US Open:Meditation auf einem einsamen Berg

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US Open

„Das Drumherum muss passen, damit ich mich auf dem Platz wohlfühle“: Angelique Kerber, die 2016 bereits die US Open gewonnen hat.

(Foto: Frank Franklin/dpa)

Angelique Kerber hat sich mit den Corona-Restriktionen in New York so gut arrangiert, dass sie nach den ersten beiden Runden bereits als Favoritin gehandelt wird.

Von Jürgen Schmieder, New York/Los Angeles

Man begegnet ja derzeit vielen Menschen, die man lange nicht mehr gesehen hat, und natürlich will man dann wissen, wie es ihnen so gehe angesichts der Restriktionen der Corona-Pandemie. Es folgt meist die deutsche Small-Talk-Antwort "Och, ganz gut", was von hundsmiserabel bis supertoll alles bedeuten kann. Als sich Angelique Kerber, die man auch lange nicht mehr gesehen hatte, vor die riesige Video-Leinwand im Interview Room 1 setzte und auf die Frage nach dem Befinden auch "Och, ganz gut" sagte, wussten aufmerksame Beobachter beim Blick auf Augen und Mundwinkel sofort, dass sie eher supertoll als hundsmiserabel gemeint hatte.

Kerber hatte bei den US Open ihre ersten Partien souverän gegen Ajla Tomljanovic (Australien) und Anna-Lena Friedsam gewonnen. Diese Partien sind bei ihr traditionell problematisch, bei 50 Grand-Slam-Teilnahmen scheiterte sie 19 Mal in einer dieser beiden Runden. Wenn sie aber gewinnt, dann kann es weit gehen, sehr weit sogar. Nun sagte sie zwar, dass sie "auf gar keinen Fall die Favoritin" sei; sie sagte aber auch, dass sie doch "ganz gerne lange in dieser Bubble bleiben" wolle. Die US Open sind dieses Jahr ein einzigartiges und eigenartiges Turnier - doch bei genauer Betrachtung sind für Kerber die Bedingungen so, als würde man von einem buddhistischen Mönch verlangen, dass er ein paar Wochen lang einsam auf einem Berg meditieren solle.

Jeder Sportler liebt eine Arena voller Fans, fast jeder Besucher von New York liebt die Energie dieser Stadt, viele Menschen lieben Kontakt zu anderen Leuten. Es ist also nicht so, dass sich Kerber über die Restriktionen freuen würde, sie beschwert sich aber auch nicht. Kerber geht gleichmütig damit um, ihre Aussagen wirken wie die eines buddhistischen Mönches nach einer Woche Meditation: "Och, es ist nun mal, wie es ist. Ich versuche, das Beste aus dieser Situation zu machen."

Über ihren neuen, alten Trainer sagt Kerber: "Er weiß, wie ich denke, er weiß, wie ich spiele."

Diese eigenartigen US Open wird nun nicht unbedingt die Spielerin mit der besten Vorhand, dem härtesten Aufschlag oder den flinksten Beinen gewinnen, sondern jene, die am besten mit diesen Bedingungen zurechtkommt. Kerber ist deshalb eine Favoritin auf den Turniersieg - zumal in ihrem Viertel des Tableaus am Dienstag die gesetzten Konkurrentinnen Karolina Pliskova (Tschechien, Platz eins) und Alison Riske (USA, 13) verloren haben und Kerber nun am Freitag auf Ann Li (USA, Weltranglistenplatz 128) trifft.

Kerber ist Rummel um ihre Person immer ein bisschen suspekt. Sie genießt es, wenn junge Fans Autogramme haben wollen oder sie auf Sponsorenterminen bejubelt wird - und dennoch hat sie keine Lust, trotz aller Erfolge (drei Grand-Slam-Titel) so vereinnahmt zu werden, wie es Steffi Graf und Boris Becker erlebt hatten, die gerade in Deutschland zunächst zu Engeln verklärt, bei ersten negativen Anzeichen aber auch in die Hölle gejagt wurden.

Kerber, 32, lebt im Dorf Puszczykowo an der deutsch-polnischen Grenze, in der Nähe der Großmutter, sie hat dort ihre Tennisakademie, vor allem aber hat sie: ihre Ruhe. Sie mag es bei Turnieren nicht, wenn sie zur Favoritin ausgerufen wird, weil sie dann meist auf Schritt und Tritt verfolgt wird und jeder Ballwechsel unter ein Mikroskop gelegt wird. Nun sind auf der Tennisanlage in Flushing Meadows keine Zuschauer, keine Sponsoren. "Es geht wirklich nur zwischen dem Hotel und der Anlage hin und her", sagt Kerber, und es klingt nicht so, als würde sie das stören. Sie geht zur Arbeit, danach fährt sie nach Hause, und sie scheint es ganz in Ordnung zu finden, so wie es ist. Nur die Besuche in ihrem Lieblingsrestaurant in Manhattan vermisst sie.

Es erinnert viel an die US Open 2016, als Kerber beinahe unerkannt, jedoch mit breiten Schultern über die Anlage lief. Die Leute konzentrierten sich damals auf Serena Williams (USA), die auch in diesem Jahr ordentlich Gedöns abbekommt, weil sie ihren 24. Grand-Slam-Titel gewinnen will. In diesem Jahr liegt der Fokus zusätzlich auf Naomi Osaka, wegen ihrer formidablen Leistungen und wegen ihres gesellschaftlichen Engagements. Und Kerber kann wieder ungestört über die Anlage laufen. Sie darf sein, wie sie ist.

"Das Drumherum muss passen, damit ich mich auf dem Platz wohlfühle", sagt sie, und es hilft ihr, bei diesem unvorhersehbaren Turnier von einem Bekannten begleitet zu werden. Torben Beltz ist seit Ende Juni wieder ihr Trainer, die beiden hatten bereits von 2004 bis 2013 und dann in der erfolgreichen Zeit von 2014 bis 2017 zusammengearbeitet, als Kerber ihre ersten beiden Grand-Slam-Titel gewann. "Er weiß, wie ich denke, er weiß, wie ich spiele", sagt Kerber: "Er weiß auch, wie ich abseits des Platzes ticke, wir verstehen uns blind."

Vor den Erfolgen 2016 trichterte Beltz ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ein. Er forderte sie auf, die Bälle nicht nur übers Netz zu schubsen, sondern zu prügeln. Das tut er nun wieder, und er fordert hin und wieder Variationen wie die Stopp-Lob-Kombination. Kerber, noch immer eine der besten Konterspielerinnen auf der Welt und eine der Flinksten an der Grundlinie, wird dadurch noch gefährlicher. Gegen Friedsam gewann sie ein Aufschlagspiel, ohne einen Punkt selbst dominieren zu müssen. Beim Spiel davor: drei wahnwitzige Gewinnschläge mit der Vorhand. Kurz darauf: zwei Mal Stopp-Lob-Kombi.

Die Fans mögen Kerber noch nicht als Favoritin sehen, doch die Gegnerinnen auf der Anlage, die sie spielen sehen, die fangen bereits an, sich vor ihr zu fürchten.

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