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Disqualifikation von Djokovic:"Er hat sie hart getroffen"

Novak Djokovic (rechts) konnte seine Disqualifikation bei den US Open nicht mehr abwenden.

(Foto: AP)

Oberschiedsrichter Sören Friemel erklärt, weshalb er keine andere Wahl hatte, als Novak Djokovic bei den US Open zu disqualifizieren.

Herr Friemel, wie haben Sie das Geschehen auf dem Platz wahrgenommen?

Friemel: Ich habe gesehen, dass die Linienrichterin auf dem Boden lag, neben ihr der Arzt, der Physiotherapeut, auch Novak und der Stuhlschiedsrichterin. Alle haben alles gemacht, damit es ihr besser geht. Danach haben mir der Grand Slam Supervisor und die Stuhlschiedsrichterin erklärt, was passiert war. Was mir erklärt wurde, ist, dass Novak Djokovic den Ball aus seiner Tasche genommen, ihn rücksichtslos und wütend nach hinten geschlagen und dabei die Linienrichterin an der Kehle getroffen hat. Sie war offensichtlich verletzt, hatte Schmerzen, musste zu Boden gehen. Dann habe ich mit Novak Djokovic geredet und ihm dabei die Chance gegeben, seine Sicht darzulegen. Aber auf der Grundlage, dass der Ball wütend und rücksichtslos geschlagen worden war, und zwar direkt auf die Kehle der Linienrichterin, haben wir die Entscheidung getroffen, dass Novak disqualifiziert werden musste.

Wie hat Djokovic sein Verhalten erklärt?

Er hat zugegeben: ,Ja, ich war wütend, ich habe den Ball geschlagen, ich habe die Linienrichterin getroffen, die Fakten sind sehr deutlich - aber ich habe es nicht absichtlich gemacht, also sollte ich dafür auch nicht disqualifiziert werden.'

Können Sie sich in so einem Fall noch einmal eine Wiederholung anschauen?

Nein, so etwas haben wir hier bei den US Open nicht, auch bei den anderen Grand Slams nicht. Natürlich, die Geschwindigkeit und auch der Einschlag des Balles beeinflussen die Entscheidung. Aber in diesem Fall wurde der Ball direkt auf die Linienrichterin geschlagen, er hat sie hart getroffen, also gab es keine andere Entscheidungsmöglichkeit.

Hat Djokovic noch etwas anderes in Ihrer langen Unterhaltung gesagt?

In so einem Moment ist bei allen Beteiligten die Anspannung groß. Also ist es wichtig, die Fakten zu überprüfen, und darum gab es auch eine längere Diskussion mit der Stuhlschiedsrichterin und dem Grand Slam Supervisor. Es gehört auch zum Prozedere, dass wir dem Spieler das Recht geben, alle Fakten aus seiner Sicht zu nennen. Novak hat später wiederholt, dass er nichts mit Absicht gemacht habe, aber es gab keine Diskussionen, die nichts mit diesem Vorfall zu tun hatten.

Warum spielt die Absicht keine Rolle?

Die Absicht wird miteinbezogen, aber vor allem gibt es zwei Faktoren: die Handlung und das Resultat. Und die Handlung - selbst ohne Absicht - mit dem Ergebnis, dass die Linienrichterin getroffen und verletzt wird, ist in diesem Entscheidungsprozess der wesentliche Faktor. Hätte er es mit Absicht gemacht, hätten wir auch nicht diese lange Diskussion gehabt - so aber wollten wir alles berücksichtigen.

Hat Djokovic auch für sich geworben, zum Beispiel, indem er darauf hingewiesen hat, wer er ist?

Einen Spieler bei einem Grand Slam zu disqualifizieren, ist eine sehr wichtige, sehr schwere Entscheidung. Daher ist es egal, auf welchem Platz es passiert und ob es die Nummer 1 oder ein anderer Spieler ist. Du musst die richtige Entscheidung treffen. Jeder auf dem Platz war sich dessen bewusst, was auf dem Spiel steht. Aber davon dürfen wir uns nicht beeinflussen lassen.

© SZ vom 08.09.2020/ebc
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