Uruguays Stürmer Luis Suárez:Vom Patienten zum Retter

Uruguay v England: Group D - 2014 FIFA World Cup Brazil

Meniskusschaden vor vier Wochen, jetzt Doppeltorschütze beim WM-Spiel gegen England: Luis Suárez.

(Foto: Getty Images)

Vor vier Wochen ein Meniskusschaden, nun zwei Tore gegen England: Es grenzt an ein medizinisches Wunder, dass Luis Suárez Uruguay zu diesem wichtigen Sieg bei der Fußball-WM führen kann. Seine zweite Heimat England zeigt sich wenig begeistert.

Von Peter Burghardt, São Paulo

Die englischen Fans sangen mit rauer Kehle die Hymne, God save the Queen, der eine oder andere von ihnen hatte vorher in São Paulo ein paar Bier zu sich genommen. Da fiel unter den himmelblau gekleideten Sportfreunden aus Uruguay ein schönes Plakat auf: "God save Suárez", stand darauf.

Luis Suárez konnte jeden Beistand gebrauchen, denn er hatte im Stadion Itaquerão nicht weniger zu tun, als 3,5 Millionen Landsleute zu beglücken, seine Chronik einer wundersamen Erholung fortzuschreiben sowie seinen Marktwert von derzeit 52 Millionen Euro noch weiter zu steigern - und das alles gegen fünf Kollegen von seinem FC Liverpool.

Die Teamkollegen vom FC Liverpool hatten keine Freude

Vor kaum vier Wochen war der Stürmer des englischen Erstligisten im uruguayischen Trainingslager zu Boden gegangen, Meniskusschaden. Der Patient wurde sofort operiert, doch es schien eng zu werden vor dem Turnier in Brasilien. Wie sollte diese Verletzung so schnell ausheilen? 2010 in Südafrika hatte Suárez den ansonsten ziemlich sicher entscheidenden Torschuss Ghanas im Viertelfinale wie ein Keeper mit den Händen abgewehrt, 2011 schoss er seine Auswahl in Argentinien zur Copa América.

In der Premier League steuerte der Angreifer aus Salto in der vergangenen Saison nach überstandener Sperre wegen Beißattacken 31 Treffer bei, doch nun streikte kurz vor dem Höhepunkt dieser Jahre das Knie. Das erste WM-Spiel verlor Uruguay ohne ihn 1:3 gegen Costa Rica, da riefen ihn Trainer Óscar Washington und der Rest der Republik zu Hilfe. "Uruguay spielt um sein Leben", schrieb die Zeitung El País aus der Heimat.

Wie neu geboren spielte der genesene Retter mit, die Nummer 9 auf dem Rücken. 2. Minute, Suárez von links, Gary Cahill klärt mit dem Kopf. Danach scharfe Ecke von Suárez direkt aufs Ziel, Torwart Joe Hart lässt den Ball erschrocken abprallen, als sei ihm ein Gespenst erschienen. Mitspieler suchten ihn wie einen Befreier, dabei war sein Mitstreiter in der Offensive immerhin Edinson Cavani, den sich Paris St. Germain für 60 Millionen Euro geleistet und der dort in 43 Einsätzen 25 Mal getroffen hat.

Ihm gegenüber standen die Liverpooler Mitstreiter Glen Johnson, Steven Gerrard, Jordan Henderson, Raheem Sterling und sein dortiger Sturmpartner Daniel Sturridge. Was für eine Konstellation.

Manchmal lief Suárez bei den ständigen Pässen ins Abseits, und zwischenzeitlich half er auch im eigenen Strafraum aus. Der Auferstandene rannte, als ob nichts gewesen wäre. Dann kam die 38. Minute. Cavani flankte von links, Suárez stieg hoch und köpfte die WM-Kugel ins Netz. Die Gegenspieler Cahill und Jagielka betrachteten das Meisterstück interessiert. Der Schütze lag im Gras, die Hände vor dem Gesicht, der Moment musste genossen werden. Dann rannte er auf einen uruguayischen Betreuer zu, der an seinem medizinischen Wunder wohl maßgeblich beteiligt war.

Seine zweite Heimat England war weniger begeistert. In jenen Augenblicken wünschten ihn sich wohl selbst Sympathisanten des FC Liverpool zum Teufel, ohnehin wäre Suárez für einen Wechsel zu Real Madrid zu haben, die Spanier bieten angeblich 80 Millionen Euro. "Uruguay - England 1:0", informierte der Londoner Guardian und fragte nicht ohne Humor: "Rate mal, wer es geschossen hat."

In Teil zwei hätte es noch ärger kommen können, kurz nach Wiederbeginn vergab Suárez allein vor Hart zwei Großchancen. Solche Gelegenheiten lässt einer wie er in allerbester Form dann vielleicht doch nicht aus, die Rache folgte gegenüber. Wayne Rooney, sein bulliger Widerpart, besorgte das 1:1, vorbei am orange leuchtenden Schlussmann Fernando Muslera.

Würde es nur der halbe Abend des Luis Suárez werden? Es war schon fast vorbei, da spurtete dieser unglaubliche Uruguayer vors englische Tor und schoss. 2:1.

© SZ vom 20.06.2014/fued
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