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US Open:Die Chance seines Lebens

2017 US Open Tennis Championships - Day 6

Gelingt Philipp Kohlschreiber im zwölften Duell gegen Roger Federer der erste Sieg?

(Foto: Elsa/AFP)
  • Philipp Kohlschreiber gelingt in den ersten elf Duellen gegen Roger Federer kein einziger Sieg.
  • Im Achtelfinale der US Open bietet sich dem 33-Jährigen eine weitere Möglichkeit.
  • "Das ist die vielleicht beste Chance in meinem Leben, gegen ihn doch noch mal zu gewinnen", hofft Kohlschreiber.

Es gibt diesen Gesichtsausdruck von Philipp Kohlschreiber, den sonst nur Bud Spencer derart genervt hinbekam. Er presst die Lippen aufeinander und zieht die Augenbrauen nach unten, es fehlt nur das sonore Bud-Spencer-Knurren. Dafür unterhält Kohlschreiber die Zuschauer mit einer Predigt an sich selbst und einem Luftschlag, bei dem er präsentiert, was er künftig besser machen muss: weniger Rückhand-Topspin, flachere Angriffsschläge, keine Lollipop-Volleys.

Vor zwei Jahren, da hat Kohlschreiber mehr als zwei Stunden lang so grimmig geguckt. Er wusste ja, dass ein Sieg gegen Roger Federer nur dann möglich ist, wenn alle Planeten in diesem Sonnensystem auf einer Linie stehen und der Stern in der Mitte nicht ganz so hell scheint. "Dann bekomme ich eben auf die Mütze", hatte er damals vor der Partie gesagt. Die Planeten standen dann auf einer Linie, und auch die Sonne versteckte sich ein bisschen - doch Kohlschreiber gab sich selbst auf die Mütze. Er verlor. Wieder mal. Er hat nun elf Mal in seiner Karriere gegen Roger Federer gespielt. Und elf Mal verloren.

Souveräne Auftritte geben Hoffnung

Die Terminologie hat sich gewandelt, es ist nun nicht mehr unbedingt die Rede von Auf-die-Mütze-Bekommen. Das liegt zum einen an Kohlschreiber selbst, der bislang bei den US Open souverän agiert und alle Partien glatt in drei Durchgängen gewonnen hat. Beim 7:5, 6:2, 6:4-Sieg gegen John Millman (Australien) am Samstag veränderte er während der Partie seine Spielweise. "Ich habe bemerkt, dass er mit meinem Slice nicht besonders gut zurechtkommt", sagte er: "Ich war dann aktiver und aggressiver, habe die Partie an mich gerissen."

Elf Spiele, elf Niederlagen

Kohlschreibers Partien gegen Roger Federer

2005 Halle R VF 3:6, 4:6

2008 Halle R Fin 3:6, 4:6

2009 Doha H VF 2:6, 6:7 (6)

2009 Wimbledon 3R 3:6, 2:6, 7:6 (5), 1:6

2010 Halle R VF 5:7, 3:6

2011 Monaco S 2R 2:6, 1:6

2013 Cincinnati H 2R 3:6, 6:7 (7)

2013 Paris H AF 3:6, 4:6

2015 Halle R 1R 6:7 (8), 6:3, 6:7 (5)

2015 US Open H 3R 3:6, 4:6, 4:6

2015 Basel H AF 4:6, 6:4, 4:6

Es läuft für Kohlschreiber in New York. Aufgrund des Verzichts von Andy Murray rutschte er zwei Tage vor Beginn des Turniers noch schnell in die Setzliste, er gewann locker mit 6:1, 6:4, 6:4 gegen den Qualifikanten Tim Smyczek (USA). In der zweiten Runde gab sein Gegner Santiago Giraldo (Kolumbien) verletzt auf (allerdings hatte Kohlschreiber bereits 6:2, 6:1, 3:0 geführt). Selbst die ansonsten chaotischen Fahrten von Manhattan zur Tennisanlage in Flushing Meadows waren bislang völlig entspannt. "Ich habe durch die Veränderungen im Tableau meine Chance bekommen", sagt der 33-Jährige, "aber die habe ich auch genutzt. Ich bin sehr zufrieden, wie ich bislang gespielt habe."

Das Selbstbewusstsein vor der Partie am Montag liegt freilich auch an den ersten Auftritten von Federer. "Er bewegt sich nicht so geschmeidig wie sonst, die Rückhand ist nicht so wie Anfang des Jahres", sagte Kohlschreiber - und schränkt natürlich sofort ein, dass diese kritischen Worte bitte schön perspektivisch zu interpretieren seien: "Er ist der wohl größte Champion der Geschichte. Wenn ich gut spiele und Roger gut spielt, dann wird es trotzdem nicht reichen." Nach zwei Fünfsatzmatches gewann Federer seine dritte Partie recht locker mit 6:3, 6:3, 7:5 gegen Feliciano López (Spanien), dennoch könnten am Montag alle Planeten in diesem Sonnensystem auf einer Linie stehen und der Stern in der Mitte nicht ganz so hell scheinen: "Das ist die vielleicht beste Chance in meinem Leben, gegen ihn doch noch mal zu gewinnen." Er sagte das nicht mit Bud-Spencer-Grummeln, sondern mit Terence-Hill-Lächeln.

© SZ vom 04.09.2017/chge
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