Novak Djokovic mal wieder: Es war im Januar, als er die Kapitulation verweigerte und allen zeigte, wozu er im Methusalem-Alter eines Tennisspielers fähig ist, trotz eines Muskelrisses. Er änderte damals im Viertelfinale der Australian Open die Taktik und bezwang den verblüfften Carlos Alcaraz. Der hatte keine Strategie, die Partie zu drehen, sein einziges Mittel war, Djokovic während des Wechsels nach dem dritten Satz vorzuwerfen, die Humpelei nur vorzutäuschen. Das ist gegen den serbischen Mentalmeister in etwa so zielführend wie ein Aufschlag mit 50 km/h. Folge: Djokovic gewann bravourös, musst im Halbfinale jedoch nach einem Satz aufgeben – und so wurde Alexander Zverev der einzige Grand-Slam-Männerfinalist, im Jahr 2025, der nicht Carlos Alcaraz oder Jannik Sinner heißt. Das wird Zverev nicht besonders freuen, denn er hatte, wie er selbst sagte, keine Chance in diesem Endspiel.
Nun, am Freitag in New York, ist das Urteil von Djokovic, 38, ähnlich konsequent gewesen: „Bei drei von vier Grand Slams habe ich gegen einen der zwei verloren“, sagte Djokovic nach der 4:6, 6:7 (4), 2:6 Niederlage im Halbfinale der US Open gegen Alcaraz. Schon vor zwei Monaten im Wimbledon-Halbfinale war er unterlagen, damals in drei Sätzen dem Italiener Sinner (3:6, 3:6, 4:6). Bei den French Open hatte es ebenfalls nur drei Sätze gedauert gegen Sinner; die waren ein wenig enger, 4:6, 5:7, 6:7 (3). „Die beiden sind einfach zu gut derzeit“, bilanzierte Djokovic in New York: „Ich bin zufrieden mit meinem Niveau, aber Best-of-Five ist schon sehr, sehr schwer gegen die beiden.“

US Open:Gegen Sinner hilft nur Humor
Die Gegner von Branchenprimus Jannik Sinner beschreiben den 24-Jährigen als Tennismaschine, wie erstellt von künstlicher Intelligenz. Auch sein Halbfinal-Kontrahent Felix Auger-Aliassime hält den Italiener für „zeitweise unantastbar“ und flüchtet sich in Witze.
Wer hätte gedacht, dass man jemals so einen Satz hören würde von dem erfolgreichsten Tennisspieler der Geschichte, dem 24-maligen Grand-Slam-Sieger aus Serbien: dass er zufrieden sei mit sich, aber akzeptiere, dass er in Partien über drei Gewinnsätze keine Chance hat gegen die beiden Besten der Branche. Das bedeutet, dass Männertennis in einer neuen Ära angelangt ist, der Ära der Big Two: der Epoche zweier großer, junger Spieler, des Spaniers und des Italieners. Als Sinner die Australian Open im Finale gegen Zverev gewann, hatte sein deutscher Kontrahent nach drei Sätzen (3:6, 6:7, 3:6) das gleiche Urteil gefällt, nur mehr auf sich bezogen: „Ich bin nicht gut genug, um ihn zu schlagen.“ Man wollte Zverev damals schon trösten mit der Reaktion: Mein Lieber, wer ist das schon?
Anfang Juni in Paris gewann Alcaraz, 22, gegen Sinner, 24, eine Jahrhundertpartie in fünf spektakulären Sätzen. Wäre dieses Finale anders ausgegangen, würde der Italiener am Sonntag nach den Siegen in Melbourne und Wimbledon sogar um die Komplettierung des Grand Slam spielen: Im Halbfinale von New York hat er am Freitag den Kanadier Felix Auger-Aliassime 6:1, 3:6, 6:3, 6:4 geschlagen.
In Paris duellierten sich Sinner und Aclaraz fünfeinhalb Stunden lang
Zahlen erzählen im Sport nicht immer die ganze Wahrheit, in diesem Fall allerdings es schon: Alcaraz wird nach den US Open unabhängig vom Ausgang des Finales 10 840 Weltranglistenpunkte auf seinem Konto haben, Sinner 10 760 Punkte. Sie liegen also fast gleichauf und duellieren sich am Sonntag demzufolge nicht nur um den US-Open-Pokal, sondern auch um Platz eins der Rangliste. Platz drei hält Zverev mit etwas mehr als der Hälfte von Alcaraz' Punktzahl (5930). Dann folgt Djokovic (4830). Das ist in etwa auch der spielerische Vorsprung, den die beiden vor den Nächstbesten haben: Sie sind sogar ihren direkten Verfolgern weit enteilt.
„Es wird künftig sehr schwer mich, die Hürden Sinner und Alcaraz in Best-of-five-Partien zu meistern. Ich werde weiter kämpfen für mindestens noch eine Grand-Slam-Trophäe, aber das wird schon eine schwere Aufgabe“, sagte Djokovic. Und er deutete an, 2026 womöglich wieder einige Masters-Turniere mehr spielen zu wollen: „Vielleicht habe ich in Best-of-three-Partien eine bessere Chance.“

Auch in New York stehen sich am Sonntag also Sinner und Alcaraz gegenüber: Dieselben Finalisten bei drei Grand-Slam-Turnieren nacheinander, das hatte es saisonübergreifend zuletzt 2011/12 gegeben. Djokovic damals gewann Wimbledon, die US Open und zu Jahresbeginn 2012 die Australian Open jeweils gegen den Spanier Rafael Nadal. Es gab danach sogar noch ein viertes Endspiel, das gewann Nadal bei den French Open. Es war die Ära der Big Three, die wegen Andy Murrays Erfolgen zwischenzeitlich Big Four hieß und wegen der drei Grand-Slam-Titel von Stan Wawrinka kurz zu Big Five wurde. Nun herrschen die Big Two.
Die US Open gelten aufgrund des mittelschnellen Belages in der größten Tennisarena der Welt als das Turnier, das tatsächlich den über die Beläge und Konditionen hinweg besten Tennisspieler und die beste Tennisspielerin der Welt kürt. Es geht am Sonntag also nicht nur um den Titel und Platz eins der Weltrangliste, für die Amerikaner ist es der Super Bowl, das WM-Finale, das ganz große Event im Männertennis. Es wäre vermessen, eine Prognose für dieses Finale aufzustellen, im direkten Vergleich der beiden hat Alcaraz neunmal gewonnen, Sinner fünfmal. Deshalb nur der Hinweis: Man möge den größten Popcornkübel bereithalten, dessen man habhaft werden kann. Es dürfte spannend, hochklassig, dramatisch werden – und könnte dauern. In Paris duellierten sie sich fünfeinhalb Stunden lang.

