Süddeutsche Zeitung

Berliner Derby:Union färbt die Hauptstadt rot

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Die Eisernen entscheiden das Derby gegen Hertha für sich - und zwar wesentlich dominanter, als es die Höhe des Sieges aussagt.

Von Nico Fried, Berlin

Max Kruse hatte am Ende eine ziemlich einfache Erklärung für das, was sich in den 90 Minuten zuvor abgespielt hatte. "Wir haben unser Herz auf dem Platz gelassen, wie sich das gehört für ein Derby." Der Stürmer war zwar selbst trotz zweier Großchancen ohne Tor geblieben an diesem Abend, aber dass sich Union Berlin das leisten konnte, sagt schon viel aus über dieses Spiel. Seine Mannschaft, so resümierte Kruse, sei "in allen Belangen überlegen" gewesen. Kann man so sagen.

Die Machtfrage in der Hauptstadt ist vorläufig geklärt. Der 1. FC Union ist die Nummer eins in Berlin - und zwar wesentlich dominanter, als es die Höhe des Sieges im Lokalderby gegen Hertha BSC aussagt. 2:0 gewannen die Eisernen ein Spiel, in dem sie zwar ein wenig der unfreiwilligen Starthilfe der Herthaner bedurften, den Rivalen aus dem Westend ansonsten aber fast nach Belieben vor sich her spielten. Die Gastgeber wirkten selbstbewusster, kombinierten geschickter und suchten entschlossener den Erfolg. Sieben Punkte liegt Union nun in der Tabelle vor Hertha BSC. Die Stadtmeisterschaft, stellte Kapitän Christopher Trimmel nach dem Spiel fest, sei "schon eine besondere Meisterschaft".

Es war das erste Spiel vor vollen Rängen an der Alten Försterei seit März 2020. Der Berliner Senat hatte trotz massiv steigender Corona-Inzidenzen auch in der Hauptstadt volle Auslastung des Stadions gestattet: 22 000 Zuschauer. Die 2G-Regelung, nach der nur Geimpfte und Genesene ins Stadion durften, sorgte in den Tagen zuvor für Diskussionen in der Stadt und schon eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff für dicke Menschentrauben vor den Eingangstoren. Die Ordner, zahlenmäßig von 300 auf 400 aufgestockt, waren angewiesen, die Impfzertifikate gewissenhaft zu prüfen. Die Wartenden blieben weitgehend geduldig, zum Spielbeginn waren offenkundig die meisten Zuschauer auf ihren Plätzen. Der Empfehlung des Gastgeber-Vereins, auch auf den Rängen die Maske zu tragen, folgten in etwa so viele Fans, wie Kunden in eine Metzgerei gehen, um Tofu zu kaufen.

Hertha erlaubt sich gruselige Fehler

Bei Union war Max Kruse nach einer mehrwöchigen Verletzung wieder dabei, ebenso Kapitän Christopher Trimmel. Pal Dardai gab im Hertha-Sturm Krzysztof Piatek den Vorzug vor Davie Selke. "Kleinigkeiten" würden das Spiel entscheiden, hatte Urs Fischer vorausgesagt. Da aber irrte der Union-Coach.

Denn das Loch, das Hertha-Abwehrspieler Marton Dardai nach nur acht Minuten mit dem rechten Fuß in die Köpenicker Luft hieb, war dann doch ziemlich groß. Den Ball, den der Sohn des Hertha-Trainers eigentlich hatten treffen wollen, übernahm Taiwo Awoniyi, seit Wochen verlässlicher Torschütze der Unioner, und schoss ihn entspannt ins linke untere Eck zur 1:0-Führung. Der Stürmer habe bei Union Berlin "ein Zuhause gefunden", analysierte Trainer Fischer fast väterlich. Jetzt sei er, so Fischer nach mittlerweile 13 Toren, "auf dem richtigen Weg".

Die Hertha versuchte nach dem Rückstand, dagegen zu halten, "ein Kampfspiel" hatte Pal Dardai halb gefordert, halb vorausgesagt. Doch dazu kam es gar nicht. Schon im Aufbau erlaubte sich seine Mannschaft gruselige Fehler, Angriffe kamen eher zufällig als geplant zustande. Herthas Trainer wirkte hinterher fast ein wenig verzweifelt: "Wir haben das sehr viel geübt, Situationen drei gegen zwei, kontrolliertes Passspiel, aber das ist heute nicht gelungen." Der Gegner, räumte Dardai umstandslos ein, sei "besser und dynamischer" gewesen.

Auf der anderen Seite tauchten Kruse und Awoniyi immer wieder vor dem Tor der Blau-Weißen auf, deren Abwehr phasenweise orientierungslos und verunsichert wirkte, als habe sich ihr Busfahrer im Stadiontor geirrt. Nach 30 Minuten flog der Ball nach einer Ecke der Unioner quer übers Spielfeld, bis er bei Christopher Trimmel landete, der ihn - keine Kleinigkeit - aus gut 20 Metern mit Schnitt ins selbe Eck donnerte, in das zuvor Awoniyi getroffen hatte. "Einfach drauf", beschrieb Trimmel nach dem Spiel sein Erfolgsrezept. Die Situation sei "nicht einstudiert" gewesen.

Das zweite Tor war verdienter Lohn für die Überlegenheit der Unioner in der ersten Hälfte. Ein vermeintliches Hertha-Tor in der Nachspielzeit musste Schiedsrichter Felix Brych nach Videobeweis wegen Abseits zurücknehmen.

Dardai wechselt den halben Angriff aus - ohne Fortüne

Hertha bemühte sich nach dem Wechsel um mehr Offensivgeist. Doch je näher die Gäste dem Tor der Unioner kamen, desto weniger wussten die Blau-Weißen mit dem Ball anzufangen. Die erste echte Chance hatte prompt auf der Gegenseite Max Kruse, dessen Schuss von der Strafraumgrenze Alexander Schwolow um den Pfosten lenkte. Pal Dardai wechselte schließlich seinen halben Angriff aus, brachte Jurgen Ekkelenkamp und Kevin-Prince Boateng für Piatek und Maximilian Mittelstädt, doch das Ergebnis waren nur weitere Chancen für die Gastgeber, zum Beispiel als sich Genki Haraguchi nach einem ausgiebigen Tänzchen im Hertha-Strafraum schließlich doch noch entschloss, aufs Tor zu zielen, dabei aber ein letztes Hertha-Bein übersah.

Seine Mannschaft habe schon sehr viel aufgewendet, so Trainer Fischer. Deshalb hätte er sich auch gewünscht, dass sie sich früher dafür belohnt hätte. Trotzdem sei der Sieg, über 90 Minuten gesehen, verdient.

Und so hatten die Union-Fans allen Anlass, ihre Aerosole noch lange nach dem Schlusspfiff in unterschiedlichen Melodien durch Köpenick zu schleudern, während die diesbezügliche Ansteckungsgefahr im stillen Hertha-Block wohl minimal blieb.

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