Umstrittenes Urteil gegen Gladbach-Coach:Gegen die alten Denkmuster

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Ahlen, Deutschland 14. November 2020: RL West - 20/21 - RW Ahlen vs. Bor. Moenchengladbach U23 Trainer Heiko Vogel (Boru; x

Verbal nicht auf Ballhöhe: Heiko Vogel, Trainer von Gladbachs zweiter Mannschaft.

(Foto: Van der Velde/Fotostand/imago)

Der Westdeutsche Fußball-Verband will das Urteil gegen Heiko Vogel, den Trainer von Mönchengladbachs zweiter Mannschaft, noch einmal juristisch prüfen lassen. Vogel hatte eine Schiedsrichter-Assistentin beleidigt - Zorn weckt die Auflage: Zur Strafe soll er Frauen-Teams trainieren.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Im Sportgericht des Westdeutschen Fußball-Verbands (WDFV) wissen sie jetzt auch von allerhöchster Stelle, dass ihr umstrittenes Urteil im Fall Heiko Vogel als "unbegreiflich" erachtet wird. Genau so bezeichnete es jedenfalls Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußballs-Bundes (DFB). Vogel, Trainer der zweiten Mannschaft von Borussia Mönchengladbach, hat während eines Regionalligaspiels Schiedsrichter-Assistentinnen beleidigt und dafür eine Sperre (zwei Spiele), eine Geldstrafe (1500 Euro) sowie auf eigene Anregung hin die "Auflage" bekommen, quasi als Buße Frauen- und Mädchenteams seines eigenen Vereins zu trainieren. Letzteres schlägt enorme Wellen. Frauen erst zu beleidigen und ihnen dann gönnerhaft ein Training gewähren zu wollen, weckte den Zorn der Branche. "Das ist Ausdruck viel zu weit verbreiteter Denkmuster", nannte Keller sowohl Vogels Verhalten als auch das Urteil.

Beim Sportgericht des WDFV sind sie mindestens überrascht über die öffentliche Erregung und die Kritik aus dem eigenen Verband, einer nennt sie sogar "erschütternd". Am 9. März hat man am Verbandsort Duisburg verhandelt, zwei Stunden lang wurde debattiert, dann erging das Urteil. Gemäß Paragraf 12, Absatz 3, der Rechts- und Verfahrensordnung des WDFV war der Delinquent mit einer Geldstrafe und einer Sperre zu bestrafen. In diesem Absatz 3 heißt es aber außerdem: "Das Rechtsorgan soll die Verhängung von Auflagen, die geeignet sind, auf die Haltung des Schuldigen Einfluss zu nehmen, in besonderer Weise in Erwägung ziehen." Zu letzterem Zweck fand man diese "Auflage", dass Vogel Frauen- oder Mädchenmannschaften seine Kompetenz als Trainer angedeihen lassen könnte, dann gar nicht so ungeeignet. Wie das Ganze dann in der Öffentlichkeit ankam, konnte in der Sitzung am 9. März niemand so recht absehen.

"Ich persönlich hätte keine Lust auf ein Training mit ihm", sagt Nationalteam-Kapitänin Popp

Die Reaktionen wurden zuletzt immer wütender. Die Spielführerin der deutschen Nationalmannschaft zum Beispiel sagte, sie würde bei Vogel gar nicht trainieren wollen. "Ich persönlich hätte keine Lust auf ein Training mit ihm", sagte Alexandra Popp im Deutschlandfunk, "und ich denke, dass es den Frauen von Borussia Mönchengladbach ähnlich geht." Die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erklärte im Bayrischen Rundfunk: "Wir haben uns gefragt: Für wen ist das eigentlich die größere Strafe?" Voss-Tecklenburg fand: "Dass so etwas heute noch passiert, zeigt tatsächlich, wie wenig akzeptiert Frauen zum Teil in der männerdominierten Fußball-Welt immer noch sind." Popp klang sogar richtig wütend, als sie über die Rolle von Frauen im Fußball sagte: "Es reicht jetzt!" Das klang kämpferisch und dürfte auch daher rühren, dass sie ungefähr weiß, wie rüde Vogel während besagten Spiels Ende Januar mit den beiden Schiedsrichter-Assistentinnen umgegangen war.

In einem Sonderbericht sind die Verbalvergehen des 45 Jahre alten Trainers Vogel vom 30. Januar minutiös dokumentiert. "Guck' dir die Drei an, was will man da erwarten", sagte er demnach über den Schiedsrichter Marcel Benkhoff und seine Assistentinnen an den Linien, Nadine Westerhoff und Vanessa Arlt. Als Arlt Benkhoff eine zweite gelbe Karte und damit Gelb-Rot für Vogel signalisierte, beschimpfte der Trainer sie mit den Worten: "Das war ja klar. Du bist so eine Hu... (Pause)... pe; Frauen haben auf dem Fußballplatz einfach absolut nichts zu suchen." Nachdem sich Vogel hinter einen Zaun zurückgezogen hatte, sagte er: "Frauen beim Fußball gehören verboten."

Vogels Verhalten bewegt sich sportjuristisch in der Gemengelage von grober Unsportlichkeit und Diskriminierung, und ungefähr so dürfte auch das Urteil des Sportgerichts lauten, wenn es nach der Verschriftlichung, vermutlich nächste Woche, einsehbar ist: grobe Unsportlichkeit in Form diskriminierender Äußerungen.

Wurde angemessen zwischen Unsportlichkeit und Diskriminierung unterschieden?

Peter Frymuth ist Vorsitzender jenes WDFV-Präsidiums, das dieses erst noch zu veröffentlichende Urteil durch seine höchste Instanz, das Verbandsgericht, auf jeden Fall überprüfen lassen möchte. "Es kommt selten vor, dass wir das Urteil eines eigenständigen Rechtsorgans zur Überprüfung vorschlagen, aber in diesem Fall haben wir Zweifel, ob hier angemessen zwischen Unsportlichkeit und Diskriminierung unterschieden worden ist", sagte Frymuth der SZ.

Diese maßgebliche Frage, betont er, sei bereits aufgekommen, bevor Ende vergangener Woche jene öffentliche Debatte einsetzte, die darin gipfelte, dass Spielerinnen der ersten und zweiten Liga einen offenen Brief schrieben. Mit der Frage, wie man das Trainieren von Frauen- und Mädchenmannschaft als Bestandteil einer Sportgerichtsstrafe festlegen könne. Auch die Anordnung der Auflage als Teil des Urteils sieht man im Präsidium kritisch. Das Sportgericht würde hier prägnant auf Paragraf 12, Absatz 3, verweisen. Im Sportgericht ist man relativ sicher, dass der Aktionismus des Präsidiums der öffentlichen Debatte geschuldet ist.

Frymuth, zugleich Vizepräsident beim DFB, ist aber sogar auch froh über die öffentliche Erregung: "Ich finde es absolut positiv, dass dieses Thema von der Gesellschaft so sensibel wahrgenommen wird", sagt er. Er ist sich des Problems durchaus bewusst, dass in vielen Verbandsgremien zu wenige Frauen vertreten sind: Das Sportgericht ist mit acht Männern besetzt, das Präsidium mit 15 Männern plus einer Frau. "Wir würden es begrüßen, wenn mehr Frauen in unseren Gremien und Rechtsorganen mitwirken würden", sagt er, "wir wären froh, wenn sich mehr Frauen mit einem Interesse an diesen Aufgaben melden würden."

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