US-Nationaltrainer Klinsmann:Ein Job, der in sein Leben passt

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Die US-Fußballnationalmannschaft schließt ein erfolgreiches Jahr mit einem Testspiel in Russland ab. Trainer Klinsmann wirkt so gelassen wie die Buddha-Statuen, die er einst in München aufstellen ließ. Dabei hat er im US-Verband den ganzen Laden umgekrempelt - und will sich mit den Großen messen.

Philipp Selldorf, Frankfurt

Jürgen Klinsmann in Frankfurt

Jürgen Klinsmann in Frankfurt.

(Foto: dpa)

Michael Kammarman, der Presseoffizier der US-Nationalmannschaft, hat später erzählt, dass es ihm peinlich gewesen sei, die Wahrheit zu sagen. Aber was sollte er machen außer zu lügen? Die Wahrheit ist, dass der Medientross, der Trainer Jürgen Klinsmann und sein Team zum Testspiel nach Krasnodar in Russland begleitet, aus einer einzelnen Person besteht.

Dennoch kann der einsame Mann - Reporter einer Fußballwebseite - nur bedingt von seinem exklusiven Zugang profitieren, denn die Heimat ist von der Ost- bis zur Westküste via Fernsehen live dabei: Drei Sender berichten zur besten Frühstücks- oder Frühschoppenstunde.

Als Kammarman zu hören bekam, dass die deutsche Nationalelf selbst auf den Mars von einer Hundertschaft Journalisten begleitet würde, räumte er zwar ein, dass Fußball in den USA nun mal nicht die Prominenz von Baseball oder Football hätte. Er hob aber auch hervor, dass der Mangel an Reiselust vor allem auf der langen Anreise und dem minder wichtigen Anlass beruhte. "Wenn wir in Jamaika oder Honduras spielen, dann kommen zwei Dutzend Reporter mit, und zu Hause sind es 200. Mindestens", berichtete er.

Klinsmann, 48, sieht keinen Grund, sich über geringes Interesse am Fußball in seiner zweiten Heimat zu beschweren. Neulich etwa gab es in der Vorrunde der WM-Qualifikation eine Niederlage auf Jamaika, weil einige seiner europäischen Gastarbeiter nicht darauf eingestimmt waren, "dass es da richtig was auf die Socken gibt", wie Klinsmann schildert, und das Echo auf diese Peinlichkeit war nach Ansicht des für die Peinlichkeit verantwortlichen Cheftrainers erfreulich heftig: "Überall hieß es: Wieso? Weshalb? Warum dies, warum jenes? Da gibt es mittlerweile eine Medienpräsenz, die rauf und runter rennt."

Auf dem Weg nach Krasnodar hat Klinsmann mit dem Team in Frankfurt Station gemacht, aus praktischen, nicht aus sentimentalen Gründen. In Russland ist die letzte Partie eines erfolgreichen Jahres. Der deutsche Coach, seit 16 Monaten im Dienst der US-Soccer-Federation, hat sich mit guten Zahlen beliebt gemacht. Stufe eins der WM-Qualifikation schloss man als Gruppensieger ab, erstmals in der Geschichte gab es einen Auswärtssieg beim größten Konkurrenten Mexiko.

Job von globalem Zuschnitt

Diese Fakten zählte der Pressechef auf, Klinsmann saß gut gelaunt daneben und war so entspannt wie die Buddha-Figuren, die er einst bei Bayern München aufstellen ließ, und die nach seiner Kündigung umgehend entfernt wurden, als wären es böse Götzenbilder.

Offensichtlich versieht der Exil-Schwabe jetzt einen Job, der in sein Leben passt. "Für mich und meine Familie ist es eine optimale Konstellation", sagt er. Das US-Trainingszentrum ist vor seiner Haustür in Los Angeles, ebenso einer der wichtigsten Vereine, LA Galaxy. Fragen der Präsenzpflicht, wie einst zur Zeit als Bundestrainer, stellen sich nicht, obwohl das Gros seiner Spieler in Europa kickt. Um deren Begutachtung kümmern sich Klinsmanns Mitarbeiter Andi Herzog (Wien) und Mathias Hamann.

Ohnehin ist es ein Job von globalem Zuschnitt: Nach Nachwuchs fürs Eliteteam fahnden Klinsmanns Scouts auf der ganzen Welt, besonders in Südamerika und Mexiko; sein Assistent in den USA ist Mexikaner, der Torwarttrainer Engländer, der Fitnesstrainer Japaner. Führungsspieler ist ein Frankfurter aus Schalke: "Jermaine Jones hat im Prinzip das ganze Camp als Chef übernommen", sagt Klinsmann. Weitere Bundesligaprofis wie Chandler (Nürnberg), Johnson und Williams (Hoffenheim) unterstützen das Unternehmen, das Klinsmann nach bewährter Manier erheblich umgekrempelt hat.

Er hat die Trainerausbildung reformiert und die Stäbe der Juniorenteams neu besetzt. "Wir wollen uns jetzt an den größeren Fußballnationen orientieren, und wir wollen, dass unser Fußball ansehnlicher wird", sagt er.

Was kümmern ihn da noch die Stimmen aus der Vergangenheit. Theo Zwanzigers Reminiszenzen über den drohenden Rauswurf 2006, entlocken Klinsmann "nur ein Schmunzeln. Was soll ich da kommentieren? Das ist es mir nicht wert".

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