Uruguays Nationaltrainer Tabárez:Der Maestro muss weichen

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Die Erfahrung von 225 Länderspielen: Óscar Washington Tabárez (rechts) mit Stürmer Sebastian Abreu. (Foto: Rodrigo Arangua/AFP)

Weil die WM-Quali in Gefahr gerät, hat Uruguays Verband den Erfolgstrainer und Volkspädagogen Óscar Washington Tabárez entlassen. Er war länger im Amt als Löw - und hat sein Land geprägt wie kein anderer Coach vor ihm.

Von Javier Cáceres

Am Freitagabend fand eine der bemerkenswertesten Epochen im Weltfußball ihr Ende. In fünf dürren Sätzen teilte der uruguayische Verband AUF mit, dass Óscar Washington Tabárez, 74, als Nationaltrainer entlassen worden sei. Man habe "diese schwierige Entscheidung in Anbetracht der gegenwärtigen Umstände getroffen", schrieb der Verband in Anspielung auf zuletzt vier Niederlagen in der WM-Qualifikation hintereinander. Das ließ die Frage zurück, ob die unbeholfenen Zeilen bloß ein Ausdruck dessen waren, dass die Offiziellen nicht wussten, was sie sagen sollten, oder dass es ihnen an Größe mangelte.

In zwei verschiedenen Phasen war Tabárez Nationaltrainer gewesen, erstmals bei der Weltmeisterschaft 1990, dann wieder ab 2006. Was die Verweildauer im Amt betrifft, konnte es allenfalls der ebenfalls in diesem Jahr zurückgetretene Joachim Löw mit Tabárez aufnehmen. Tabárez war aber mehr als nur ein Nationaltrainer. Er war ein Maestro, in vielfacher Hinsicht. Im Wortsinne, weil er nach seiner verletzungsbedingt beendeten Fußballerkarriere Ende der 1970er Jahre als Grundschullehrer gearbeitet hatte - und Lehrer in Uruguay maestros heißen. Und auch in einem weiteren Sinne, weil er sich seit März 2006 als Volkspädagoge entpuppte.

Tabárez führte das stolze Land, das weniger Einwohner hat als Berlin und doch zwei Fußball-Weltmeisterschaften (und zwei Olympia-Turniere) gewonnen hat, zu einer Südamerikameisterschaft (2011) und drei Weltmeisterschaftsteilnahmen. Von der WM 2010 in Südafrika kam er mit Spielern wie Diego Forlán, Sebastián "El Loco" Abreu, Diego Godín, Luis Suárez und Diego Lugano mit einem vierten Platz zurück. Trotz der Niederlage im Spiel um Platz drei gegen die Mannschaft von Joachim Löw wurden Tabárez und die Mannschaft von Zehntausenden gefeiert.

Fußballpädagoge: Nationaltrainer Óscar Washington Tabárez schwört sein Team bei der WM 2010 auf die nächste Aufgabe ein. (Foto: Brian Synder/Reuters)

"Lasst uns nicht nur auf die Resultate schauen, um zu bewerten, was erreicht wird. Der Erfolg besteht nicht nur aus Resultaten. Der Erfolg sind die Schwierigkeiten, die man überwindet, um Resultate zu erreichen", rief er der Menge zu. "Der Weg ist die Belohnung", sprach Tabárez. Und prägte damit einen Satz, der in die Volkskultur des Landes einging.

Zu seinem Erbe zählt die Strukturierung der Nachwuchsarbeit, die in seinen Augen nicht nur der bloßen, gewinnbringenden Züchtung von Fußballerbeinen dienen sollte. Dass das junge Talent auch "studieren und sich auf die Herausforderungen des Lebens vorbereiten" müsse, war bei ihm nicht nur so dahingesagt - und ein bemerkenswerter Ansatz in einem Kontinent, der sich dem millionenschweren Export von Fußballern verschrieben hat.

Weil sie ihn lange gewähren ließen, fand Tabárez nach zahlreichen, teilweise erfolgreichen Engagements bei klangvollen Vereinen wie Peñarol Montevideo, Boca Juniors (Buenos Aires), AC Milan und Real Oviedo als Nationaltrainer das ideale Habitat. Kein Trainer der Welt hat so viele Länderspiele einer einzigen Nationalmannschaft geleitet wie er (225). Und nur der Engländer Walter Winterbottom und der Deutsche Helmut Schön waren wie Tabárez mit ihrem jeweiligen Heimatland bei vier Weltmeisterschaften als Trainer dabei.

"Tabárez markierte ein Vorher und Nachher in der Geschichte des uruguayischen Fußballs", sagt Diego Forlán

In Russland 2018 gingen die Bilder um die Welt, die ihn mit einer Gehhilfe am Spielfeldrand zeigten, er leidet seit Jahren am Guillain-Barré-Syndrom, ein schweres neurologisches Krankheitsbild. Nach jener WM sollte ein zentraler Platz in Montevideo nach Tabárez benannt, eine mannshohe Statue errichtet werden. Das Projekt scheiterte, weil die Gesetze in Uruguay besagen, dass derlei erst zehn Jahre nach dem Tod des Geehrten möglich ist. Dafür riefen ihm nun seine Schüler Huldigungen hinterher.

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Óscar Washington Tabárez amtiert in Uruguay so lange wie sein deutscher Kollege. Vor dem Ende der Jogi-Löw-Ära analysiert er dessen Errungenschaften und erklärt, warum er bei der EM zum "Ideendieb" werden möchte.

Interview von Javier Cáceres

"Tabárez markierte ein Vorher und Nachher in der Geschichte des uruguayischen Fußballs", teilte der frühere Weltklassestürmer Diego Forlán mit. "Danke, und tausend Mal danke", schrieb Luis Suárez. Er hatte in Tabárez einen seiner wichtigsten Fürsprecher - nach der roten Karte im Viertelfinale von Südafrika und nach dem Biss in die Schulter von Giorgio Chiellini im WM-Spiel gegen Brasilien 2014. "Dies ist eine Fußball-WM, nicht eine WM der billigen Moral", sagte Tabárez seinerzeit, doch im Grunde war das gegen seine Natur.

"Fußballer haben Temperament, und machen wir uns nicht vor: Grenzübertritte sind im Fußball fast Teil der Natur. Doch das darf keinesfalls dazu führen, dass man vergisst, warum man auf einem Fußballplatz steht. Man darf die Kontrolle nicht verlieren", sagte Tabárez im Juni zur SZ. "In Würde zu verlieren und ohne Schrillheiten siegen - darum geht es."

Er war davon überzeugt, dass er den Rückstand auf den vierten Platz in der WM-Qualifikationsgruppe Südamerikas in den vier verbleibenden Spielen noch aufgeholt hätte, doch nach dem 0:3 in Bolivien vom Mittwoch sagte Uruguays Verband "Basta". Die urugayischen Medien träumen vom Argentinier Marcelo Gallardo als Nachfolger, aber der verdient bei River Plate ein irrsinniges Salär. Was Tabárez bleibt, ist eine bemerkenswerte berufliche Vita. "Vielleicht besteht das Leben darin, Lehren zu hinterlassen und Brücken zu schlagen", sagte er ein anderes Mal, und dass er das geschafft hat, darf man ihm ohne Frage attestieren.

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