Emma Raducanu gewinnt die US Open:Von Practice Court 8 zum Triumph

Lesezeit: 4 min

Emma Raducanu nach ihrem Sieg über Leylah Annie Fernandez bei den US Open.

Emma Raducanu nach ihrem Sieg über Leylah Annie Fernandez bei den US Open.

(Foto: Al Bello/AFP)

Die 18 Jahre alte Emma Raducanu gewinnt als erste Qualifikantin der Geschichte ein Grand-Slam-Turnier. Überhaupt zeigt sich bei den US Open ein Umbruch im Frauentennis.

Von Jürgen Schmieder, New York

Der junge Mann, der bei den US Open den Practice Court 8 bewachte, war am vergangenen Dienstag nicht sonderlich beeindruckt, als er erfuhr, dass Emma Raducanu gerade dort übte. "Joa", sagte er mit der Routine dessen, der seinen Tag mit dem Bewachen von Tennisplätzen verbringt: "Die ist ja schon ein paar Wochen hier und trainiert immer hier draußen." Man sollte wissen, dass sich Practice Court 8 nicht auf der schicken Tennisanlage befindet, sondern draußen im Corona Park, zwischen der Toilette der U-Bahn-Station Mets-Willets Point, einer Minigolfanlage und stinkenden Mülleimern. Es sind die Trainingsplätze für die Unbekannten, die Junioren, die Qualifikanten.

"Kann schon was, die Kleine", sagte der junge Mann noch, und ein paar Tage später, da ist Emma Raducanu US-Open-Champion, in der größten Tennisarena der Welt besiegt sie Leylah Fernandez (Kanada) 6:4, 6:3. "Natürlich träumt man von so was als Kind und sagt: 'Ich will ein Grand-Slam-Turnier gewinnen'", sagt sie danach, als sie im schwarzen Abendkleid in den Katakomben sitzt: "Aber ich habe in diesem Sommer erst die Schule beendet, ich habe danach erst richtig trainiert. Dann kam ich hierher, und mit jeder Partie wuchs das Selbstvertrauen und der Glaube: Ich könnte das wirklich schaffen. Aber es ist natürlich noch immer unglaublich."

Vielleicht ist die unfassbarste Zahl nicht, dass US-Open Siegerin Emma Raducanu erst 18 Jahre alt ist, und auch nicht, dass sie die erste Qualifikantin der Geschichte ist, die ein Grand-Slam-Turnier gewinnt - bei Männern und Frauen übrigens. Und auch nicht, dass sie vor diesen US Open noch nie ein Match auf der Frauen-Tour WTA gewonnen oder eine WTA-Partie auf Sand absolviert hat. Die unfassbarste Zahl ist: 152. Das ist der Weltranglistenplatz von Mariam Bolkvadze (Georgien) - die Einzige, die bei diesen US Open in einem Satz fünf Spiele gegen Raducanu gewonnen hat, beim 3:6, 5:7 in der zweiten Quali-Runde.

Die Ergebnisse von Raducanu im Hauptfeld, weil es gar so erstaunlich ist, lauten: 6:2, 6:3. 6:2, 6:4. 6:0, 6:1. 6:2, 6:1. 6:3, 6:4. 6:1, 6:4. Und, wie schon erwähnt: 6:4, 6:3. Sie hat sich durch dieses Turnier gespielt wie selten jemand davor.

"Ich habe noch immer andere Optionen"

Ihre zwei Monate ältere Finalgegnerin Fernandez hat sich durch dieses Turnier gekämpft. Sie hat sich Schlachten geliefert, gegen die zweimalige US-Open-Siegerin Naomi Osaka (USA) zum Beispiel, gegen Angelique Kerber (Deutschland), die Gewinnerin von 2016, die auf Rang fünf gesetzte Elina Switolina (Ukraine) und die Weltranglistenzweite Aryna Sabalenka (Belarus).

2021 US Open - Day 13

Die eine oder die andere Träne kullerten schon bei der Kanadierin Leylah Fernandez.

(Foto: Elsa/AFP)

Raducanu hingegen hat ihre Gegnerinnen überspielt, und wer die Trainingseinheit am Dienstag in voller Länge verfolgt hat, der dürfte im Finale erstaunliche Parallelen erkannt haben; etwa im letzten Spiel des ersten Satzes. Sie ließ sich von einer Ecke des Platzes an der Grundlinie zur anderen jagen, und dann musste sie aus vollem Lauf mit der Rückhand verteidigen - nicht mit einem Lollipop-Schlag, sondern aggressiv. So ein Schlag war es, der zum Satzball führte, und sie gewann den Durchgang mit dem, was sie danach geübt hatte: erst Vorhand-Cross, und dann den Drive die Linie lang. Danach blies sie wie immer ihre Schlaghand, als wolle sie andeuten, wie heiß diese Hand gerade ist.

Man sollte nicht den Fehler machen und den Triumph der Britin als reine Teenie-Tennis-Sensation begreifen. Die Tochter einer Chinesin und eines Rumänen, in Kanada geboren und in London aufgewachsen, galt bereits im Alter von acht Jahren als hochbegabt - in vielen Bereichen übrigens, sie ist einer dieser Menschen, deren Foto im Schuljahrbuch unter der Rubrik "Most likely to succeed" zu finden war. Aus der mal was wird also, und es hätte auch Mathe oder BWL sein können (sie ist Einser-Schülerin in beiden Fächern an der Elite-Schule Newstead Wood School); es wurde eben Tennis, und dass es Tennis wurde, das entschied sie erst in diesem Sommer: "Ich habe noch immer andere Optionen, aber gerade ist es 100 Prozent Tennis."

Sie hatte heuer bereits in Wimbledon auf sich aufmerksam gemacht, als sie bis in die vierte Runde vorstieß (nach erfolgreicher Qualifikation - der englische Verband hatte ihr keine Wild Card besorgt). Im Achtelfinale musste sie aber gegen Ajla Tomljanović (Australien) aufgeben, weil ihr, wie sie sagte, ganz einfach die Puste ausgegangen sei. Wegbegleiter berichteten in New York, wie sehr sie das genervt habe und sie deshalb noch härter trainierte. Noch so eine Beobachtung von Practice Court 8: Raducanu schindete sich am Tag zwischen Achtel- und Viertelfinale, als müsste sie sich auf ein Fünf-Satz-Spektakel gegen Novak Djokovic vorbereiten.

"Ich habe keine Ahnung, was draußen in der Welt gerade passiert", sagte sie auf die Frage, was sie denn davon halte, dass ihr Queen Elizabeth per SMS zum ersten Grand-Slam-Triumph einer Britin seit Virginia Wade 1977 in Wimbledon gratuliert habe: "Ich habe noch nicht auf mein Telefon geguckt. Ich weiß nicht, was morgen passieren wird, und das will ich auch gar nicht. Ich genieße den Moment."

Die US Open zeigen eine interessante Entwicklung im Frauentennis: Bereits in den vergangenen vier Jahren war keine Siegerin (zwei Mal Osaka, Sloane Stephens, Bianca Andreescu) älter als 24 Jahre, nun standen zwei Teenager im Einzelfinale und zwei weitere (die Amerikanerinnen Cori "Coco" Gauff und Catherine McNally) im Doppel-Endspiel. Es tut sich was im Frauentennis, der Umbruch ist in vollem Gange, und wer ein paar künftige Grand-Slam-Champions sehen will, der sollte vielleicht hin und wieder mal bei den Trainingsplätzen zwischen Toilette und Mülltonnen vorbeischauen - man braucht dafür nicht mal ein Ticket.

Zur SZ-Startseite
177641660

SZ PlusUS Open
:Quiet, please!

Beleidigungen, Androhung von Vergewaltigung, doofe Fragen von Journalisten - und das alles nach dem Verzicht auf Jugend und sündteuren Investitionen. Ist es das wirklich wert, Tennisprofi zu sein? Zwei Wochen bei den US Open, die viel über den Profisport verraten.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB