Tabellenführer 1. FC Union:Denn sie wissen, was sie tun

Lesezeit: 2 min

1. FC Union Berlin: Trainer Urs Fischer

"40 Punkte", so lautet das Mantra von Unions Trainer Urs Fischer.

(Foto: Sebastian Räppold/Matthias Koch/Imago)

Offiziell bleibt Spitzenreiter Union Berlin bei seinem alten Ziel: Klassenerhalt. Aus konkreten Gründen haben die Köpenicker aber gute Chancen auf mehr - trotz oder gerade wegen der Niederlage gegen Bochum.

Kommentar von Javier Cáceres

Zu den Gründen, die für den sensationellen Premier-League-Titel von Leicester City in der Saison 2015/16 angeführt wurden, zählten buddhistische Mönche. Leicesters thailändischer Eigner, ein Milliardär mit dem etwas sperrigen Namen Vichai Srivaddhanaprabha, hatte in der Heimat einen Chef-Mönch namens Phra Prommangalachan rekrutiert und ihn gebeten, sich doch mal ums Karma der Mannschaft zu kümmern. Im Gegenzug gab's "Unterstützung" für Tempel und Mönche in aller Welt.

Womit wir beim 1. FC Union Berlin wären, der bekanntlich in den vergangenen Wochen, weil Überraschungstabellenführer der deutschen Bundesliga, mit Leicester in einem Atemzug genannt worden ist. Wie es um die Heilsgläubigkeit der Unioner im Allgemeinen und die Neigung zu buddhistischen Glaubensbekenntnissen im Besonderen steht, muss zwar als unerforschtes Gebiet gelten. Aber vielleicht ist der Moment gekommen, das eigene Karma zu boostern. Der 1. FC Union steht zwar immer noch an der Spitze der Tabelle, aber er verlor am Sonntag, gewissermaßen gegen Seinesgleichen: gegen den bis vorhin noch als Tabellenletzter geführten VfL Bochum.

Ha!, höhnte es hier und da: Die Seifenblase ist, wir haben es immer schon gewusst, zerplatzt. Und wahrlich: Kann schon sein, dass bald eine Situation eintritt, in der sich Union den Verhältnissen beugt, die im Fußballkapitalismus herrschen. Rein finanziell gehört Union nicht zu den Oligarchen der Liga, und dass sich auch die störrischste Tabelle nach 34 Spieltagen der Logik des Geldes und des Marktes beugt, steht zu erwarten. Sagt jedenfalls die Theorie, und sagen übrigens auch die Unioner. Ihr Nirwana bleiben "40 Punkte", also der Klassenerhalt, lautete das Mantra von Trainer Urs Fischer, der unterbewusst jene Art von Sitz-Meditation betreibt, bei der es nicht um Erleuchtung geht, sondern um die Konzentration auf die Gegenwart.

Unions Stärke ist das Selbstbewusstsein: In Köpenick gibt es keinen, der eine Niederlage in Bochum für unvorstellbar hält

Wer das aber mit Ambitionslosigkeit verwechselt, erliegt einem gewaltigen Irrtum. Der Ehrgeiz ist seit ihrem Bundesligadebüt vor vier Jahren nicht die kleinste Triebfeder der Unioner. Sie haben in etwas mehr als drei Jahren der Zugehörigkeit zum Oberhaus einen Vorzug gegenüber Mitbewerbern nachgewiesen: Sie wissen wie keine zweite Mannschaft der Liga, wer und was sie sind, und wissen ebenso genau, wie sie sein wollen.

Im Zweifelsfall "eklig" gegen den Gegner. Sie haben eine Homogenität im Kader, die ihnen eine besondere Form der Konstanz erlaubt. Es gibt im Kader kaum Leistungsgefälle. Vor allem aber herrscht Selbstbewusstsein im Wortsinn: In Köpenick gibt es kaum jemanden, der eine Niederlage in Bochum für unvorstellbar hält. Und deshalb dürfte am Sonntag gegen Gladbach, unabhängig davon, wie das Spiel ausgeht, Union zu sehen sein - eine Mannschaft ohne Selbstzweifel oder Komplexe.

Die Chancen, dass sich Union oben hält, könnten also schlechter stehen. Oben muss nicht unbedingt heißen, dass der erste Tabellenplatz auf Monate hinaus verteidigt wird. Aber wer weiß: Vielleicht spielt ihnen die außergewöhnliche Physiognomie der Saison noch in die Hände. Allmählich kommen die Wochen, in denen jene, die von einem Einsatz bei der WM in Katar träumen, es sich bewusst oder unbewusst zwei Mal überlegen werden, ob sie den Fuß reinhalten oder nicht.

Und wenn die WM erst einmal vorbei ist, müssen die Rückkehrer einen Siegesrausch oder aber einen Kater verdauen. Von dieser Sorte Spieler hat der FC Bayern im Zweifel mehr als der 1. FC Union. Und den Köpenickern bleibt immer noch der Rückgriff auf buddhistische Mönche.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusNeven Subotic über den 1. FC Union
:"Manchmal reicht es, eine Sache richtig gut zu machen"

Neven Subotic hat für Union Berlin und den BVB gespielt. Vor dem Duell der beiden Teams erklärt er, wie man Gegner in Grund und Boden rennt und was die Autorität von Trainer Urs Fischer ausmacht.

Lesen Sie mehr zum Thema