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Union Berlin:Tiefe Stimmen aus dem Wald

1. FC Union Berlin - FC Schalke 04

1:1 vor leeren Rängen: Union Berlin am Sonntag gegen Schalke.

(Foto: dpa)

Rund 30 Fans feuern Union beim 1:1 gegen Schalke vor dem Stadion an. Die Polizei nennt sie "freundlich und kooperativ". Doch fühlen sich nun Nachahmer ermuntert?

Von Javier Cáceres, Berlin

Fußballstadien haben ihre Faszination auch immer dadurch bezogen, dass ihre Mauern durchlässig waren wie Membranen. So wurden sie zu kleinen sozialen Laboren, die es erlaubten, gesellschaftliche Entwicklungen und Verhaltensmuster zu studieren oder zu erahnen, wie unter einem Brennglas. Durch die Pandemie ist das zumindest zeitweise verloren gegangen: Wegen der Hygienebestimmungen des Sonderspielbetriebs ist es Zuschauern nicht erlaubt, Tribünen zu bevölkern. Am Sonntag war das in Berlin-Köpenick nicht anders, beim 1:1 des 1. FC Union gegen Schalke 04 durften keine Fans im Stadion sein. Und doch waren sie da und zeigten: Sie vermissen ihre Mannschaft sehr.

Die Partie gegen Schalke war Unions dritte Heimpartie unter Ausschluss der Öffentlichkeit, doch anders als in den Spielen zuvor war es nicht das Zwitschern der Vögel, das aus dem nahegelegenen Wald ins Innere des Stadions An der Alten Försterei drang - sondern die tiefen, schiefen Stimmen von etwa 30 erwachsenen Männern. Unter den Baumkronen hielten sie, unter den Augen der Polizei, die geltenden Abstandsregeln ein und schmetterten unentwegt ihre Lieder. Als die Partie vorüber war, Unions Robert Andrich sein erstes Bundesligator und Schalkes Jonjoe Kenny den zu diesem Zeitpunkt unverdienten Ausgleich erzielt hatte, sangen sie dies: "Wir woll'n die Mannschaft seh'n." Und die Mannschaft tat, wie ihr geheißen. Mannschaftskapitän Christopher Trimmel winkte die Kameraden hinter sich herbei, und als sie den Rasen verlassen hatten, gingen sie zum Zaun, kletterten auf Holztische, an denen sonst Bier und Bratwürste verzehrt werden, und grüßten über mehrere Meter hinweg zurück. Mancher warf sein Hemd über den Zaun. Gerührt und dankbar. "Das ist natürlich überragend und in der Zeit mal richtig schön", sagte Andrich.

Und doch führte die Szene im Lichte der rigiden Paragrafen des Hygienekonzepts zu Debatten, als wäre im Köpenicker Gebälk eine Technoparty veranstaltet worden wie in der Vorwoche im Landwehrkanal. Union musste sich rechtfertigen und wies via Medienchef Christian Arbeit darauf hin, dass auch die Polizei die Einhaltung der Regeln rund ums Stadion bestätigt habe. "Es war alles gewährleistet, was notwendig sein muss, um Infektionen vorzubeugen. Insofern keine Beanstandungen von keiner Seite." Die Polizei nannte am Montag die Fans "freundlich und kooperativ". Die Deutsche Fußball Liga (DFL) wollte den Vorgang am Montag nicht kommentieren. Was nicht überraschend ist: Fürs Geschehen außerhalb des Stadions ist sie nicht zuständig.

Ob sich nun Nachahmer ermuntert fühlen? Ob die Zahl der Fans vor dem Stadion ansteigt, sich gar die Bilder aus der Vor-Corona-Pausenzeit wiederholen, als sich - unter anderen Voraussetzungen - Tausende Gladbacher Fans vor dem Stadion versammelten, um das Team im Derby gegen Köln zu unterstützen? Damit muss angesichts der Disziplin, die die Fans bisher gezeigt haben, nicht unbedingt gerechnet werden.

Klar ist: Es wird dauern, bis Spiele mit Zuschauern wieder gestattet werden, Großveranstaltungen sind bis zum 31. August untersagt. Wie es dann weitergeht? Fußball-Offizielle und Politiker haben sich bereits mit der Idee gemeldet, Zuschauer wieder zuzulassen - doch wann und unter welchen Bedingungen, das ist eine Frage voller Tücken. Auch in anderen Ländern Europas wird darüber geredet, zum Beispiel in Portugal, wo der Ball seit voriger Woche wieder rollt. Dort erwägt man ernsthaft, zunächst nur Logenbesitzer ins Stadion zu lassen, weil man so bessere Kontrollmöglichkeiten hätte. Fußball nur für die Upper Class? Diese Idee wird bei der DFL für abstrus gehalten.

© SZ vom 09.06.2020/chge
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