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US Open:Völlig übergeschnappt - und verdammt erfolgreich

US Open 2017 - Day 5

"Die Leute sagen immer, dass ich ein bisschen verrückt bin. Aber ich finde mich eigentlich ganz normal": Tennisprofi Mischa Zverev.

(Foto: AFP)
  • Tennisprofi Mischa Zverev erreicht bei den US Open das Achtelfinale nach einem Sieg gegen John Isner.
  • Seine Strategie ist so riskant, als würde ein Gegner des FC Bayern mit sieben Stürmern antreten.
  • Vor dem Achtelfinale gegen Sam Querrey wird klar: Zverev hat seine spektakuläre Spielweise derart verinnerlicht, dass er noch nicht mal mehr darüber nachdenken muss.

Mischa Zverev ist - Entschuldigung, das muss auch mal so gesagt werden - völlig übergeschnappt. Mal ehrlich: Wer auf dieser Welt wäre verrückt genug, freiwillig in eine Spieleröffnung von John Isner hineinzulaufen? Der Aufschlag-Virtuose kann einen mit dem ersten Aufschlag in Lebensgefahr bringen und mit der Kick-Variante beim zweiten Versuch in die Nähe der Zuschauerplätze treiben. Die meisten Gegner würden die Spieleröffnungen Isners deshalb am liebsten tatsächlich auf einem Zuschauerplatz erwarten - weil das nicht geht, stellen sie sich neben einen Balljungen und wirken wie der Sheriff in einer Westernstadt, der vor dem Duell in der Mittagssonne weiß, dass er sowieso kaum eine Chance hat gegen den Revolverhelden.

Zverev stellte sich am Freitagabend im ausverkauften Arthur Ashe Stadium jeweils knapp hinter die Grundlinie und stürmte dann forsch in die Aufschläge von Isner hinein. Das ist ungefähr so, als würde ein Fußballtrainer gegen den FC Bayern sieben Stürmer aufs Feld schicken oder ein Boxer ohne Deckung auf Floyd Mayweather zulaufen. Es war übergeschnappt. Es war spektakulär. Es war erfolgreich. Zverev gewann gegen den favorisierten Amerikaner mit 6:4, 6:3, 7:6(5). "Brillant", sagte Serena-Williams-Trainer Patrick Mouratoglou bereits nach dem ersten Satz: "Isner ist völlig verblüfft - und ich glaube, er wird sein Spiel nicht umstellen können."

Mouratoglou hat nicht nur Serena Williams zu zahlreichen Grand-Slam-Titeln geführt, er kann einem auch wunderbar eine Partie erklären, wenn man sie gemeinsam mit ihm vom Spielfeldrand aus verfolgt. "Isner braucht aufgrund seiner Größe und aufgrund der Geschwindigkeit seines Aufschlages zu lange, um ans Netz vorzurücken", sagte er: "Natürlich erfordert die Strategie von Zverev erstaunliche Reaktionen beim Return und am Netz - aber er hat schon bewiesen, dass er die hat." Isner sei mit dieser forschen Spielweise überfordert: "Sein Spiel ist zu eindimensional, als dass er sich während einer Partie umstellen könnte. Da sich Zverev auf sein Serve-And-Volley-Spiel verlassen kann, darf er den Aufschlag des Gegners selbstbewusst angreifen."

Welche Gesinnung und welche Selbstdisziplin sind nötig, gegen einen der härtesten und variabelsten Aufschläger in der Geschichte dieses Sports diese Strategie nicht nur zu versuchen, sondern bis zum Ende der Partie konsequent durchzuhalten? Es gehört zum Selbstverständnis dieser Strategie, zahlreiche Returns ins Netz oder Aus zu schubsen oder noch nicht einmal zu erreichen. Es kann auch passieren, dass man viele Bälle um die Ohren gehauen bekommt. Das ständige Scheitern ist ein fester Bestandteil dieser Spielweise.

"Ich bin von der Grundlinie aus nun mal nicht so gut, also greife ich an"

"Wenn man weit hinten auf die Aufschläge von Isner wartet, dann vergrößert sich der Winkel - dann wird es noch schwieriger", sagte Zverev nach dem Match: "Ich weiß auch, dass er nach dem Aufschlag gerne die Rückhand umläuft, um mit seiner Vorhand Druck zu machen. Deshalb habe ich vor allem den zweiten Aufschlag möglichst früh genommen, um ihm diese Möglichkeit zu rauben und ihn zu leichten Fehlern zu zwingen. Dass ich auch den Return beim ersten Aufschlag hin und wieder getroffen habe, hat mir auch nicht gerade geschadet."

Natürlich hilft es Zverev, dass er diese Spielweise mittlerweile derart verinnerlicht und perfektioniert hat ("Ich bin von der Grundlinie aus nun mal nicht so gut, also greife ich an"), dass er wahrscheinlich noch nicht mal mehr darüber nachdenken muss. Die Bewegungen bei Vorhand-Topspin und Rückhand-Slice erinnern aufgrund der fehlenden Ausholbewegung an einen Tischtennisspieler, am Netz agiert er wie ein Badmintonprofi. Hinzu kommt ein variabler Aufschlag - und schon ist diese Strategie nicht mehr übergeschnappt oder größenwahnsinnig, sondern erstaunlich souverän. Es gibt eine Zahl, die das verdeutlicht: Zverev gewann insgesamt 66 Ballwechsel durch Gewinnschläge oder dadurch, dass er Isner zu Fehlern zwang. Eigene Fehler ohne Bedrängnis: sieben.

So wie Isner seine Gegner gewöhnlich verzweifeln lässt, so war er nun genervt von Zverev, der immer wieder nach vorne marschierte und Passierbälle mit teils wahnwitzigen Volleys parierte. Beim dritten Matchball hatte eigentlich Isner die Kontrolle über den Ballwechsel bekommen, doch Zverev wählte den aggressiven Rückhand-Slice, stürmte ans Netz und legte den folgenden Volley locker und für Isner unerreichbar ins Feld. "Die Leute sagen immer, dass ich ein bisschen verrückt bin", sagte Zverev danach: "Aber ich finde mich eigentlich ganz normal."

Zverev ist völlig verrückt, gewiss, er passt damit allerdings zu dieser Stadt und diesem Turnier, bei dem das wahnwitzige Spektakel gefeiert wird. Er trifft im Achtelfinale auf den Amerikaner Sam Querrey - und wer einen übergeschnappten, größenwahnsinnigen und damit unfasslich interessanten Typen sehen möchte, der sollte diese Partie am Sonntag nicht verpassen.

© SZ.de/chge
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