bedeckt München -1°

US Open:Köstliches Leiden

Alexander Zverevs Halbfinalgegner Pablo Carreno Busta gilt als Außenseiter, hat aber Stärken. Er ist geduldig, widerstands- und lernfähig. Und er kann Schmerzen ertragen.

Von Jürgen Schmieder, New York/Los Angeles

Hartnäckiger Gegner: Pablo Carreno Busta.

(Foto: Frank Franklin II/AP)

Der Spanier liebt es zu leiden. Wie sonst sollte man erklären, was im Viertelfinale der US Open passierte? Denis Shapovalov (Kanada) hatte den vierten Satz glatt gewonnen, hatte Gegner Pablo Carreño Busta (Spanien) nicht nur in den Ringseilen, sondern am Boden - ein eingeklemmter Nerv. "Der Physio hat was probiert", sagte Carreño Busta später. Nach der Behandlung stand er auf und gewann die Partie, 3:6, 7:6 (5), 7:6 (4), 0:6, 6:3. Mehr als vier Stunden dauerte das Gefecht, über das Carreño Busta sagte: "Hach, es war eine richtig schöne Schlacht. So was können wir öfter machen."

Der Spanier liebt es zu leiden. Natürlich klingt so ein Satz nur dann nicht kitschig, wenn er von einem Spanier stammt. Trainer Alberto López hat ihn gesagt, im Buch The Secrets of Spanish Tennis von Chris Lewitt, das auch The Game of Carreño Busta heißen könnte. In einem Kapitel geht es darum, dass spanische Spieler bereits als Kinder darauf gedrillt werden, mit den physischen, vor allem aber den mentalen Aspekten einer langen Partie umzugehen. Rafael Nadal führt das seit fast zwei Jahrzehnten vor, wie vor ihm Sergi Bruguera und Carlos Moyá - und nun Carreño Busta.

Dessen bisheriger US-Open-Erfolg wird auch ein wenig von Konjunktiven begleitet, denn: Würde er überhaupt am Freitag gegen Alexander Zverev im Halbfinale spielen (22 Uhr MESZ), hätte sein frustrierter Gegner Novak Djokovic im Achtelfinale den Ball woanders platziert als am Hals einer Linienrichterin? Mehr noch: Als Ben Rothenberg, der Tennis-Experte der New York Times, auf Twitter über den Achtelfinaleinzug von Carreño Busta staunte, antwortete das Gesamtkunstwerk Nick Kyrgios: "Gäbe es keine Sandplätze, wäre der Typ nicht mal den Top 50 nahe." Er hat die Lästerei inzwischen gelöscht - wohl auch, weil Carreño Busta jetzt sein zweites Halbfinale auf dem New Yorker Hartplatz spielt und Kyrgios selbst noch nie über ein Grand-Slam-Viertelfinale hinausgekommen ist.

Vielleicht mal weniger Konjunktiv: Carreño Busta hatte gegen Djokovic drei Satzbälle abgewehrt und ihm dann das Aufschlagspiel abgenommen; er schlug zum Satzgewinn auf. Kann es sein, dass Djokovic es ganz offensichtlich nicht so liebt zu leiden, und dass er diesen Ball auch aus Frust über den unangenehmen Gegner so wütend nach hinten geschlagen hat?

Es stimmt schon: Die Spielweise von Carreño Busta entfaltet ihre Wirkung am besten auf langsamen Sandplätzen, auf denen europäische Tenniskinder aufwachsen, und sie wird gut in Lewitts Buch erläutert: herausragende Beinarbeit, die einen scheinbar unerreichbare Bälle erreichen und wieder zurück in die Feldmitte kommen lässt, um den nächsten Angriff abzuwehren. Dazu Fitness, Konzentration für lange Ballwechsel, Konsistenz bei Grundschlägen und die Fähigkeit, das Tempo für Konter zu erhöhen. Und schließlich: die mentale Fähigkeit, 80 Prozent in der Defensive zu verbleiben, den Gegner nicht vom Platz zu prügeln, sondern zu zermürben.

Der Spanier liebt es zu leiden - lässt damit aber auch den Gegner leiden. Das liegt auch am Untergrund, auf dem die US Open 2020 gespielt werden; es gibt nach 41 Jahren einen neuen Anbieter. Auch wenn die Spieler zu Beginn sagten, dass es auf den Außenplätzen arg schnell zugehe, so war das Spiel auf den Belägen in den zwei großen Arenen von Anfang an langsamer und wurde mit jeder Partie noch langsamer. Es heißt, das Tempo im Arthur Ashe Stadium sei höchstens mittellangsam und damit näher an den Sandplätzen in Paris als den schnellen Hartcourts in Melbourne.

Es ist also ein Belag, den Carreño Busta mag, und gerade gegen Shapovalov zeigte er, wie sehr er die Geheimnisse des spanischen Tennis' verinnerlicht hat. Dazu gehört die Fähigkeit, das Spiel des Gegners zu lesen und das eigene anzupassen, was bei Partien über drei Gewinnsätze freilich leichter möglich ist. Hat schon mal jemand bemerkt, dass der erste Satz bei Nadal häufig ein wenig länger dauert und knapper endet - und dass es danach oftmals schnell geht? Nun, das liegt auch daran, dass Nadal diesen Durchgang nutzt, um einige Sachen auszuprobieren und eine Strategie zu entwickeln. Das tut Carreño Busta auch.

"Nach dem ersten Satz wurde es ein völlig neues Spiel", sagte er über das Viertelfinale, bei dem er den ersten Durchgang recht schnell 3:6 verloren hatte: "Ich bin beim Return ein bisschen weiter vorne gestanden und habe seine Grundschläge eher genommen." Er wollte Shapovalov weniger Zeit geben, sein aggressives Spiel zu entfalten, ohne selbst viel zu riskieren. "Er hat sich im Laufe der Partie verbessert", sagte Shapovalov: "Es hatte den Anschein, dass er mit jedem Ballwechsel besser wurde. Es ist unfassbar schwer, gegen einen wie ihn zu spielen."

Natürlich sollte das Buch The Secrets of Spanish Tennis umbenannt werden; es ist ja kein Geheimnis, wie Spanier so spielen, es ist nur schwer, dagegen anzukommen. Zverev, der gerade im Viertelfinale seine Geduld bewiesen hat, muss sich auf eine lange Partie einstellen und darauf, in den späteren Sätzen einen verbesserten Gegner zu erleben. Er braucht Variationen, muss Ballwechsel konsequent zu Ende spielen und darf in prägenden Momenten nicht hektisch werden oder bei Rückstand verzweifeln. Der Spanier liebt es zu leiden, und Alexander Zverev (Profil des Deutschen ) muss am Freitag bereit sein, das auch zu tun.

© SZ vom 11.09.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema