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Zoff bei Union gegen Leverkusen:Rassismusvorwürfe auf wackliger Basis

Union Berlin - Bayer Leverkusen

Nadiem Amiri von Bayer Leverkusen soll im Spiel gegen Union beschimpft worden sein. Dem Übeltäter hat er offenbar aber schon vergeben.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

Hat Unions Florian Hübner Leverkusens Nadiem Amiri beleidigt oder nicht? Das müssen nun die Regelhüter aufklären - unschöne Äußerungen gab es in der Partie zuhauf.

Von Javier Cáceres, Berlin

Das menschliche Miteinander ist ein zähes, von Untiefen geprägtes Geschäft; man vergisst derlei leicht, wenn das Gebot der Stunde lautet: Aseptik! Dass der Fußball mitunter faszinierend wirkt, dann auch deshalb: Weil er wie unter einem Brennglas bündelt, was es an zwischenmenschlichen Verwerfungen gibt. Am Freitag trug sich ein solch exemplarisches, allzu humanes, weil von Verfehlungen und Abgründen, von Gewissensbissen, Schuld und Sühne geprägtes Drama im Stadion an der Alten Försterei zu.

Und zwar rund um den 1:0-Sieg des 1. FC Union Berlin gegen Bayer Leverkusen. Es wird davon in den kommenden Tagen noch die Rede sein. Denn auch wenn die beteiligten Parteien alles dafür getan haben, den Konflikt nach bestem Wissen und Gewissen, rational und ohne Ressentiments beizulegen, hat der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Ermittlungen aufgenommen.

Was an der Alten Försterei passierte, ist schwierig zu rekonstruieren

Weil aus hehren Motiven enorm viel um den heißen Brei herum geredet wurde, ist gar nicht so einfach zusammenzufassen, was geschah. Wollte beispielsweise der imaginäre Deutschlandkorrespondent der sehr realen Zeitung El Pinguino den Lesern in Feuerland mitteilen, was sich am Samstag zutrug, müsste er es etwa wie folgt formulieren: "Der deutsche Nationalspieler Nadiem Amiri, 24, hat gemäß einer Pressemitteilung seines Klubs Bayer Leverkusen vom Samstag einem ungenannten Spieler von Union Berlin ein Vergehen vergeben, das er nicht klar benannte." Worum es nun ging? Um sehr konkrete Rassismusvorwürfe auf eher wackliger Basis.

Auslöser waren Äußerungen von Leverkusens Nationalspieler Jonathan Tah. Er hatte nach Leverkusens Pleite bei Union (Tor: Cedric Teuchert, 88. Minute) beim TV-Sender DAZN erklärt, dass Amiri als 'Scheiß-Afghane' beschimpft worden sei. In der ARD räumte Tah ein, dass er die Beleidigung nicht selbst gehört hatte; auch er sagte nicht, wer es gesagt hatte. Union-Manager Oliver Ruhnert wiederum sagte am Samstag, der betroffene Spieler bestreite, die Äußerung in dieser Form getätigt zu haben.

Ruhnert gab zu bedenken, dass da etwas miss- oder überinterpretiert worden sein könnte - und nannte den Namen des beschuldigten Spielers nicht. Das tat der DFB, als er mitteilte, man habe Ermittlungen gegen Florian Hübner von Union aufgenommen. Es bestehe der Verdacht, dass er Amiri, dessen Eltern aus Afghanistan stammen, rassistisch beleidigt habe. Ob der DFB sich auch für eine weitere, chauvinistisch konnotierte Äußerung interessiert, war am Sonntag offen. "Chillt mal, wir sind in Deutschland hier...!", war offenbar aus dem Munde eines Unioners zu hören, als sich Leverkusens jamaikanischer Stürmer Leon Bailey nach einem Foul nicht aufhelfen lassen wollte.

Tränen bei Nadiem Amiri?

Eine besondere Dramatik erfuhr die Schilderung Tahs dadurch, dass rasch durchsickerte, Amiri seien die Tränen in die Augen geschossen. Schon auf dem Platz war er nach dem 0:1 durch Teuchert außer sich gewesen - unter anderem wohl auch, weil er den Referee auf ein Foul und darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er beleidigt worden sei. Amiri erfuhr aber nicht das, was er erhofft hatte - Gerechtigkeit also -, sondern eine Strafe. Er sah die gelbe Karte.

Als unstrittig allerdings gilt, dass Amiri später die Entschuldigung Hübners annahm, weil er sie wirklich als aufrichtig empfand. Andernfalls hätte Amiri wohl dessen Namen genannt - oder aber darauf verzichtet, den Post bei Instagram zu löschen, den ein Familienangehöriger verbreitet und in dem Hübner genannt worden war. Den Hintergrund für die Annahme der Entschuldigung bildeten wohl auch die Lebensumstände Hübners, die Unions Manager Ruhnert wie folgt umschrieb: "Er ist ja nun bekanntlich liiert mit einer Frau, die zumindest von der Hautfarbe anders als weiß ist", von daher sei es "schwierig, ihm da etwas anzudichten".

Auf der anderen Seite steht recht unwidersprochen im Raum, dass es am Freitagabend von Vertretern beider Mannschaften sogenannte "unschöne" Äußerungen gab, die "nicht auf den Fußballplatz gehören", und die auch ins Derbe abgeglitten waren. So soll ein Leverkusener Profi der Mutter eines Köpenicker Kollegen unterstellt haben, der Prostitution nachgegangen zu sein - der Klassiker der sexistisch eingefärbten Schmähung. Spielte derlei eine Rolle, als Amiri darauf verzichtete, Ross und Reiter zu nennen? Griff gewissermaßen das Glashausprinzip?

"Was auf dem Platz passiert, muss auf dem Platz bleiben", hatte Leverkusens Kerem Demirbay nach der Partie gesagt. Die Alternative dazu wäre wohl, die ganze schmutzige Wäsche zu waschen und rauszuhängen. Vielleicht wäre das gar nicht mal so schlecht.

© SZ/bek/klef
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