bedeckt München -2°

US Open:Kerber verlässt sich auf ihre Fitness

Wer die Partie gegen Osaka mit den Hinweisen von Mouratoglou betrachtet, der erkennt tatsächlich einige interessante Muster in Kerbers Reaktionen. Aggressiver Ball auf die Rückhand: in möglichst hartem Winkel kurz cross. Hoher Ball auf die Vorhand: aggressiver Longline-Grundschlag. Harter Aufschlag: Block zur Mitte, um extreme Winkel zu verhindern. Gegen Osaka schienen allerdings keine farbigen Kissen auf dem Platz zu liegen, sondern Bettlaken. Kerber spielte nicht mehr so präzise, wie sie das vor zwölf Monaten getan hatte, also hatte ihre Gegnerin eine Chance.

Kerber ist eine Defensiv- und Konterkünstlerin, hat jedoch auch aufgrund des eher unterdurchschnittlichen Aufschlags und der häufig nur geblockten Returns bisweilen Probleme, danach einen Ballwechsel zu dominieren und konsequent zu Ende zu spielen. Sie verlässt sich auf ihre außerordentliche Fitness und die Präzision ihrer Konterschläge; wenn bei beiden Aspekten allerdings auch nur ein paar Prozent fehlen, dann wird es gefährlich für sie, auch gegen scheinbar schwächere Gegnerinnen. Gegen Osaka, da fehlten ungefähr 20 Prozent, Kerber schaffte insgesamt nur neun Gewinnschläge und leistete sich 23 Fehler ohne Bedrängnis. Sie wirkte verkrampft und am Ende auch resigniert.

Die Saison vorzeitig beenden möchte sie nicht

Das führt zu einer weiteren Aussage von Mouratoglou, der freilich auch seine Klientin ein bisschen loben möchte. "In dem Moment, in dem Serena was erreicht, vergisst sie, was sie gerade erreicht hat", sagt er: "Was bringt einem eine Trophäe, die man gewinnt? Die kann man angucken und den Leuten zeigen, aber letztlich ist das nur Vergangenheit. Serena ist nie zufrieden, weil es nie genug ist." Natürlich ärgert sich Kerber über diese Niederlage, natürlich hat sie sich Ziele gesteckt - doch so hungrig, so aggressiv, so selbstbewusst wie bei den vergangenen US Open wirkte sie diesmal nicht. Es mögen nur ein paar Prozentpunkte sein, doch die machen bei Kerbers Spielweise den Unterschied zwischen Erfolg und Erstrunden-Niederlage.

Sie will nun erst einmal nach Hause fahren, runterkommen und ein bisschen abschalten. Die Saison vorzeitig beenden, wie es etwa Novak Djokovic getan hat, das möchte sie jedoch nicht: "Ich brauche unbedingt Matches, um meinen Rhythmus wieder zu finden. Ich glaube weiterhin an mich und werde stärker zurückkommen." Sie will diese verlorenen Prozentpunkte selbst finden. Aus Bettlaken auf der anderen Seite des Netzes sollen wieder Kissen werden und aus einer Welle, die einen fortspült, wieder eine, die einen trägt. Dann will Kerber auch die typischen Kerber-Ballwechsel wieder für sich entscheiden.

© SZ.de/ska/stein
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema