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US Open:Nadal gegen die neue Generation

Rafael Nadal bei den US Open 2019

Spannt an: Rafael Nadal nach seinem Sieg bei den US Open gegen den Argentinier Schwartzman.

(Foto: Johannes Eisele/AFP)
  • Nach dem Aus von Federer und Djokovic bleibt bei den US-Open nur noch Nadal als Vertreter der "großen Drei" übrig, die zusammen 54 Grand-Slam-Titel gesammelt haben.
  • Er tritt mit seinen 33 Jahren im Halbfinale gegen den zehn Jahre jüngeren Italiener Berrettini an.
  • "Die jungen Spieler klopfen an die Tür", hatte Federer schon vor dem Turnier gesagt.

2014 war ein richtig tolles Jahr für Grigor Dimitrov: drei Turniersiege, Viertelfinale bei den Australian Open, Halbfinale in Wimbledon. "Baby Federer" nannten sie den damals 23 Jahre alten Bulgaren, er war der designierte Nachfolger der so genannten "großen Vier" (Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray). Er fuhr im Sportwagen durch die kalifornische Strandstadt Manhattan Beach, daneben saß Freundin Maria Scharapowa, zu der Zeit die Prinzessin im Frauentennis. Ja, das Leben meinte es gut mit Dimitrov.

2019 dagegen war ein derart schlimmes Jahr für Dimitrov, dass er sich nicht daran erinnern will. Formkrise, Verletzung an der rechten Schulter, jedes Turnier anders und doch stets mit dem gleichen Ergebnis: Dimitrov scheiterte früh, im Juli in Atlanta in der ersten Runde an Kevin King, Nummer 405 der Welt. Er plumpste auf Rang 78, "Baby Federer" nannte ihn längst keiner mehr. Er war vielmehr die Symbolfigur jener Generation, die aufgrund der Dominanz der großen Vier kein Grand-Slam-Turnier gewinnen können. "Tiefer geht es nicht für einen Sportler", sagte er nach Atlanta. Das Leben schien es nicht besonders gut mit ihm zu meinen.

Nach dem Fünfsatzsieg gegen Federer, gegen den er davor in sieben Versuchen stets verloren hatte, steht Dimitrov im US-Open-Halbfinale, und er teilte den Reportern mit entwaffnender Ehrlichkeit mit, dass er darüber mindestens so erstaunt sei wie alle anderen. Sein Trainer Radek Stepanek und Berater Andre Agassi waren gar nicht erst mit nach New York gekommen. "Ein Tritt in den Hintern", sagt Dimitrov, er solle seine Probleme bei einem Turnier mal gefälligst alleine lösen - "und dann lege ich so einen Lauf hin".

Dimitrov wirkte gegen Federer wie eine verbesserte Version seiner selbst aus dem Jahr 2014: ein technisch feiner Spieler mit grazilen Bewegungen, der trotz zweimaligen Satzrückstandes nicht fatalistisch wurde wie sonst. "Ich hätte nicht aufgegeben, selbst wenn ich zwei Sätze hinten gewesen wäre", sagt er: "Ich hätte weiter versucht, ihn zu ärgern, bewegen, beschäftigen." Da scheint einer erwachsen geworden zu sein und es gut mit dem Leben zu meinen.

Der überraschende Erfolg führt zu einer interessanten Konstellation im Halbfinale: Dimitrov, 28, spielt gegen den 23 Jahre alten Daniil Medwedew (Russland), der gerade einen derart grandiosen Sommer erlebt, dass er nicht nur in Washington und Montréal jeweils das Endspiel erreicht und die US-Open-Generalprobe in Cincinnati für sich entschieden hat, sondern es in New York als wohl erster Sportler der Geschichte schaffte, sich erst mit dem Publikum anzulegen und es dann für sich zu begeistern. Das andere Semifinale bestreiten Matteo Berrettini, 23, und Rafael Nadal, 33.

"Die jungen Spieler klopfen an die Tür", hatte Federer schon vor dem Turnier gesagt: "Und das Klopfen wird immer lauter." Federer, Djiokovic, Nadal und Murray hatten sich bisher - aus egoistischen Gründen - gemeinsam gegen diese Tür gestemmt, die in den vergangenen 14 Jahren nur von Stan Wawrinka (insgesamt drei Grand-Slam-Siege in 2014, 2015 und 2016), Juan Martín del Potro (US Open 2009) und Marin Cilic (US Open 2014) beschädigt worden ist; wirklich eingetreten hat sie niemand.

Nun haben sich Federer und Djokovic bereits verabschiedet, und auch wenn es zwischen der lädierten linken Schulter von Djokovic und dem Zwicken im Rücken des Schweizer Maestros keinen Zusammenhang gibt, so könnte es doch eine Botschaft sein, dass diese unfassbare Ära im Männertennis in nicht so ferner Zukunft enden wird. Murray hat das Ende seiner Karriere bereits prognostiziert, er hat in der vergangenen Woche bei den Rafa Nadal Open auf Mallorca im Achtelfinale gegen Matteo Viola verloren, den 267. der Weltrangliste.

Bleibt als Türsteher der Typ, nach dem dieses Challenger-Turnier benannt ist: Nadal gibt bei diesen US Open den grimmigen bouncer, der jeden Versuch der Eindringlinge, diese Tür endlich zu beseitigen, humorlos abwehrt, gegen Diego Schwartzman (Argentinien) gewann er am Mittwochabend trotz Krämpfen in den Unterarmen 6:4, 7:5, 6:2. Genau das ist ja bislang das Problem der Generation danach gewesen: Federer, Djokovic und Nadal hatten jeweils heftige Krisen, mindestens einer war jedoch in der Lage, die Burg zu beschützen.

"Ich habe ein paar Fehler gemacht, das war nicht perfekt", sagte Nadal, nach einem Sieg ohne Satzverlust gegen einen überaus giftigen Gegner wohlgemerkt. Nun gibt es die Generation nach der Generation danach, neben Medwedew und Berrettini noch Alexander Zverev, Stefanos Tsitsipas (Griechenland) und Karen Chatschanow (Russland). "Langsam fügen sich die Dinge zu einem stimmigen Bild", sagt Dimitrov, der die Partie gegen Federer tatsächlich als "eine Partie wie jede andere" bezeichnete: "Ich bin bereit für mehr!"

Es dürfte spannend werden im Männertennis, und dass es das Leben gerade sehr gut mit Dimitrov und Medwedew meint, lässt sich daran erkennen, dass einer der beiden am Sonntag um die US-Open-Trophäe spielen wird.