Süddeutsche Zeitung

Ukraine bei den Paralympics:Jede Medaille eine Friedensbotschaft

Lesezeit: 4 min

Die Ukraine dürfte in Peking erneut zu den besten sechs Nationen der Paralympics zählen. Doch der sportliche Erfolg ist diesmal nur nebensächlich: Die Athleten sind mit ihren Gedanken ständig in der Heimat.

Von Sebastian Fischer

Grigori Wowtschinski war der Erste, der für die Ukraine bei den Paralympics in Peking eine Medaille gewann, und er war der Erste, der die Bedeutung dieses Erfolgs vor den Mikrofonen der Reporter in die Welt sandte. "Meine Goldmedaille ist für den Frieden in der Ukraine, für die Menschen in der Ukraine und für eine Welt ohne Krieg", sagte er, als er am ersten Wettkampftag den Biathlon-Sprint der stehenden Klasse für sich entschieden hatte.

Wowtschinski, 33, war es auch, der am Donnerstag für die Athleten der Ukraine sprach. Sie hatten sich für eine Friedensdemonstration im Paralympischen Dorf versammelt, hinter ihnen wehten die Fahnen der teilnehmenden Nationen. "Frieden für alle" hatten sie auf ein Plakat geschrieben. Wowtschinski sagte: "Sie bombardieren unsere Kinder und Frauen, ich kann es nicht glauben. Das muss sofort gestoppt werden." In einer Hand hielt er ein Mikrofon, mit der anderen die Hand von Waleri Suschkewitsch, dem Komitee-Chef der Ukrainer, der neben ihm im Rollstuhl saß.

Mit einer Pressekonferenz von Suschkewitsch, 67, hat der eindrucksvolle Auftritt der ukrainischen Mannschaft in Peking begonnen. Am Tag vor der Eröffnungsfeier hatte er von der beschwerlichen Anreise des Teams berichtet, vier Tage und vier Nächte lang. Das Team flüchtete mit dem Bus aus Kiew nach Lwiw, über Polen, die Slowakei und Österreich nach Italien, wo viele Athleten noch im Trainingslager waren.

"Unsere Anwesenheit hier bei den Paralympischen Spielen ist nicht nur eine Anwesenheit. Sie ist ein Zeichen dafür, dass die Ukraine ein Land war, ist und bleiben wird", sagte Suschkewitsch. Die Wettkämpfe? Würden schwierig, wenn jede Minute ein Familienmitglied sterben könne: "Mutter, Vater, Tochter, Sohn", so zählte er es langsam auf.

Wie schnell diese Wettkämpfe und auch die Zeichen, die sie senden können, völlig unwichtig werden, das belegte dann das Beispiel von zwei Athletinnen, die auf ihre Rennen verzichteten, und dies mit der Situation in der Heimat begründeten: Ljudmila Ljaschenko und Anastasija Lalentina. Lalentinas Vater, Soldat in der ukrainischen Armee, sei von russischen Soldaten gefangen genommen worden, berichtete die Sprecherin des Teams. Ljaschenko habe einen geplanten Start am Montag zurückgezogen, nachdem ihr Haus in Charkow bei einem russischen Bombenangriff zerstört worden sei.

25 Medaillen hat die Ukraine bislang gewonnen

Trotzdem ist es auch der sportliche Erfolg, der diese Paralympics für die Ukraine begleitet. 25 Medaillen, das war der Stand am Freitag. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Ukraine damit zum zehnten Mal hintereinander bei Paralympischen Spielen, Winter und Sommer, zu den sechs besten Nationen zählt. Schon seit Jahren hat dieser Erfolg auch eine politische Note: Das Sommersportzentrum der ukrainischen Paralympioniken wurde auf der Halbinsel Krim errichtet. Seit der völkerrechtswidrigen Annexion durch Russland 2014 war die Nutzung aber wohl mindestens kompliziert.

Der Erfolg der Ukraine bei Paralympics hat viel mit dem Verbandschef Suschkewitsch zu tun, der seit einer Polio-Erkrankung einen Rollstuhl benutzt. Früher war er Schwimmer, was mit Behinderung in der Sowjetunion für große Widerstandskraft sprach. 1998 wurde er ins ukrainische Parlament gewählt. Und seit 25 Jahren ist er Präsident des Paralympics-Verbandes.

Unter anderem geht auf ihn ein Programm namens "Invasport" zurück: Jede Oblast, also jede Provinz in der Ukraine, habe ihre eigene Para-Sport-Organisation mit entsprechenden Trainingsmöglichkeiten, sagt Lee Reaney von der englischsprachigen Kyiv Post, der einzige Journalist einer ukrainischen Zeitung bei den Paralympics. Para-Sport, sagt er, werde außerdem von der Regierung inzwischen beträchtlich gefördert.

2021 schrieb die New York Times in einem Artikel über die ukrainischen Para-Sportler, Präsident Wolodimir Selenskij habe das Team vor der Abreise zu den Sommerspielen in Tokio besucht und sich entschuldigt, dass vor ihm kein Präsident da gewesen sei. In einem Land, in dem der Fortschritt der Inklusion problematisch ist, bedeute der Sport "eine Möglichkeit für Menschen mit Behinderung, Karriere zu machen", sagt Reaney.

Bei den Paralympics 2014 traf Suschkewitsch noch Wladimir Putin zum Gespräch

Schon 2014 haben Suschkewitsch und seine Sportler viel beachtete Interviews gegeben, in denen sie sich Frieden wünschten. Damals marschierten russische Soldaten auf der Krim, während die Paralympics in Sotschi ausgetragen wurden. "Das ist der zynischste Aspekt", sagte Suschkewitsch in seiner emotionalen Pressekonferenz vor einer Woche: Dass nun schon wieder ausgerechnet die Paralympics betroffen sind.

Doch vergleichbar ist die Situation natürlich kaum. 2014 berichtete Suschkewitsch noch, dass er persönlich als Vertreter seines Verbandes von Wladimir Putin empfangen worden war: "Er hat mir zugehört, das war mir wichtig." Am Donnerstag sagte Grigori Wowtschinski, der Langläufer und Biathlet, der alleine bereits Gold, Silber und Bronze gewonnen hat in Peking: "Ich denke, dass die russischen Soldaten und die Armee keine Menschen sind - sie sind Tiere."

Aus Russland kam derweil eine Nachricht, die für die Ukrainer erneut zynisch klingen musste. Drei Tage nach den Paralympics soll in Russland ein Sportfest stattfinden. Bis zu 70 Athleten sollen im Skilanglauf, Biathlon, Curling, Snowboard, Ski Alpin und Sledge-Eishockey antreten, den paralympischen Wintersportarten. Die Wettbewerbe sollen "unter der russischen Staatsflagge und zu den Klängen der russischen Nationalhymne" ausgetragen werden, sagte der zuständige Funktionär Sergej Artamonow laut Nachrichtenagentur Tass. 71 russische Athleten waren in Peking vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) erst nach heftiger Kritik nahezu aller teilnehmenden Nationen ausgeschlossen worden.

Am 16. März soll die Veranstaltung in Russland beginnen. Die 20 paralympischen Wintersportler aus der Ukraine werden dann wohl noch nicht in ihrer Heimat sein, weil eine Rückkehr unmöglich ist. Ihr Rückflug aus Peking geht offenbar ins europäische Ausland. Mehr ist derzeit nicht bekannt.

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