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Uli Hoeneß:Der Patriarch, der den Fußball in den Kapitalismus führte

Der scheidende Präsident hat den FC Bayern zwar bodenständig gelenkt, aber auch radikal modernisiert - und so in eine Großmacht seiner Branche verwandelt.

Wenn an diesem Freitag Uli Hoeneß seine Ämter als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern München niederlegt, dann scheint klar zu sein, wer da geht: ein Patriarch. Seit geraumer Zeit hat die Öffentlichkeit ihm den Titel verliehen, und vielleicht trägt er ihn selbst so gern wie seinen rot-weißen Schal. Gut, er ist erst 67 Jahre alt, aber im Patriarchen klingen die Jahrzehnte an, in denen er den Verein geprägt hat, und hat er nicht eben erst seine Nachfolger wissen lassen, der FC Bayern sei wie ein Familienbetrieb zu führen?

Ein Patriarch kann gar nicht anders, als irgendeine Tradition zu verkörpern, etwa die, dass bei den Spitzenämtern im Männerfußball die Frauenquote gegen null tendiert. Aber eben weil dieser Titel bis in archaisch-biblische Regionen hinabreicht, verdeckt er hier das Entscheidende. Uli Hoeneß ist eine Figur der radikalen - und maximal erfolgreichen - Modernisierung, nur so konnte er seine Schlüsselrolle in der Entwicklung des europäischen Vereinsfußballs seit den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts spielen.

Die besten Sprüche von Uli Hoeneß

Tiraden vom Tegernsee

Er gehörte zur ersten Profifußballergeneration mit Abitur und wollte ursprünglich Betriebswirtschaft studieren. Schon als Spieler hat er begriffen, dass die Zukunft des Fußballs durch das Zugleich von ökonomischer Expansion und medialer Aufrüstung geprägt sein würde. Er war, wie Paul Breitner oder Günter Netzer, medienkompetent und durchsetzungsfähig, was die eigenen finanziellen Interessen betraf. Vor allem aber fiel seine Zeit als Spieler mit dem nationalen und internationalen Aufstieg des FC Bayern zusammen, der, wie kürzlich der Zeithistoriker Hans Woller schrieb, durch robuste Steuervermeidungstricks befördert worden sei.

Hoeneß beharrte stets auf finanzielle Bodenständigkeit

Der Aufstieg, den Uli Hoeneß nach seiner Spielerkarriere als Manager energisch vorantrieb, führte aus der alten Bundesrepublik heraus in den globalisierten Kapitalismus und aus der Bundesliga heraus in die Champions League als zentrales Aktionsfeld. Hier ging es, was die Medien betraf, nicht mehr nur um geschickt platzierte Interviews, sondern um das Ausschöpfen der Fernsehrechte als - gegenüber Ticketverkauf und Merchandising - immer wichtiger werdende Kapitalquelle zur Finanzierung der Spielergehälter.

Eher als FC-Bayern-Spieler und FC-Bayern-Präsident wird Hoeneß in Erinnerung bleiben denn als Nationalspieler. Er ist im deutschen Fußball die Kontrastfigur zu Franz Beckenbauer, auch er Bayern-Spieler (aber nicht nur), auch er eine Schlüsselfigur der Modernisierung des Fußballs. Beckenbauer, dem schon als Spieler das Attribut "Kaiser" anhaftete, wuchs nach seiner aktiven Zeit mehr und mehr in die Rolle des nationalen Repräsentanten hinein, als Teamchef der Nationalmannschaft wie als Organisator des "Sommermärchens", als es noch eines war. Hoeneß steht für den Vereinsfußball mit internationalen Ambitionen, zu seinem Profil gehört nicht zuletzt die Rivalität mit der Nationalmannschaft.

Dafür gibt es einen Grund, der über die Welt des Fußballs hinausweist. Er lässt sich in die Formel fassen, dass die ökonomische, industrielle und kulturelle Globalisierung die regionalen Energien und Traditionen gerade nicht austrocknet, sondern revitalisiert. Der "Patriarch" Hoeneß mit seinem rot-weißen Schal, der den FC Bayern als "Familie" erscheinen lässt, verkörpert exakt sein Erfolgskonzept: die regionalen Energien in die Globalisierung des Vereins einfließen zu lassen.

Was wäre der ideale Song zum Abschied?

Die Welt der europäischen Spitzenmannschaften des Vereinsfußballs, die Welt der Champions League, ist aus der Perspektive der Nationalstaaten allein nicht zu verstehen. Sie muss nicht, wie beim FC Barcelona, mit separatistischen Energien aufgeladen sein. Aber sie steht in Spannung zu den nationalen Ligen und den Nationalmannschaften. Sie aktualisiert den alteuropäischen Sinn der "Liga" als Zweckbündnis im Raum verstreuter Akteure und nimmt wie vormoderne Fürstentümer gerne Söldner in ihre Dienste.

Europäische Spitzenmannschaften sind, ökonomisch wie kulturell, kleine Großmächte. Es wäre reizvoll, ihr Innenleben und Management mit dem Instrumentarium zu beschreiben, das die Historiker für die Finanz-, Wirtschafts und Außenpolitik europäischer Höfe entwickelt haben. Ähnelt nicht manches in der Presseakte Hoeneß den Versuchen der Zeitungen von einst, die Kabinettspolitik zu entschlüsseln? Lässt sich dieser Äußerung des Präsidenten entnehmen, dass der Trainer in Ungnade gefallen ist, jener, dass der FC Bayern den Spieler X verkaufen will?

Zum Hoeneß-Ideal der Balance von Globalisierung und regionaler Verwurzelung gehört das - gegen die Konkurrenz in Spanien und England gesetzte - Beharren auf finanzieller Bodenhaftung. Zur Ära des Präsidenten Hoeneß gehört, dass er sein Amt im Jahr 2014, nach seiner Verurteilung wegen Steuerhinterziehung, zeitweilig aufgeben musste - und 2016 in das Amt zurückkehrte. Auch jetzt wäre der ideale Song zum Abschied: "Und wenn du gehst, dann geht nur ein Teil von dir."

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