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DFB-Gegner Ungarn:Im Namen von Ferenc Puskás

Es tut sich einiges im ungarischen Fußball, seit dort in Klubs und deutsche Trainer investiert wird - und Staatschef Orban den Sport für seine Zwecke nutzt. Ein Sieg gegen Deutschland bei der EM wäre ein absoluter Höhepunkt.

Von Sven Haist

Die Bedeutung des sportlichen Abschneidens bei dieser Europameisterschaft für das eigene Renommee im europäischen Fußball schien Ungarn frühzeitig bewusst zu sein. Bereits für den 9. Mai war der letzte Saisonspieltag in der Nemzeti Bajnokság, der nationalen ungarischen Meisterschaft, angesetzt worden. Außer der höchsten ukrainischen Spielklasse endeten alle anderen Ligen der EM-Nationen erst eine Woche, überwiegend sogar erst zwei Wochen später.

Der ungewohnt zeitige Saisonabschluss in Ungarn, ermöglicht durch zuvor zahlreiche "englische Wochen", verschaffte dem Nationalteam des italienischen Trainers Marco Rossi das Privileg von fünf Wochen Vorbereitung auf die EM - weil zwölf der 26 ungarischen Kaderspieler ihr Geld in der heimischen Liga verdienen. Den Gruppengegnern Frankreich, Portugal und Deutschland standen jeweils nur etwa drei Wochen zur Verfügung.

Eine vergleichbare Konstellation gab es bereits vor der EM 2016, dem ersten Großereignis seit der WM 1986 in Mexiko, für das sich Ungarn dank der Aufstockung der Teilnehmerzahl auf 24 Nationen qualifiziert hatte. Damals fand der letzte Spieltag in der Meisterschaft ebenfalls weit vor den meisten anderen Ligen statt. Zu dieser Zeit spielte mehr als die Hälfte der Nationalspieler im eigenen Land. In der starken Vorrundengruppe mit dem späteren Europameister Portugal, mit Island und Österreich qualifizierte sich Ungarn dann als Tabellenerster fürs Achtelfinale, in dem das Team aber deutlich an Belgien scheiterte.

"Ich bin baff über das positive Bild, das Ungarn in dieser Todesgruppe abgibt", sagt Thomas Doll

Auch bei der EM 2021 hat die Fußballauswahl der knapp zehn Millionen Einwohner zählenden Nation bereits etablierte Größen geärgert. Zum Auftakt mühte sich Titelverteidiger Portugal erst in der Schlussphase zu einem 3:0, am Samstag strauchelte in Budapest dann Weltmeister Frankreich beim 1:1 gegen Ungarn. Der Punktgewinn ermöglicht der Rossi-Elf sogar die Chance, mit einem Überraschungserfolg gegen Deutschland am Mittwoch in München erneut in die nächste Runde einzuziehen.

Gut einschätzen kann die Situation in Ungarn der frühere Nationalspieler Thomas Doll (18 Einsätze für Deutschland), der von Dezember 2013 bis August 2018 den Rekordmeister Ferencváros Budapest als Trainer zu einem Meistertitel und drei Pokalsiegen geführt hatte. "Die bisherigen Leistungen der Ungarn sind nicht hoch genug zu bewerten, weil viele Spieler dieses Niveau (der EM) nicht gewohnt sind", sagt der 55-Jährige, der nach wie vor in Budapest lebt, der SZ: "Ich bin baff über das positive Bild, das Ungarn in dieser Todesgruppe abgibt. Das beweist, was mit Leidenschaft und guter Einstellung alles erreichbar ist."

Nach dem Ende der kommunistischen Staatsführung 1989 verfiel der einst ruhmreiche ungarische Fußball zunächst in Tristesse, international spielte man zwei Jahrzehnte keine Rolle, und die Infrastruktur der Klubs erinnerte an Überbleibsel aus der Sowjet-Zeit. Erst 2010, mit der Wahl des Rechtspopulisten Viktor Orban zum Ministerpräsidenten, begann in Ungarn wieder ein Aufschwung für den Volkssport Fußball. Mehr als zwei Milliarden Euro flossen seitdem in die Kassen der Vereine, vorwiegend für die Errichtung von Stadien und Trainingsakademien - größtenteils finanziert durch den Staat oder regierungsnahe Investoren.

Die Restaurierung des ungarischen Fußballs lockt auch Trainer aus dem Ausland an - vor allem aus Deutschland

Allein das hochmoderne Nationalstadion in der Hauptstadt Budapest, die nach Fußballlegende Ferenc Puskás benannte Arena, kostete rund eine halbe Milliarde Euro. Inzwischen besitzt fast jeder Klub aus der ersten und zweiten Liga in Ungarn ein vorzeigbares Vereinsgelände mit eigenem Stadion. Thomas Doll sagt: "Für ein altes Ostblockland ist das beeindruckend und keine Selbstverständlichkeit. Der Fußball sieht in einem neuen Stadion anders aus als in einem alten. Trotzdem gehen solche Investitionen nicht damit einher, dass die Spieler unmittelbar talentierter werden. Und die besten Kicker Ungarns gehen weiterhin ins Ausland."

Das offizielle Trainingszentrum des Verbands, in dem die Nationalteams ihre Lehrgänge abhalten, befindet sich in der kleinen Gemeinde Telki, eine halbe Stunde außerhalb Budapests. In der Nähe liegt auch Orbans Heimatdorf Felcsút, in dem das futuristische Pancho-Stadion (spanisch für: Puskás) des ebenso dem Idol zu Ehren getauften Vereins "Puskás Akademia" erbaut wurde.

Der Klub wurde 2005 durch Staatschef Orban und dessen Jugendfreund Lorinc Meszaros, einem der reichsten Männer Ungarns, gegründet - und er erhielt Relevanz durch die Kooperation mit dem Spitzenklub Fehérvár. Mittlerweile hat Puskás Akademia mehr als 100 Millionen Euro an Staatsmitteln erhalten, zuletzt belegte der Verein hinter Meister Ferencváros sogar den zweiten Platz in der Liga.

Die Restaurierung des ungarischen Fußballs lockte zuletzt auch Trainer aus dem Ausland an - vor allem aus Deutschland. Neben den Klubtrainern Doll und Michael Oenning (früher Vasas Budapest, jetzt Ujpest Budapest) ließen sich weitere deutsche Fußballlehrer in Ungarn nieder. Von 2015 bis 2017 war Bernd Storck Nationaltrainer und Sportdirekter des Verbands. Zu seinem Trainerteam gehörten Welt- und Europameister Andreas Möller und der frühere Bundesliga-Torwart Holger Gehrke. Um die Junioren-Nationalteams kümmerte sich Michael Boris (später MTK Budapest), und für die Trainerfortbildung stellte Storck 2017 DFB-Lehrgangsleiter Jörg Daniel ein.

Mit seinem ungarischen Kollegen Tibor Sisa reformierte Daniel, 69, die Ausbildung für die höchste Trainer-Lizenz, die unter anderem Zsolt Löw erwarb (inzwischen bei Chelsea Assistent von Thomas Tuchel). "Ungarn träumt davon, dass die Puskás-Zeit zurückkommt, der technisch versierte Fußball", sagt Daniel am Telefon: "Das ist ein Gedanke, der unbedingt weiter verfolgt werden muss. Der Verband wäre gut beraten, sich als Ausbildungsorganisation zu verstehen, um mehr international wettbewerbsfähige Spieler zu entwickeln."

Hat Orban den Fußball in Ungarn verbessert?

In Dominik Szoboszlai, 20, besitzt Ungarn inzwischen einen begabten Spielmacher auf internationalem Topniveau, der RB-Leipzig-Profi fehlt jedoch bei der EM verletzt - und ein Spieler seiner Güte ist in Ungarn noch eine Seltenheit. Der viertälteste EM-Kader verfügt nur über fünf Spieler unter 25 Jahren; zu selten werden bisher junge Spieler in der eigenen Liga eingesetzt.

Vor wenigen Tage warf der Guardian die Frage auf, ob "Orbans bizarre Obsession" den ungarischen Fußball nun verbessert habe? Seit seinem Amtsantritt vor elf Jahren haben sich ungarische Fußballklubs einmal für die Gruppenphase der Champions League und viermal für die Europa League qualifiziert. Achtbare Erfolge, aber für die meiste Aufmerksamkeit sorgt weiter die Nationalelf.

Trotzdem werde es nach der EM "keinen Boom" geben, glaubt Doll, dafür würden "die großen Namen" fehlen. Das sei schon nach der EM 2016 zu sehen gewesen, als zu den Auftaktspielen in der Liga auch nicht mehr Zuschauer als üblich gekommen seien. Mit Abstand betrachtet, sagt Daniel, sei der Fußball "ein Prestigeobjekt" in Ungarn.

Fürs Renommee würde Ungarn jedenfalls nichts mehr helfen als ein Sieg gegen Deutschland.

© SZ/mok/bkl/and
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