Fußball-EM:Wer wird der Überraschungsspieler?

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Zwei, die das Turnier prägen könnten: Der Spanier Lamine Yamal (l.) und der Ukrainer Georgiy Sudakov (rechts, am Ball). (Foto: Rafa Babot, Mateusz Birecki/Getty, Imago)

Jedes große Turnier befördert talentierte Fußballer zu Berühmtheiten. Wer wird diesmal am meisten Eindruck hinterlassen? Eine sehr offensiv aufgestellte Kandidaten-Elf.

Von Sebastian Fischer, Felix Haselsteiner, Thomas Hürner

Fußballmanager sagen gern, dass es so etwas längst nicht mehr gibt: Profis, die bei einem Turnier wie aus dem Nichts groß aufspielen. Zu durchdrungen sei der Markt längst und alle Fußballspiele auf dem Planeten in entlarvende Daten übersetzt, um bei einer EM noch ein unentdecktes Talent aufspüren zu können.

Trotzdem gibt es sie immer wieder: die Spieler, die bei einer WM oder EM auf der größten Bühne erstmals so richtig Eindruck hinterlassen. Wer es diesmal sein könnte? Die SZ nominiert eine Kandidaten-Elf, die mit nur zwei Verteidigern ziemlich offensiv aufgestellt ist. Schließlich sind es dann doch meist die Angreifer, die in Erinnerung bleiben.

Bart Verbruggen (Torwart, Niederlande)

(Foto: Koen Van Weel/dpa)

Sogenannten „Taktik-Hipstern“ ist Brighton & Hove Albion in den vergangenen Jahren vor allem aufgrund seines revolutionären Spielstils ein Begriff, dabei gäbe es auch für Anhänger der ganz alten Schule Argumente, in England genauer hinzusehen: Bart Verbruggen etwa, 21 Jahre alt, vereint die Qualitäten eines klassischen Torwarts wie Oliver Kahn mit einem Spielaufbau, den mancher Innenverteidiger sich wünschen würde, und gilt daher als vielleicht größtes Torwarttalent Europas. Ist folgerichtig die Nummer eins bei den Niederlanden. Jünger war seit 1960 kein Stammtorhüter bei einer Europameisterschaft.

Radu Dragusin (Abwehr, Rumänien)

(Foto: Vasile Mihai-Antonio/Getty Images)

Stürmern, die gegen Rumänien antreten, droht eine schwierige Aufgabe: Sie müssen an Radu Dragusin vorbei. Zumindest in der ersten Hälfte der Saison, als der 22-Jährige noch für Genua in der Serie A spielte, gehörte er in der Spezialstatistik, gegnerische Dribblings mit einem erfolgreichen Tackling zu beenden, mit der Fabelquote von 88,9 zu den führenden Verteidigern des Kontinents. Im Winter wollte ihn der FC Bayern verpflichten, fragte aber zu spät an – das erzählte sein Berater jedenfalls einer rumänischen Zeitung. Dragusin wechselte stattdessen nach Tottenham, wo er seitdem zwar Ersatzspieler ist – aber eine Tacklingquote von 100 Prozent erreicht.

Milos Kerkez (Abwehr, Ungarn)

(Foto: Bernadett Szabo/Reuters)

Geadelt wurde Milos Kerkez bereits sehr früh in seiner Karriere. Im Alter von 17 Jahren wechselte der Ungar zur AC Milan, weil der ehemalige Weltklasseverteidiger und damalige Technische Direktor Paolo Maldini sich für ihn starkmachte. Maldini sah in ihm einen körperlich robusten Außenverteidiger, was allerdings nicht auf alle im Verein zutraf: Italien war letztlich nur eine Zwischenstation, inzwischen ist Kerkez, 20, in der Premier League gelandet, wo körperlich robuste Außenverteidiger auch ganz hervorragend hinpassen. Hat beim AFC Bournemouth eine so makellose Saison gespielt, dass ihm sämtliche Topmannschaften der Liga hinterherlaufen.

Davide Frattesi (Mittelfeld, Italien)

(Foto: Claudio Villa/Getty Images for FIGC)

Was einen für diese Übersicht qualifiziert, der in der vergangenen Saison gerade mal eine Handvoll Startelf-Einsätze vorzuweisen hat? Nun, genau das ist es, was Davide Frattesi unter anderem so stark macht. Beim italienischen Meister Inter Mailand war der 24-Jährige nur eine Teilzeitkraft, trotzdem hat er alle 158 Minuten ein Tor oder eine Vorlage beigesteuert – da können in der Serie A nur wenige mithalten. Italiens Nationalcoach Luciano Spalletti schätzt Frattesis vertikale Läufe, Dynamik, Kraft und Zielstrebigkeit; bei ihm spielt er deshalb weitaus häufiger von Beginn an. Und das bei fünf Treffern in 15 Länderspielen ungemein effizient.

Georgiy Sudakov, Ukraine

(Foto: Antonio Calanni/AP)

Jeder ukrainische Nationalspieler bei dieser EM könnte eine Geschichte erzählen, die den Fußball nach mehr als zwei Jahren russischen Angriffskriegs bedeutungslos erscheinen lässt. Georgiy Sudakov, 21, war unmittelbar betroffen: Kurz nach Kriegsausbruch saß er laut seinem früheren Jugendtrainer selbst in einem Bunker. Inzwischen hat er zwei Saisons unter widrigen Bedingungen für Schachtar Donezk hinter sich. Debütierte als 18-Jähriger im Nationalteam, wurde 2023 Torschützenkönig der U-21-EM. Anders als beim ehemaligen Schachtar-Mitspieler Mychajlo Mudryk vom FC Chelsea steht Sudakovs Transfer zu einem europäischen Topklub noch bevor.

Francisco Conceição (Mittelfeld, Portugal)

(Foto: Carlos Rodrigues/Getty Images)

Falls der Name noch entfernt Erinnerungen hervorruft, aber nicht mehr ganz zuzuordnen ist, einfach bei Oliver Kahn nachfragen. Der fing sich bei der EM 2000 drei Tore von Sergio Conceição, damit endete der Versuch einer EM-Titelverteidigung bereits nach der Vorrunde. Zweieinhalb Jahre später kam Sohn Francisco auf die Welt, der bis vor Kurzem bei Papa in die Lehre ging: Trainer und Sohn bildeten beim FC Porto ein sehr erfolgreiches Duo. Auch im Nationalteam verspricht man sich große Dinge von dem agilen, offensiven Mittelfeldspieler.

Johan Bakayoko (Mittelfeld, Belgien)

(Foto: Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Einen Flügelangreifer, der dem ausbaufähigen Auftritt der hochbegabten Belgier zum Trotz für sich warb, das gab es schon bei der vergangenen EM: Der Linksaußen Jeremy Doku kam 2021 als 19-Jähriger zweimal zum Einsatz, seine Begabung fürs Tempodribbling war unübersehbar. Im vergangenen Sommer wechselte er zu Manchester City. Der rechte Flügelspieler Johan Bakayoko, 21, spielt noch bei der PSV Eindhoven in den Niederlanden, wo er in der abgelaufenen Meistersaison mit 28 Torbeteiligungen von sich reden machte. An seinem Selbstvertrauen dürfte es nicht scheitern, dass er auch im Nationalteam seine Form bestätigt. Er sagt: „In den nächsten fünf Jahren will ich zumindest in die Nähe des Ballon d’Or kommen.“

Christoph Baumgartner (Mittelfeld, Österreich)

(Foto: Gian Ehrenzeller/dpa)

Ist nie mit einem Fallschirm aus einer Weltraumkapsel gesprungen wie einst sein Namensvetter Felix, ist aber ebenfalls im Auftrag von Red Bull unterwegs. Der 24 Jahre alte Mittelfeldspieler von RB Leipzig ist gerade auf sehr gutem Weg, der berühmteste Baumgartner seines Landes zu werden. Hat zuletzt in sechs Spielen nacheinander ein Tor für die Nationalmannschaft erzielt und wurde in Abwesenheit des verletzten David Alaba zu der Figur, an der sein Land seine sehr großen Hoffnungen ausrichtet. Typisch für einen Baumgartner: Die Fallhöhe ist enorm!

Ruben Vargas (Angriff, Schweiz)

(Foto: Gian Ehrenzeller/dpa)

Ähnlich wie Baumgartner ist auch Ruben Vargas, 25, Bundesligazuschauern längst bekannt. Der Flügelspieler hat seine fünfte Saison für den FC Augsburg hinter sich. Für die Neue Zürcher Zeitung war er schon 2021 „die Entdeckung der Fußball-EM“. Nach seiner Einwechslung im Achtelfinale gegen Frankreich verwandelte er einen Elfmeter, die Schweiz gewann. Im Viertelfinale gegen Spanien stand er in der Startelf, trat im Elfmeterschießen wieder an – und verschoss. Es war ein Bild von ihm, in Tränen aufgelöst, das für die Schweiz von diesem Turnier blieb. Dieses Bild gilt es zu korrigieren.

Lamine Yamal (Angriff, Spanien)

(Foto: Rafa Babot/Getty Images)

Wohl der prominenteste Fußballer in dieser Aufzählung. Schließlich hat er schon 38 Ligaspiele für den FC Barcelona hinter sich, dazu zehn Partien in der Champions League, in denen er zumeist sein herausragendes Können zeigte. Paris Saint-Germain hat angeblich 200 Millionen Euro für ihn geboten. Aber wenn man mit 16 nicht noch zu den Überraschungsspielern eines Turniers zählen darf, wann dann? Yamal wird am Tag vor dem Finale 17. Sollte Spanien dann noch im Turnier sein, dürfte er seinen Anteil daran gehabt haben.

Kenan Yildiz (Angriff, Türkei)

(Foto: Gabriele Maltinti/Getty Images)

Alessandro Del Piero, italienischer Weltmeister von 2006 und Klublegende von Juventus Turin, musste Elogen wieder einfangen. Kenan Yildiz, ein zukünftiger Weltfußballer? Diese These haben zumindest Juve-nahe Medien und diverse Juve-Spieler aufgestellt, doch Del Piero plädierte dafür, den Angreifer vom Druck freizusprechen. Yildiz, 19, ist technisch hoch veranlagt und schnell, beim Rekordmeister aus Turin spielt er regelmäßig, auch ein spektakuläres Volleytor im Del-Piero-Stil ist ihm schon gelungen. Gut für die Türkei, aber weniger aus Sicht des FC Bayern: Bei den Münchnern hat der gebürtige Regensburger viele Jahre in der Jugend gespielt, aber Profi wurde er in Italien.

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