Union Berlin:Der entspannte neue Spitzenklub

1. FC Union Berlin - TSV 1860 München

Eiserne Kämpfer: Durch ein 2:0 gegen 1860 bleibt Union in der Zweitliga-Tabelle oben dran - Trainer Keller (2. v. l.) freut's.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)
  • Nach dem 2:0-Sieg gegen 1860 München muss sich Union Berlin mit der Möglichkeit "Bundesliga-Aufstieg" auseinandersetzen.
  • Das Umfeld des Klubs reagiert gelassen auf die aktuellen Erfolge. Aufstiegs-Rufe hört man nicht.
  • Trainer Jens Keller findet in Köpenick endlich die Ruhe, die er auf Schalke nicht bekommen hat.

Von Javier Cáceres, Berlin

Und dann, als der 1. FC Union Berlin den TSV 1860 München mit 2:0 besiegt hatte, fiel Wasser vom Himmel, und es wirkte, als könne es sich nicht entscheiden, ob es lieber Regen sein wollte oder Schnee. Kleine Flocken waren es, die sich auf das Dach des Stadions An der Alten Försterei sowie auf die Häupter der Spieler legten. Die reckten ihre Arme hoch wie die knapp 20 000 Zuschauer, die dem östlichsten Klub der deutschen Hauptstadt in Sympathie zugeneigt sind. Es war ein Sieg, der Unions Status als Erstliga-Aspirant untermauerte. Doch diesbezügliches Gejohle, Aufstiegs-Rufe oder Ähnliches war nicht zu vernehmen von den Rängen, stattdessen nur aufrichtige Freude über einen überzeugenden Triumph.

"Ich bin unglaublich stolz": Das waren so ziemlich die ersten Worte, die Unions Trainer Jens Keller nach der Partie sagte, und er meinte nicht nur die Art und Weise, wie das Spiel gewonnen wurde. Sondern auch "die Art und Weise, wie die Jungs hier mit der ganzen Situation umgehen".

Die ganze Situation, das ist die Euphorie, die sich langsam in die Knochen der Union-Sympathisanten frisst, wie es in Berlin sonst nur die Winterkälte tut. Nie stand der 1. FC Union, seit 2009 ununterbrochen in der zweiten Liga, zu einem vergleichbaren Zeitpunkt besser da als jetzt. Nach 22 Spieltagen werden die Köpenicker auf Platz drei geführt, sechs Punkte hinter dem Tabellenführer VfB Stuttgart und nur einen hinter Hannover 96.

Das Ziel: dauerhaft zu den besten 20 Klubs Deutschlands zählen

"Klar schauen wir auf die Tabelle", sagt Keller, "wir wären wahnsinnig, wenn wir es nicht machen würden." Denn vielleicht wird es lange dauern, ehe sich wieder derart gute Gelegenheit ergibt, fundierte Aufstiegsträume zu hegen. Womöglich kann man das Spiel gegen 1860 München als Indiz dafür hernehmen: Die Löwen waren vor der Partie das drittbeste Rückrundenteam - und den Unionern dann im Spiel in jeder Hinsicht unterlegen.

Zumindest wirkt es so, als befinde sich Union in einer psychologisch komfortablen Situation. Klub, Mannschaft und Fans träumen davon, aber fühlen sich nicht dazu gezwungen, aufzusteigen. Sie sind wie der Niederschlag, der sich in jedem denkbaren Aggregatzustand wohlfühlt. Allenfalls wähnt sich Union auf der Zielgeraden eines vor Jahren gezeichneten Weges. Union möchte dauerhaft zu den besten 20 Klubs Deutschlands zählen; das heißt zunächst, sich im oberen Tabellendrittel der zweiten Liga zu etablieren.

Sollte ein Aufstieg in die Bundesliga dabei herausspringen, wäre das eine willkommene Abwechslung; sollte man nach einem etwaigen Aufstieg wieder absteigen, wäre das weder emotional noch wirtschaftlich ein Drama. Die Finanzen des Klubs gelten als stabil. Wahrscheinlich hatte nicht mal die einstige Fahrstuhlmannschaft par excellence, der VfL Bochum, ein derart entspanntes Verhältnis zum Aufenthalt am Saum der Bundesliga. Aktuell dürfte höchstens der SC Freiburg so selbstsicher zwischen den Welten wandern wollen und können wie die Berliner.

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