DFB-Gegner Ungarn:Geschaffen fürs landeseigene Prestige

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Marco Rossi, 59, identifiziert sich mit seiner Aufgabe als Trainer Ungarns – und hat vor Monaten die zugehörige Staatsbürgerschaft angenommen. (Foto: Sebastian Frej/Imago)

Ungarns fußballerischer Aufschwung ist einem italienischen Trainer mit moderner Denkweise zu verdanken, einem Freigeist im Mittelfeld – und großen Investitionen aus der Politik.

Von Felix Haselsteiner

Dass Ungarn für Marco Rossi mehr als nur eine Trainerstation ist, wurde im vergangenen Oktober amtlich. Über die Zuneigung zu seiner Wahlheimat hatte der Italiener schon in den Vorjahren gesprochen. Seit 2012 ist er bis auf einen kurzen Abstecher in die Slowakei in Ungarn tätig, seit 2018 als Nationaltrainer. Und seit dem vergangenen Oktober ist Rossi nun offiziell auch Träger der ungarischen Staatsbürgerschaft, womit er dem womöglich größten Fan der Nationalmannschaft – Ministerpräsident Viktor Orbán – einen großen Wunsch erfüllt haben dürfte. Denn die Verbindung aus Politik, Mannschaft, Fans und nicht zuletzt Rossi ist in Ungarn höchst intensiv – und unheimlich erfolgreich.

Auf etwa zwei Milliarden Euro bezifferte der britische Guardian in einer Recherche die Summe, die innerhalb der vergangenen 15 Jahre als staatliche Investition in den ungarischen Fußball geflossen ist. Allein die gigantische Puskás-Arena in Budapest kostete ein Viertel davon, dazu kamen Leistungszentren und Anteile an Medienunternehmen, die die Neuerfindung des ungarischen Fußballs im Sinne der Regierung begleiteten.

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Der Fußball ist wieder Nationalstolz geworden, die Anhängerschaft ist in ganz Europa gefürchtet für ihre Unterstützung in radikaler Form, die Mannschaft wird geprägt von einigen herausragenden Spielern – und dann ist da noch dieser Italiener, der inzwischen auch Ungar ist und als Trainer den vielleicht größten Anteil am Erfolg hat.

Seit Anfang 2023 haben die Ungarn nur ein Spiel verloren

59 Jahre ist Rossi alt, und doch ist er mit seinen taktischen Ideen bei der Modernisierung des internationalen Fußballs ganz vorne mit dabei. Mit Konzepten aus dem sogenannten Relationismus arbeitet man in Ungarn, mit jener modernen Idee von Fußball also, der auch Roberto De Zerbi in Brighton, Sebastian Hoeneß in Stuttgart und zumindest partiell Xabi Alonso in Leverkusen folgen. Rossis Mannschaft spielt aus einer perfekt organisierten, disziplinierten Fünferkette heraus und daher auf den ersten Blick eher defensiv orientiert und mit einem gewissen Desinteresse an Ballbesitz.

Hier allerdings kommt der Relationismus ins Spiel, der sich als Antwort verstehen lässt auf Pep Guardiolas Schule der vielen Zonen, die am besten alle gleichermaßen besetzt sein sollen. Rossis Mannschaft verzichtet darauf, sie attackiert stattdessen mit dem Ziel, in der Offensive immer wieder in wenigen, gefährlichen Zonen Überzahl zu schaffen und Gegner dort unter Druck zu setzen.

Diese Vorarbeit soll vor allem dem Spieler Freiheiten verschaffen, der zu Hause mit dem Volkshelden Ferenc Puskás verglichen wird und auf dem die Hoffnungen eines Landes ruhen: Dominik Szoboszlai und seine unverkennbare Genialität am Ball sind das Kernelement des ungarischen Fußballs. In der Offensive hat der Kapitän dieselben Freiheiten, die er schon bei RB Salzburg und RB Leipzig genoss, auch beim FC Liverpool spielt er in einer freigeistigen Rolle. In Rossis System, das bereits bei der EM 2021 den Gruppengegner Deutschland an den Rand einer Niederlage zwang, ist alles auf Szoboszlai ausgerichtet, den eine gute Mischung aus Erfahrung und Talent umgibt: Péter Gulácsi im Tor sowie Willi Orbán in der Abwehr sind aus Leipzig bekannt, Roland Sallai vom SC Freiburg, dazu kommt im 20-jährigen Milos Kerkez vom AFC Bournemouth ein hochtalentierter Außenverteidiger.

Mit einer beachtlichen Erfolgsbilanz reisen die Ungarn zum Turnier nach Deutschland, nur ein Spiel ging seit Anfang des Jahres 2023 verloren. Besonders zwei Siege haben zum großen Selbstbewusstsein beigetragen: Das 1:0 gegen Deutschland in der Nations League – damals die erste Niederlage und in der Nachbetrachtung der Anfang vom Ende für Bundestrainer Hansi Flick – galt als Meilenstein; vor allem aber ein 4:0 gegen England in Wolverhampton vor knapp zwei Jahren zementierte Rossis Ruf als Wiedererwecker der einst so großen ungarischen Fußballkultur, die in den 1950er-Jahren den Weltfußball prägte.

Diese Geschichte neu zu schreiben, war eines von Viktor Orbáns Zielen, für die er die finanziellen Mittel zur Verfügung stellte – in der Hoffnung auf prestigeträchtige Siege bei großen Turnieren, mit modernem, sehenswertem Fußball. Es scheint vor Beginn der Europameisterschaft so, als könnten Marco Rossi und seine Hauptdarsteller auf dem Feld kaum erwarten, ihre Künste auf großer Bühne vorzuführen.

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