Die erste Woche von Grand-Slam-Turnieren ist oft auch die Bühne für unbekannte Profis mit besonderen Lebensverläufen, die frei nach Andy Warhol ihre 15 Minuten Ruhm erhalten. Unvergessen ist etwa die Geschichte des Briten Marcus Willis. Der Linkshänder hatte 2016 sein Dasein als Berufsspieler im Grunde beendet, jobbte als Tennistrainer, für 30 Pfund die Stunde konnte man ihn buchen, den sympathischen Kerl aus der Grafschaft Berkshire mit der knuddeligen Figur. Aus Jux nahm er dann an der Vorqualifikation für Wimbledon teil, schaffte es in die Qualifikation, setzte sich wieder durch, plötzlich stand er in Runde zwei des Hauptfeldes auf dem Centre Court, sein Gegner: Roger Federer, der damals schon sechs seiner sieben Wimbledontitel verbucht hatte. Filmreif das Ganze.
Oder die Polin Maja Chwalinska, die aufgrund mentaler Probleme ihre Karriere unterbrochen hatte, sich bei den vergangenen French Open, clever spielend, bis ins Finale trickste. Oder die Chinesin Zhang Shuai, die 2016 zum ersten Mal vor ihren Eltern im Publikum spielte – und bei den Australian Open prompt Simona Halep besiegte. Oder Wladimir Woltschkow, ein Qualifikant aus Belarus, der sich im Jahr 2000 in Wimbledon, apropos filmreif, das Hollywood-Epos Gladiator ansah, in dem ein römischer Feldherr sich als Sklave und in der Gladiatorenarena wiederfindet. Daraufhin betrachtete Woltschkow den Tennisplatz als Arena. Weil der Trick funktionierte, zog sich Woltschkow vier weitere Mal Gladiator rein – bis er im Halbfinale an Pete Sampras scheiterte. Die Journalisten tauften ihn „Wladiator“.
Auch die aktuell laufenden US Open boten jetzt zwei Geschichten, die es so noch nie im Tennis zu bestaunen gab. Die dramatischste erlebte sicherlich Sebastian Gorzny. Denn zu 95 Prozent hätte der Amerikaner gar nicht in New York dabei sein sollen – weil er für fast tot erklärt worden war.

15 Jahre alt war er, als er an der US-Meisterschaft der Unter-16-Jährigen teilnahm und sich schlecht fühlte. Er erlitt einen Krampfanfall, wurde ins Krankenhaus gebracht. „Die Ärzte sind sich nicht ganz sicher, was es tatsächlich war, aber sie vermuteten einen Mückenstich, der zu einer Art Gehirninfektion geführt hat: Meningitis oder Enzephalitis“, sagte Gorzny in New York. Er wurde ins künstliche Koma versetzt. Vier Tage musste seine Familie darauf hoffen, dass er aufwachen würde. „Sie sagten meinen Eltern, ich hätte eine Überlebenschance von fünf Prozent.“ Der Moment kam, als ihm die Schläuche entfernt wurden. „Zum Glück fing ich wieder an zu atmen und erholte mich schnell.“
Inzwischen ist Gorzny 22 Jahre alt, in der Weltrangliste als 731. nicht wirklich spektakulär vorangekommen. Der amerikanische Verband (USTA) gab ihm trotzdem eine Wildcard für die US Open. Das Unglaubliche: Bis er von seiner New-York-Teilnahme erfuhr, hatte er kein Match auf ATP-Ebene bestritten. Dann besiegte er, in einem Krimi, den er im Tiebreak des fünften Satzes nach Abwehr von fünf Matchbällen für sich entschied, den Belgier Raphael Collignon, die Nummer 38 der Weltrangliste. Die Partie hatte sich aufgrund von Regenunterbrechungen über zwei Tage gezogen.
Um in seiner Notsituation damals die medizinischen Kosten zu bezahlen, hatte Gorzny über eine Crowdfunding-Kampagne im Internet rund 27 000 Euro an Spenden eingenommen. In New York verdiente er sich jetzt, nachdem er in Runde zwei gegen den Russen Daniil Medwedew 1:6, 3:6, 5:7 ausgeschieden war, 163 000 Euro. Manche Spieler, die ohnehin schon für fünf Leben ausgesorgt haben, erhalten manchmal mehr als genug Preisgeld obendrauf. Diesmal landete es beim Richtigen.
Als Zwölfjährige spielte Thea Frodin die junge Serena – getroffen haben sich beide bis heute noch nicht
Gorznys Landsfrau Thea Frodin nahm wiederum einen Weg, den sich auch kein Mensch ausdenken konnte. Die mittlerweile 17-Jährige hatte als Zwölfjährige eine bedeutende Rolle in einem Kinofilm, der sogar zu Oscar-Würden führte. In „King Richard“ wurde der einmalige Aufstieg der 23-maligen Grand-Slam-Siegerin Serena Williams dargestellt. Und Frodin verkörperte die junge Serena. Schauspieler Will Smith stellte dabei Richard Williams dar, den Vater von Serena und deren Schwester Venus; für seine Darbietung wurde er später mit dem Academy Award in Los Angeles ausgezeichnet.
Fünf Jahre nach dem Werk stand Frodin selbst jetzt erstmals im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers und absolvierte ihr erstes Profimatch. Die Mini-Serena hatte wie Gorzny eine Wildcard zugeteilt bekommen, nachdem sie zuletzt die Nachwuchsmeisterschaften des US-Tennisverbands gewonnen hatte. Und sie zeigte, dass sie diesen freien Startplatz verdient hat. Bei der 3:6, 2:6-Niederlage gegen die Weltranglistenzweite Jelena Rybakina schlug sie sogar elf Asse.
Große Pläne hat sie dennoch nicht, fürs Erste zumindest. Sie wolle erst einmal den Abschluss an der Highschool machen, erzählte Frodin in New York. Serena Williams, das überraschte dann, habe sie bis heute nicht persönlich getroffen, „aber hoffentlich bekomme ich bald die Gelegenheit dazu“, sagte sie diplomatisch. Dass es ein bisschen Aufregung um ihr Vorleben gab, hatte sie mitbekommen, „es ist schwer, dem allem zu entkommen“, gab sie zu, „es geht im Grunde darum, es zu akzeptieren und sich nicht davon beeinflussen zu lassen“. Das sei ihr auch gut gelungen.
Über eine Reaktion freute sich Frodin, die einen schwedischen Vater und eine französische Mutter hat, aber besonders: „Ich habe natürlich gesehen, dass Will Smith einen meiner Beiträge geteilt hat. Das war ziemlich cool und eine tolle Erfahrung.“ Diese Erfahrung kann ihr in jedem Fall niemand mehr nehmen: Dass sie jetzt auch auf der größten Bühne des Tennissports aufgetreten ist – und sich dabei selbst gespielt hat.

