei Match-Erfolge für das ultimative Ziel im Tennis: den Sieg aller vier großen Turniere in einem Kalenderjahr, den Grand Slam.

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