Ukraine in der WM-Qualifikation:Zwei Stunden Glück für die gebeutelte Nation

Lesezeit: 3 min

Profis schleppen sich über den Platz, der Präsident gratuliert emotional: Das 3:1 der Ukraine in Schottland wird zu einem Spiel, das weit über den Fußball hinausgeht - die Beteiligten rennen mit ihren Herzen Richtung WM.

Von Sven Haist, Glasgow

Die Spieler der ukrainischen Nationalelf verausgabten sich beim 3:1 im WM-Playoff-Halbfinale gegen Schottland dermaßen, dass ihnen beinahe die Kraft zum Jubeln fehlte. Als Artem Dowbyk für die Ukraine per Kontertor mit der letzten Aktion des Spiels den eigenen Erfolg sicherstellte, sanken die meisten seiner Teamkollegen sofort zu Boden.

Es verging eine halbe Ewigkeit, bis ein erster Gratulant bei Dowbyk auftauchte: der zuvor bereits erschöpft ausgewechselte Andrij Jarmolenko. Der Kapitän legte nach seiner kurzen Erholungspause auf der Bank allerdings nicht etwa einen Tempolauf hin, sondern schleppte sich geradezu über den Platz bis zum Torschützen - so wie es ihm dann langsam alle anderen Akteure gleichtaten.

Nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine und dem damit verbundenen Saisonabbruch der heimischen Liga hatten zehn der gegen Schottland 16 eingesetzten Spieler bis dahin überhaupt noch kein Pflichtspiel in diesem Jahr absolviert. Vermutlich konnten sie den heroisch anmutenden Kraftakt am Mittwochabend nur deshalb durchstehen, weil sie nicht nur für sich, sondern für alle Menschen ihres Landes gespielt haben.

Ein Sieg gegen Wales fehlt noch zur WM-Qualifikation

Fast stehend k. o. verteidigten die Ukrainer ihren Vorsprung bis zum Abpfiff. Sie treffen nun - als kleiner Lichtblick in diesen düsteren Zeiten - am Sonntag auf Wales: im finalen Duell um den letzten verbliebenen europäischen Platz bei der Fußball-WM. Für die Ukraine wäre es die erste Qualifikation für ein Weltturnier seit dem Mitwirken bei der WM 2006. Nach dem Sieg übermittelte Präsident Wolodimir Selenskij direkt eine Glückwunschbotschaft aus der Heimat.

Es gebe Zeiten, schrieb Selenskij, in denen es "nicht viele Worte" brauche, sondern nur eines: "Stolz". Das Spiel habe der gebeutelten Nation zumindest "zwei Stunden des Glücks" verschafft, die es nicht mehr gewohnt sei. Trainer Oleksandr Petrakow widmete das Erfolgserlebnis "den Streitkräften in den Schützengräben und Krankenhäusern", die "ihren letzten Tropfen Blut" für die Ukraine gäben - und allen anderen Mitbürgern, die täglich litten. Stellvertretend für sie waren 3500 vorwiegend in Großbritannien ansässige Ukrainer im Hampden Park zu Glasgow zugegen, nahezu jede Person eingehüllt in eine riesige blau-gelbe Nationalflagge.

Diese hatte sich auch jeder Spieler beim Abspielen der Nationalhymne umgebunden. Auf den Videomonitoren war dabei zweisprachig das Wort "Peace" zu lesen, Frieden. Dazu hielten die Fans mehrere Plakate hoch, auf denen etwa "Stop the war" (Stoppt den Krieg) stand oder "Kherson is Ukraine" - eine Referenz auf die von Russland besetzte südukrainische Stadt. Der bedrückten Gemütslage, an der das beachtliche Resultat wenig änderte, gab Trainer Petrakow später Ausdruck. Er verspüre "keinerlei Emotionen", sagte er, weil er sie alle auf dem Platz gelassen hätte.

Der Mannschaft fehlte Wettkampfpraxis, was sich durch ein mehrwöchiges Trainingslager mit einigen Testpartien kaum kaschieren ließ. So war abzusehen gewesen, dass die Ukraine mit zunehmender Spieldauer den Schotten physisch unterlegen sein würde. Daher ging es für Petrakows Team darum, eine komfortable Führung zu erspielen - und genau dieser Plan ging auf. Mit zwei schönen Toren schossen Jarmolenko (33. Spielminute) und Roman Jaremtschuk (49.) ein 2:0 heraus, das erst nach dem Anschlusstreffer durch Schottlands Callum McGregor (79.) in Bedrängnis geriet.

Doch die Ukrainer stemmten sich erbittert gegen den Ausgleich - bis Dowbyk in der fünften Minute der Nachspielzeit das erlösende dritte Tor gelang. Den Kräfteverschleiß der Ukrainer stufte die Zeitung Independent als "berauschende Erschöpfung" ein, etwas, das man nur erlebe, wenn man "bis an die Grenzen" gehe - und das Team ging diesmal wohl sogar darüber hinaus.

Ukraine in der WM-Qualifikation: Mit Herz: Andrij Jarmolenko bringt die Ukraine in Führung - der Weg zur WM ist weiter offen.

Mit Herz: Andrij Jarmolenko bringt die Ukraine in Führung - der Weg zur WM ist weiter offen.

(Foto: Russel Cheyne/Reuters)

Die Basis für die äußerst beachtliche Leistung legten die Spieler, indem sie mit ihren Herzen rannten, aber mit ihren Köpfen spielten. Obwohl die Partie vorab mit reichlich Pathos aufgeladen wurde, agierte das Nationalteam mit Sinn und Verstand. Dabei passte es sich nicht dem Hauruck-Stil der Schotten an, sondern setzte auf die eigene fußballerische Überlegenheit im Mittelfeld, die insbesondere die renommierten Spielgestalter Oleksandr Sintschenko (Manchester City) und Ruslan Malinowskyj (Atalanta Bergamo) verkörperten.

Malinowskyjs wunderbar getimtes Zuspiel, das Jarmolenko zunächst mit dem Fuß in der Luft kontrollierte und dann per herrlichem Lupfer zum 1:0 veredelte, stand sinnbildlich für die Dominanz der Ukrainer. Für den Angreifer von West Ham United, dessen Vertrag dort im Sommer ausläuft, war es der Treffer Nummer 45 im Nationaltrikot, womit ihm nur noch drei Tore fehlen, um zum Rekordtorschützen seines Landes aufzuschließen, dem legendären Andrij Schewtschenko.

Nach der Partie, die für die Schotten angesichts des Interessenkonflikts, ihren Konkurrenten die WM-Teilnahme zu gönnen, einem Dilemma glich, verabschiedeten die Zuschauer die Ukrainer auf rührende Weise aus dem Stadion. Den Spielern und auch dem Trainer war es daher ein Bedürfnis, in allen Interviews die schottische Gastfreundschaft hervorzuheben. Als er durch die Straßen Glasgows gegangen sei, sagte Petrakow, hätten ihm die Menschen nur das Beste gewünscht. Das werde er niemals vergessen. Auf der Pressekonferenz erhielten Nationaltrainer Petrakow und seine Spieler am Ende Applaus.

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