Fußball-WM im Zwei-Jahres-Rhythmus:Die Uefa holt zum Gegenschlag aus

Italy v England - UEFA EURO, EM, Europameisterschaft,Fussball 2020 Final - Wembley Stadium UEFA President Aleksander Cef; Fußball

Da kann er noch so lieb bitten: Der Vorschlag von Gianni Infantino (rechts) kommt bei Aleksander Čeferin überhaupt nicht gut an.

(Foto: Mike Egerton/PA Images/Imago)

Die Idee von Gianni Infantino, den WM-Zyklus auf zwei Jahre zu verkürzen, trifft bei den wichtigsten Verbänden und Ligen auf Ablehnung. Uefa-Chef Čeferin macht dem Fifa-Boss nun ein Gesprächsangebot, das ein Frontalangriff ist.

Von Thomas Kistner

Der Kampf um einen neuen WM-Rhythmus, nach dem das Fußball-Weltturnier mit 48 Nationalteams alle zwei Jahre stattfinden soll, tritt in die Phase des offenen Schlagabtauschs. Am Dienstag berieten die 55 Mitgliedsverbände der europäischen Fußball-Union Uefa die neueste Fiktion von Gianni Infantino, schon am Mittwoch übermittelte diese dem Boss des Weltverbandes Fifa ihre Resultate in Form eines Brandbriefs. Darin fordert Uefa-Präsident Aleksander Čeferin seinen Fifa-Amtskollegen auf, nun ganz flott ein Gipfeltreffen "ausschließlich" mit dem Europa-Verband anzuberaumen, um der Uefa detailliert zu erläutern, wie dieses neue Konstrukt funktionieren soll.

Das ist ein durchdachter Gegenangriff, mühsam verpackt als Gesprächsangebot. Die Uefa hat über die Jahre Übung darin erlangt, den Fifa-Autokraten und früheren Uefa-Generalsekretär abzuwehren; am Mittwoch hieß es, man sei recht sicher, dass sich Infantino nicht in so ein Treffen wagen würde. Dann entfiele jede Grundlage, seinen jüngsten WM-Flausen nachzugeben.

In ihrem Brief führt die Uefa dem Fifa-Boss ungeniert die Instrumente vor

Der Fifa-Patron verfolgt einen raffinierteren Plan, um seine Zwei-Jahres-WM durchzuboxen. Nach SZ-Informationen ist in Zürich ein Gipfeltreffen mit jeweils bis zu zehn Nationalverbänden aus allen Kontinenten angedacht. Der alte Dreh: In ausgewählter Runde lassen sich Sportfunktionäre von Fidschi bis Guam weichkneten - zumal, wenn sie Verbänden mit strukturell geringer fußballerischer Substanz, aber hohem Mittelbedarf angehören.

Nun also soll der Fifa-Präsident zum Rapport beim Uefa-Präsidenten: Der Rahmen ist gesetzt und Europas Ablehnung dokumentiert. Denn in ihrem Brief führt die Uefa dem Fifa-Boss ungeniert die Instrumente vor. Wie Infantino ja gut wisse, sei Europa der Kontinent, auf den sein Vorschlag die größten Auswirkungen habe. Auf die Rechte der Nationalverbände, aber auch auf die "große Mehrheit" internationaler Topspieler, die die WM-Turniere glänzen lassen. Diese Profis stünden in Europas Klubs und Ligen unter Vertrag. Weshalb es "zwingend erforderlich" sei, dass Infantino seinen Plan schnellstmöglich im Detail darlege, damit ihn die Uefa prüfen und ihre Bedenken mitteilen könne. Zu passieren habe das schon in den kommenden Wochen: "So ein Treffen ist unerlässlich, da, wie Sie wissen, keine Entscheidung in einer so wichtigen Sache getroffen werden kann ohne die einstimmige Zustimmung der europäischen Verbände und des europäischen Fußballs."

Der Fehdehandschuh ist damit erneut geworfen. Die Entwicklung passt ins Bild. Infantinos Versuche, seine Fifa endlich mit irgendeinem Milliarden-Coup weit über alle anderen Verbände zu stellen, trugen schon früh obsessive Züge. Im Herbst 2018 machte die SZ seine diskreten Planspiele publik, sogar alle relevanten Rechte inklusive der für künftige WM-Turniere an ein Investoren-Konsortium unter saudischer Regie zu verhökern. Damals ging ein Aufschrei nicht nur durch die Fußballwelt, sondern auch durch den Fifa-Vorstand, der erst per Zeitungslektüre vom flott gediehenen Totalausverkauf erfuhr. Die Sache platzte. Ebenso weitere Versuche Infantinos, mit globalen Turnieren für National- oder auch Klubteams die Fifa-Position zu stärken und Erdteilverbände und Klubvereinigungen aufeinanderzujagen. Erst im April hinterließ Infantino seine Spuren in dem Spektakel um eine überfallartig ausgerufene Super League (unter Regie von Real Madrid), welche die Uefa und Europas Klubvereinigung ECA auch dank der Unterstützung zahlloser Fangruppen und Politiker binnen 72 Stunden zerschlugen.

Das alte Spiel: Infantino schickt strukturschwache Verbände und eine Handvoll "Legenden" vor

Jetzt der nächste Schlag: eine WM alle zwei Jahre. Beim Fifa-Kongress im Mai griff Infantino diesen von Saudi-Arabien präsentierten Verwässerungsvorschlag auf. Immer wieder das Königshaus in Riad: Als globale Sportvisionäre fielen die Saudis bisher nie auf, doch der Kronprinz ist eng mit dem Fifa-Boss. Das offenkundig bestellte Begehr nach einer WM in Dauerschleife setzte eine Machbarkeitsstudie unter Fifa-Direktor Arsène Wenger in Gang, vergangene Woche trommelte der Infantino-Vertraute in Katar ein buntes Häufchen Ex-Internationaler zusammen, sogenannte "Fifa-Legenden", die - Überraschung! - für die Idee der Dauer-WM votierten. Wie das so läuft in der Lobbyarbeit. Hätte er aktuelle Topspieler gefragt, wäre der Plan abgelehnt worden.

Nun fallen die Sachwalter des realen Fußballs Infantino wieder mal in den Arm. Wie die Uefa hat auch der Südamerika-Verband Conmebol keine Sympathien für das Projekt. Höflich hat das nun auch der Asien-Verband AFC bekundet. In einem ausführlichen Statement begrüßt der AFC den "umfassenden Konsultationsprozess" und "natürliche Synergien bei der Organisation sinnvollerer Spiele", gibt aber kein Wort der Zustimmung. Im Gegenteil, das Wichtigste seien der "partnerschaftliche Geist und die Prinzipien der Inklusivität, die mit dem beratenden Ansatz der Fifa erreicht werden sollen". Beratender Ansatz? Das ist gewiss nicht, was der Machtfunktionär Infantino im Sinn hat.

Auch die Spielergewerkschaft Fifpro zeigt der Fifa das Stoppschild. Am Dienstag erklärte sie, dass sie das Projekt keinesfalls ohne übergreifende Prüfung der Männer- und Frauenkalender unterstützen werde. Bezeichnend die Kernkritik der Fifpro: Sie rügt den "Mangel an echtem Dialog und Vertrauen zwischen den Institutionen".

Erst beschließen, später nachdenken: Das Prinzip Infantino dürfte auch diesmal ins Leere laufen. Einen veritablen Plan, vernünftige Lösungen für die offenen Fragen (auch terminlich, physiologisch, medial), die sich mit so einer Revolution des Spielkalenders verbinden, gibt es nicht und sind in der Kürze der Zeit auch kaum zu fabrizieren. Bliebe noch ein Argument, das der Fifa-Boss bei der Uefa allerdings besser gar nicht erst vorträgt: Wenger und unsere Fifa-Legenden finden das gut! Einige Handvoll Altinternationale, die stete Kostgänger der Fifa sind und verlässlich alles großartig finden, was dort passiert.

© SZ/sjo/ska
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