Uruguays Trainer:Der Maestro, der die Kinder tanzen lässt

World Cup - Group A - Uruguay vs Saudi Arabia

Mit einer Krücke am Spielfeldrand: Oscar Tabárez, 71, leidet unter dem Guillain-Barré-Syndrom, welches das periphere Nervensystem angreift.

(Foto: REUTERS)
  • Uruquay trifft an diesem Samstag im Achtelfinale auf Portugal.
  • Dass die Mannschaft so weit gekommen ist, liegt vor allem am Trainer Oscar Washington Tabárez, der sagt: "Fußball ist mehr, als nur gegen einen Ball zu treten."
  • Hier geht es zum Spielplan der Fußball-WM.

Von Javier Cáceres, Sotschi

Vor Beginn der WM gab Diego Godín dem englischen Guardian ein Interview, und bei einer Frage drehte der Innenverteidiger der uruguayischen Nationalmannschaft fast durch.

"¿Estás loco o qué?", brüllte er: "Bist Du verrückt oder was?"

Der Frage hatte keine Bosheit innegewohnt. Im Gegenteil. Sie handelte davon, ob man nicht Uruguays Trainer, Oscar Washington Tabárez, 71, nahelegen sollte, das Amt niederzulegen. Wie seit dieser WM die ganze Welt weiß, leidet Tabárez an einer degenerativen Nervenkrankheit. Sie zwingt ihn dazu, auch am Spielfeldrand eine Krücke zu bemühen, mitunter braucht er einen Rollstuhl. Doch Tabárez hat in Russland die Frage, die alle vier Jahre die Welt bewegt, schon wieder aufgeworfen. Sie lautet: Wie schafft es ein Land mit der Einwohnerzahl Berlins, in der Elite des Weltfußballs mitzuspielen? Uruguay fordert am Samstag im Achtelfinale den Europameister Portugal heraus.

Das hat nicht nur, aber vor allem mit Tabárez zu tun. Als er 2006 zum zweiten Mal (nach 1988 bis 1990) die Nationalelf übernahm, verhandelte er nicht über sein Gehalt, sondern bedingte sich freie Hand aus, um das Konzept umzusetzen, an dem er in den vorangegangenen Jahren gearbeitet hatte. Seither hat Uruguay vier Mal nacheinander mindestens das WM-Achtelfinale erreicht und 2011 die Copa América gewonnen. Sie nennen ihn den "Maestro", den Lehrer, denn das war er ja gewesen, in drei Schulen eines Landes, das fußballerisch seinesgleichen sucht. Uruguay ist der Flecken Erde, von dem der Schriftsteller Eduardo Galeano zweierlei sagte: dass die Babys nicht bloß schreien, wenn sie aus dem Mutterleib kommen, sondern "Gol!" brüllen, Tor also; und dass es erst durch den Fußball auf die Landkarte kam.

Uruguay gewann zwei Mal Gold, als die Olympischen Spiele die Vorläufer der Weltmeisterschaften waren (1924 und 1928); nachdem die WM aus der Taufe gehoben wurde, holte Uruguay zwei Mal den Pokal (1930, 1950). Irgendwann habe man "den Leitfaden verloren", sagte Tabárez am Freitag, und das Fairplay drangegeben, das noch 1954 geherrscht habe, als Uruguay im Halbfinale erstmals ein WM-Spiel verlor, gegen das legendäre ungarische Team, "die beste Mannschaft der Welt", wie der nicht minder legendäre Juan Alberto Schiaffino nach der Niederlage sagte. Die nachfolgenden Generationen seien in einem anderen Geist erzogen worden; sie seien regelrecht vergiftet worden mit Sätzen wie: "Zweiter zu werden, existiert nicht; Finals spielt man nicht, man gewinnt sie". So sei eine Kultur des "Alles geht" entstanden.

In Russland hat das lange als Tretertruppe geltende Uruguay nur eine gelbe Karte gesehen. Dennoch haben sie nicht einen Deut ihrer Fußballkultur eingebüßt. Uruguay sei eines der Länder, in dem "der Fußball Teil der nationalen Identität" sei und also wie Brasilien, Argentinien, England, Deutschland und "neuerdings" Spanien auf eine Fußballkultur verweisen könne.

Die Monumente der Volkshelden seien mit der himmlischen Farbe des Trikots der Nationalelf angestrichen worden, erzählte Tabárez; die renommierte Universidad Católica habe den Unterricht abgesetzt, weil sowieso alle schwänzen würden, "sogar die Zebrastreifen sind hellblau". Dass er davon sprach, lag daran, dass nach dem Auftaktsieg gegen Ägypten ein ergreifendes Video aus einem Kindergarten zirkulierte. Als in letzter Minute das Siegtor fiel, verwandelten kleine Menschenkinder ihre Aula in ein Stadion, in dem sie tanzten, hüpften, schrien, sich umarmten. Wenn er diese Kinder sehe, dann denke er: "Sie werden das nie vergessen und es womöglich ihren Kindern erzählen, oder ihren Enkeln." Der einst verlorene Leitfaden, so schien er sagen zu wollen, ist an die nächsten Generationen weitergegeben.

Tabárez leidet am Guillain-Barré-Syndrom

Denn das ist es, worum es ihm geht: "Fußball ist neben vielen anderen Dingen auch eine Angelegenheit unter Menschen", sagt er in Sotschi. Und er definiert sich nicht von ungefähr als ein Bewunderer von Menschen mit geringem Profil und von Verlierern: "Vor allem von Verlierern, die die Erfahrung der Niederlage zu nutzen wissen".

Das ist nicht nur dahingesagt, sondern Ausfluss einer beschämenden Freiheit von Eitelkeit. Er macht keine unnützen Geheimnisse um das, was er tut, weil der Fußball am Ende doch Unvorhersehbarkeiten bereithält, auf die sich niemand vorbereiten kann. Legendär, wie die Franzosen vor dem Auftaktspiel der WM 2010 einem gewissen Erik Mombaerts auftrugen, heimlich das Training der "Urus" auszukundschaften. Tabárez enttarnte ihn, lud ihn zum Kaffee ein und sprach mit ihm über Taktik, weil er Jahre zuvor ein erhellendes Fußballbuch von Mombaerts gelesen hatte. Und so plauderten sie wohl auch darüber, dass "Fußball mehr ist, als nur gegen einen Ball zu treten", oder darüber, dass man den Nachwuchsspielern "ein kulturelles Universum erschließen" müsse. "Lehren heißt helfen", sagt el Maestro.

"Was ihm jetzt Vitalität gibt, ist die Nationalelf"

Am Freitag musste man in der Pressekonferenz von Sotschi nur in das Gesicht von Luis Suárez schauen, um die Bewunderung zu ermessen, die sie für Tabárez empfinden, und wie dankbar sie sind, ihm etwas zurückgeben zu können. "Was ihm jetzt Vitalität gibt, ist die Nationalelf. Bei uns zu sein. Ich bin davon überzeugt: Es schenkt ihm das Leben", sagt etwa Godín.

Einmal nur hat Tabárez ausführlicher über seine Krankheit gesprochen, von der es heißt, es handele sich um das Guillain-Barré-Syndrom, welches das periphere Nervensystem angreift. Tabárez tat es ohne falsche Scham, ohne Drama. Er habe keine Schmerzen, sondern "motorische Probleme". Da es sich um eine chronische und irreversible Krankheit handelt, fühle er sich manchmal besser und manchmal schlechter. Er klagt nicht, im Gegenteil. Und es ist kein Zufall, dass in seinem Haus ein Schild mit einem Satz des argentinischen Rebellen Che Guevara steht, den Tabárez schon lange vor seiner Krankheit zum Leitmotiv seines Lebens erhoben hatte: "Wir müssen uns härten, ohne die Zärtlichkeit zu verlieren."

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