Uefa Platini hat nicht verstanden, wie sich die Zeit wandelt

Michel Platini während einer Pressekonferenz 2013.

(Foto: Getty Images)

Michel Platini redet kurz nach seinem Rücktritt als Uefa-Präsident von einer weiteren Karriere bei der Fifa. Dabei ist seine Zeit als Funktionär vorbei.

Kommentar von Johannes Aumüller

Mit einer Mischung aus typischer Funktionärsignoranz und zugespitzter Mathematik könnte Michel Platini in diesen Tagen zu folgendem Schluss kommen: Schade, dass es in der Welt des Sportrechts keine weiteren Instanzen gibt. Ursprünglich musste er eine lebenslange Sperre befürchten. Dann entschieden die Ethiker des Fußball-Weltverbandes auf acht Jahre, die Berufungskommission kam auf sechs - und der Internationale Sportgerichtshof (Cas) nun noch auf vier. Und das irritiert durchaus.

Dabei geht es weniger um die konkrete sportpolitische Realität. Da machen vier oder mehr Jahre kaum einen Unterschied. Platinis Zeit als Funktionär ist vorbei - auch wenn in der Sportpolitik alles möglich ist und dem Franzosen kurz nach dem Cas-Urteil nichts Besseres einfiel, als die Dauer seiner Sanktion im zeitlichen Zusammenhang mit den nächsten Fifa-Präsidentschaftswahlen zu sehen. Da hat jemand nicht verstanden, wie sich die Zeit wandelt. Platini ist gestempelt als Vertreter der alten Garde, deren Ab- und Auflösung gerade begonnen hat.

Die staatlichen Ermittlungen in den USA und in der Schweiz sind erst am Anfang, die Fifa muss einen Reformprozess vorgeben, um das eigene Ende abzuwenden. Da ist es schwer vorstellbar, wie Platini je einen Integritäts-Check überstehen kann. Und selbst wenn es weder FBI noch Bundesanwaltschaft gäbe: Glaubt Platini ernsthaft, dass jemand für vier Jahre Europa- oder Weltverband anführt, damit dann alle sagen: Cher Michel, hier ist der Stuhl, den wir für dich warmgesessen haben?

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Der frühere Fifa-Präsident kritisiert die Reformen beim Fußball-Weltverband - und macht sich ein bisschen über seinen Nachfolger lustig.

Zugleich befremdet das Cas-Verdikt. Der Vorgang, auf dem die Sperre fußt, ist gravierend. Mitten im heißen Präsidentschaftswahlkampf 2011 erhielt Platini auf Veranlassung von Fifa-Patron Sepp Blatter zwei Millionen Franken - nicht nur für die ermittelnden Ethiker sah das verdächtig nach Korruption aus. Das Duo präsentierte nie eine sinnvolle Erklärung, die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung. Der Cas selbst kann keine rechtmäßige Grundlage für die Zahlung erkennen und verweist auf die zeitliche Nähe zum Wahltag. Zudem war Platinis Verhalten beim Gang durch die Instanzen nicht gerade von Kooperation geprägt.

Und trotzdem erfolgt eine Reduzierung der Strafe. Es ist kein gutes Signal für einen erneuerungswilligen Sport, dass Platinis Vergehen nur vier Jahre bringt. Manch angezählten Funktionär dürfte das indes freuen. Wolfgang Niersbach etwa, früher Chef des Deutschen Fußball-Bundes und immer noch Mitglied der internationalen Gremien, ist im Visier der Fifa-Ethiker, weil er im Zuge des WM-2006-Skandals Informationen nicht weitergab. In vergleichbaren Fällen gab es früher Zweijahressperren. Kann Niersbach nun darauf hoffen, dass er bei einem etwaigen Gang vor den Cas weniger erhielte, wenn dieser Platinis Millionen-Deal mit Blatter lediglich mit vier Jahren sanktioniert?

Nicht zum ersten Mal irritiert der Cas mit einem Urteil. Und so drängt sich mal wieder der Gedanke auf, wie gut es ist, dass im Fall der Eisschnellläuferin Claudia Pechstein gerade der Bundesgerichtshof Aufbau und Wirken des Sportrechtssystems und des Cas genau anschaut.