Union in der Champions League:Ein Abend wie ein Lächeln

Union in der Champions League: Rudi Garcia und Urs Fischer (re.), die Trainer von Napoli und Union Berlin, begrüßten sich überschwänglich - am Ende erkämpfte sich der Bundesligist ein 1:1.

Rudi Garcia und Urs Fischer (re.), die Trainer von Napoli und Union Berlin, begrüßten sich überschwänglich - am Ende erkämpfte sich der Bundesligist ein 1:1.

(Foto: Francesco Pecoraro/Getty Images)

Ende eines 74 Tage währenden Albtraums: Nach zwölf Niederlagen in Serie schöpft Union Berlin durch ein 1:1 bei der SSC Neapel Hoffnung für den anstehenden Abstiegskampf - und das weiterhin mögliche Überwintern in der Europa League.

Von Javier Cáceres, Neapel

Auch die Gazzetta dello Sport pflegt die Notenvergabe bei Fußballspielen mit heiligem Ernst zu betreiben, da nimmt sie sich nicht viel mit dem deutschen Kicker. Und es war am Donnerstag interessant zu sehen, wie das italienische Sportblatt auf das Unentschieden zwischen der SSC Neapel und dem 1. FC Union Berlin geschaut hatte: Auf der Anzeigentafel des "Stadio Diego Armando Maradona" hatte am Ende der Partie der Gruppe C der Champions League ein 1:1 gestanden, nach Toren von Matteo Politano (39.) und David Fofana (52.). Doch schwarz auf rosa, in den Farben der Gazzetta, las sich alles ein bisschen anders.

Es sei "nicht einfach, nach zwölf Niederlagen in Serie zu reagieren und zu widerstehen", doch "in Europa zeigt sich der Charakter", belehrte das Blatt seine Leser. Und siehe: Mit einem kollektiven Notenschnitt lagen die Unioner mit 6,5 von zehn Punkten eine satte Note über den Gastgebern.

Die besten Bewertungen erhielten Torwart Fredrick Rönnow, das Sturmduo Fofana und Sheraldo Becker und Jérôme Roussillon (7), der als Ersatz für Nationalspieler Robin Gosens (nicht bewertet) viel dazu beitrug, dass Unions Abwehr sich beinahe schadlos hielt. Und dann war da noch Trainer Urs Fischer, der ebenfalls eine 6,5 davontrug. Wegen seiner Idee von Fußball, "Abwehr und Überrumpelung", schrieb die Gazzetta. Und wegen der überzeugenden Art, wie seine Elf diese Idee umgesetzt hatte.

Auf der Tribüne flogen die Böller: "Bei dem einen oder anderen Knall bin ich auch zusammengezuckt", sagte Trainer Fischer

"Danke fürs Kompliment", hatte Fischer gesagt, als er am Vorabend in der Pressekonferenz eine ähnliche Bewertung aus dem Munde eines italienischen Reporters gehört hatte. Danach grinste der Coach. Wozu der Abend in Anbetracht der vorangegangenen und nun beendeten Negativserie durchaus Anlass gab. Es war ein Abend zum Lächeln. "Das Wort endlich trifft's, glaube ich, ganz gut", resümierte Fischer und nahm das Wort wieder auf, als er seine Schlussworte sprach: "Es freut mich, dass wir uns endlich für eine gute Leistung belohnt haben. Nicht für mich persönlich, sondern für Union und für die Mannschaft."

Und wenn man ein paar Meter weiter durch den Stadiongraben lief, der noch genauso aussieht wie auf den Bildern, die der britische Regisseur Asif Kapadia für seine Dokumentation über Diego Armando Maradona hervorkramte, und zur Mixed Zone gelangte, hörte man Unions Abwehrveteranen Leonardo Bonucci von einem "fundamentalen Punkt" sprechen. Denn eine Serie von zwölf Pleiten in Serie - der letzte Punkt lag am Mittwoch 74 Tage zurück - habe er noch nie erlebt: "Es war wie ein Albtraum." Nun ist er fort, nachdem sie die Luft von Neapel inhaliert haben, die sie im Centro Storico der Stadt in Fläschchen abgepackt verkaufen, für zwei Euro das Stück. Sie helfe gegen Kalamitäten aller Art, sagen sie.

Zwar ist Union nach zuvor drei Niederlagen in der Gruppe C aus der Champions League ausgeschieden; Real Madrid (zwölf Zähler) und Neapel (sieben Punkte, aber Sieger im direkten Vergleich) liegen uneinholbar vorn. Doch vielleicht werde man sich nun "über den Winter retten" können, sagte Fischer. Diese Bemerkung war in zweierlei Hinsicht interessant: Nach dem unmissverständlichen Rückhalt, den er in den vergangenen Tagen öffentlich und erst recht privat von der Vereinsführung erfahren hatte, ist in Fischers Kopf kein Nanometer Platz für etwaige Rücktrittsgedanken. Die ja vielleicht ein Thema geworden wären, wenn sich die Serie fortgesetzt hätte.

Und: Es ist auch kein Platz für die sportlich zynische, aber pragmatische Idee, auf den Kampf um den - rechnerisch noch möglichen - dritten Gruppenplatz zu verzichten, der für die Europa League qualifiziert. Obwohl dieser Wettbewerb in Zeiten, da Union sich erklärtermaßen dem Abstiegskampf widmen muss, eine Doppelbelastung bereithalten würde. Denn Union hat auf einem Sportplatz nichts zu verschenken.

Zumal sich vielleicht gerade dieser Kader mit seinen Bonuccis, Beckers und Fofanas gern in Europa zeigen mag; die guten Auftritte in der Champions League waren schon gegen Real (0:1), Braga (2:3) und im ersten Spiel gegen Neapel (0:1) die Norm. Gegen eine überlegene, aber weitgehend konfuse Napoli-Elf war über die 90 Minuten das alte Union zu sehen: eine Mannschaft, die hinten recht wenig zuließ und in Umschaltmomenten chirurgisch agierte. Vor allem war ihr die Grundüberzeugung anzusehen, "dass auch beim italienischen Meister etwas möglich ist", wie Fischer stolz bemerkte. Und: Die Reiselust des Anhangs dürfte sich nicht brechen lassen, auch wenn es am Dienstag und Mittwoch einige böse Zwischenfälle gab.

Nach Zusammenstößen von Unionern mit der Polizei vom Dienstagabend fühlten sich Ultràs der SSC Neapel offenbar dazu animiert, auf gemeingefährliche Weise zu zeigen, wer der Herr im Hause war. Sie warfen über die Dauer der ganzen Partie Böller und auch Signalmunition in Richtung der Köpenicker, es rauchte immer wieder. "Bei dem einen oder anderen Knall bin ich auch zusammengezuckt, man ist ja nicht vorbereitet auf so eine Situation", sagte Fischer, was nur nachvollziehbar war: Der Widerhall vom Stadiondach war so spektakulär, dass man fürchten konnte, der Vesuv wolle speien. Zu Schaden kam nach Auskunft des Klubs vom Donnerstagmorgen aber niemand.

Weshalb man sich unter einer sagenhaften Morgensonne schon der nächsten Aufgabe zuwenden konnte. In aller Nüchternheit, wie Kapitän Christopher Trimmel noch am Mittwochabend ankündigte: "Wir werden jetzt nicht eine Woche durchfeiern, sondern im Hotel regenerieren, um uns auf das nächste Spiel zu konzentrieren." Es führt die Köpenicker am Sonntag nach Leverkusen. "Klar ist Leverkusen aktuell eine Wahnsinnsmannschaft. Aber das ist Neapel auch, von daher werden wir da mit mehr Selbstvertrauen hinfahren", kündigte Trimmel an. Und Trainer Fischer hatte eine Gewissheit mehr im Gepäck: "Diese Mannschaft hat gezeigt, dass sie aufstehen kann."

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