US Open:Niemeier träumt nur kurz vom Coup

Lesezeit: 2 min

US Open: Konnte ihre anfängliche Qualität nicht halten: Jule Niemeier im Achtelfinale von New York.

Konnte ihre anfängliche Qualität nicht halten: Jule Niemeier im Achtelfinale von New York.

(Foto: Timothy A. Clary/AFP)

Im Achtelfinale der US Open fordert die deutsche Tennisspielerin die Polin Iga Swiatek mehr, als der Weltranglisten-Ersten lieb sein kann - doch nach gewonnenem ersten Satz und Führung im zweiten produziert die Westfälin zu viele Fehler.

Von Jürgen Schmieder, New York

Schon beim Münzwurf konnte man erahnen, wie dieses Achtelfinale im Louis Armstrong Stadium wohl verlaufen würde: Jule Niemeier lockerte mit wuchtigen Schwüngen die Schultern, Iga Swiatek tippelte in Stakkato-Schritten in Maschinengewehr-Geschwindigkeit über die Aufschlag-Linie in der Mitte und wieder zurück - und genau so war es dann auch: Niemeier war die mutige Aggressorin in diesem Match und Swiatek die flinke Konterspielerin. Das war spannend anzusehen, weil es zur Frage führte: Wer würde so eine Partie gegensätzlicher Kontrahentinnen gewinnen? Antwort: Swiatek mit 2:6, 6:4, 6:0.

Die große Stärke von Niemeier bislang bei diesem Turnier: Sie stellt ihr Spiel während der Partie um; nach Spielweise der Gegnerin und Ertasten der eigenen Tagesform: Sitzt der Aufschlag? Fällt der wuchtige Vorhand-Cross oft genug ins Feld? Sie ist dabei permanent in Kontakt mit Trainer Christopher Kas, der Hinweise gibt, was zu verändern wäre.

Sie braucht ein bisschen für diese Feinjustierung, und das ist freilich ein bisschen gefährlich gegen eine, die ein, wie man in New York sagt, Career Year erlebt, eine Wahnsinns-Saison mit sechs Turniersiegen, darunter die French Open in Paris, die bei den US Open als große Favoritin gilt und in den drei Partien davor noch nicht mal in Gefahr gewesen ist, überhaupt einen Satz zu verlieren. Es half Niemeier, dass Aufschlag und Vorhand-Cross saßen; es half ihr aber auch, dass bei Swiatek weder Aufschlag, Vorhand oder irgendetwas sonst saß. Sie lief und lief und lief, aber sie spielte nicht, und schon hatte sie den ersten Satz verloren.

Niemeier muss sich nicht grämen, sie rückt auf Platz 73 der Weltrangliste vor durch dieses Turnier

Swiatek verließ danach den Platz, und diese Pause diente sicher weniger der Erfrischung als der Suche nach Ruhe nach diesem desaströsen Durchgang und irgendeiner Lösung gegen die forsche Spielweise ihrer Gegnerin - und die Suche war erfolgreich. Es war erstaunlich, wie die erst 21 Jahre alte Swiatek zwar nicht wirklich besser spielte, aber eine Lösung fand, Ballwechsel und damit den zweiten Satz zu gewinnen - und wie nur ein paar Punkte, in denen Swiatek konzentrierter wirkte und auch mal Glück hatte (der Ball kratzte die Linie oder hüpfte nach Netzberührung auf die andere Seite), diese Partie komplett drehten.

Nach dem zweiten Satz nämlich ging Niemeier vom Platz, Swiatek übte ihre Stakkato-Schritte in Maschinengewehr-Geschwindigkeit. Niemeier fand jedoch nichts, sie verlor sich eher; auch das mit der Feinjustierung klappte nicht, weil schon im Großen und Ganzen nichts mehr klappte. Niemeier muss sich nicht grämen, sie rückt auf Platz 73 der Weltrangliste vor durch dieses Turnier. So geht das manchmal gegen eine, die irgendwie noch einen Weg zum Sieg findet - und die nur ein paar Momente braucht, diesen Weg zu sehen. Im Viertelfinale trifft Swiatek am Mittwoch auf Jessica Pegula (USA). Mal sehen, was beim Münzwurf vor der Partie passieren wird.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema