Union Berlin:Urs Fischer ist geladen

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Union Berlin: "Das war kein Bundesliga-Niveau, das war Jugendfußball": Unions Trainer Urs Fischer nach dem 0:5 bei Bayer Leverkusen.

"Das war kein Bundesliga-Niveau, das war Jugendfußball": Unions Trainer Urs Fischer nach dem 0:5 bei Bayer Leverkusen.

(Foto: Laci Perenyi/Imago)

Union Berlin spürt erstmals in seiner beeindruckenden Saison einen Kräfteverschleiß und sehnt die WM-Pause herbei.

Von Ulrich Hartmann, Leverkusen

Der 1. FC Union Berlin war seit exakt 20 Stunden nicht mehr Tabellenführer der Bundesliga, als am Montagmittag um 13.20 Uhr im schweizerischen Nyon ein Kärtchen mit seinem Namen aus einer kleinen Schraubkugel gefischt und er dem Gegner Ajax Amsterdam zugelost wurde. Eine Minute später bekam Bayer Leverkusen als Gegner AS Monaco zugewiesen. Diese Europa-League-Partien mit den Hinspielen am 16. Februar in Amsterdam und Leverkusen sowie den Rückspielen am 23. Februar in Berlin und Monaco finden im Rahmen der sogenannten Knock-out-Runde statt. Hier treffen die Gruppendritten der Champions League auf die Gruppenzweiten der Europa League und ermitteln die Teilnehmer fürs Europa-League-Achtelfinale.

Am Nachmittag des Vortages hatten Union und Bayer in Leverkusen ein unerwartet einseitiges Bundesligaduell miteinander ausgefochten. Nach 45 torlosen Minuten schossen die in dieser Saison zuvor so spärlich aufspielenden Leverkusener binnen 30 Minuten fünf Tore und holten Union Berlin mit dem 5:0-Kantersieg von der Bundesliga-Tabellenspitze. Sich selbst befreiten die reüssierenden Rheinländer vom Relegationsrang im Tabellenkeller.

Das vierte und das fünfte Gegentor, fand Urs Fischer hernach, hätten nicht mehr sein müssen. "Das war kein Bundesliga-Niveau, das war Jugendfußball", klagte Unions Trainer über seine Mannschaft, die doch zwei Monate lang sensationell Tabellenführer gewesen war und damit offiziell Deutschlands beste Fußballmannschaft. Bloß neun Gegentreffer binnen zwölfeinhalb Bundesligaspielen hatten die eisenharten Berliner Abwehrroboter zugelassen, ehe im Gastspiel bei Bayer in der zweiten Halbzeit eine menschliche Güte und Nachsicht über sie zu kommen schien. Das war dem Trainer zu viel der Großzügigkeit. Fischer war also angemessen geladen, doch mit dem Verlust der Tabellenführung, betonte er, habe das nichts zu tun. "Das ist mir wirklich egal", sagte er, "aber was mir nicht egal ist, ist die Art und Weise, wie wir verloren haben."

Zwölfeinhalb Spiele lang, das sind genau 18 Stunden und 45 Minuten, war seine Mannschaft in dieser Saison ein Ausbund an Disziplin gewesen, "aber dann gibt es eben auch mal so ein Spiel, in dem man eine Packung kriegt", bat der Kapitän Christopher Trimmel um Verständnis. "Das war ein Ausrutscher", sagte Rani Khedira entschuldigend. "Das war eine Ohrfeige", sagte der Trainer Fischer über die Niederlage.

"Der Tank der Mannschaft ist nicht mehr voll"

Und so rutschte der Tabellenführer Union am Sonntag um 17.20 Uhr hinter den FC Bayern München auf Platz zwei zurück und zwei Stunden später, als Freiburg 2:0 gegen Köln gewonnen hatte, auch noch hinter den SC Freiburg auf Platz drei. Fischer beklagte in diversen Interviews nach dem Spiel, dass seine Mannschaft nach dem frühen 0:1 (46.) alle Disziplin hatte fahren lassen - zu einem 0:5, wie es Union unter ihm als Trainer zuvor erst ein Mal zugelassen hatte, nämlich im Februar 2020 in einem Bundesliga-Gastspiel bei Borussia Dortmund. Im Laufe des Abends allerdings wurde der Trainer milder, und als kurz vor der Abreise die Pressekonferenz fast zu Ende war, sagte er großväterlich: "Das gilt es jetzt auch mal zu akzeptieren, dafür hat es die Mannschaft in dieser Saison einfach zu gut gemacht."

Schon am Mittwoch empfangen die Berliner den FC Augsburg, und am Sonntag gastieren sie beim SC Freiburg, bevor eine fast zweieinhalbmonatige WM- und Winterpause beginnt, die Fischer herbeisehnt. "Sie kommt zur rechten Zeit", sagt er, "der Tank der Mannschaft ist nicht mehr voll." Müdigkeit als Argument wollte er für die Klatsche in Leverkusen allerdings nicht gelten lassen.

Die Winterpause sehnt auch Leverkusens Trainer Xabi Alonso herbei, weil er seinen Dienst bei Bayer erst vor einem Monat angetreten hat und weil sie seitdem acht Spiele haben absolvieren müssen, ohne jegliche Pause zum Durchschnaufen oder um Dinge einzustudieren. "Diese viereinhalb Wochen haben sich angefühlt wie eine Achterbahnfahrt", sagte Alonso. "Die Winterpause wird uns gut tun, weil wir unser Spiel in dieser Zeit neu aufbauen wollen." Der Spanier spricht oft von kontrollierter Offensive und dass die Mannschaft die dazu nötige Balance aus Sicherheit und Wagnis noch nicht ganz richtig einzuschätzen wisse. Das 5:0 gegen Union war diesbezüglich ein Schritt in die richtige Richtung.

Am Mittwoch gastiert Leverkusen zum prestigeträchtigen Rheinderby beim 1. FC Köln, und am Samstag empfängt es noch den VfB Stuttgart. Die Vorfreude auf das Spiel gegen Monaco ist ebenfalls bereits groß, obwohl man ja aus der Champions League ausgeschieden ist. "Am Ende", sagt der Sportdirektor Simon Rolfes, "ist die Europa League für uns ein Erfolg."

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