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U21-Europameisterschaft:König Midas' Goldschmiedekunst

LJUBLJANA, SLOVENIA - JUNE 06: Karim Adeyemi, Salih Ozcan, Ismail Jakobs and Lukas Nmecha of Germany celebrate following

Schwarz-rot-gold-gechillt: Karim Adeyemi, Salih Özcan, Ismail Jakobs und Siegtorschütze Lukas Nmecha (von links) bejubeln ganz entspannt den Finalsieg gegen Portugal.

(Foto: Vid Ponikvar/MB Media Solutions/Imago)

Zum dritten Mal führt Stefan Kuntz eine deutsche U21 ins EM-Finale, zum zweiten Mal holt er den Titel: Wie man aus Unterbewerteten Spieler für höchste Ansprüche formt.

Von Ulrich Hartmann, Ljubljana/München

Zum Schluss hat Stefan Kuntz noch ein Geheimnis verraten. Er habe seinen Fußballern bei der U21-Europameisterschaft versprochen: "Ich werde euer bester Sales Manager!" Am Sonntagabend hat sich gezeigt, dass er damit Recht behielt. Mit dem 1:0-Finalsieg gegen Portugal hat er den Marktwert von 23 deutschen Jungprofis gesteigert. Der Mann braucht neue Visitenkarten.

Kuntz ist der König Midas des deutschen Nachwuchsfußballs. Zum dritten Mal nacheinander hat er bei einer U21-EM eine deutsche Mannschaft ins Finale geführt. Zum zweiten Mal nach 2017 haben die Spieler güldene Medaillen umgehängt bekommen. Am Montag sind sie nach einer kurzen Nacht mit Bier und Karaoke in Ljubljana nach Frankfurt geflogen. Am Nachmittag saß Kuntz schon wieder in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) in einer Pressekonferenz und hörte Panagiotis Chatzialexiou als Sportlichen Leiter der Nationalmannschaften über sich sagen: "Viele Vereine dürften hellhörig geworden sein durch seine Erfolge."

UEFA Under 21 Championship - Semi Final - Netherlands v Germany

"Ich werde Euer bester Sales Manager!" Stefan Kuntz steigert den Marktwert seiner Spieler - hier Niklas Dorsch.

(Foto: Bernadett Szabo/Reuters)

Beim DFB sind sie froh, die beiden wichtigsten Nationalmannschaften mit Hansi Flick und Kuntz für die Zukunft gut besetzt zu haben. Flick tritt seinen Job als Nachfolger von Joachim Löw nach der EM an. Kuntz betreut im Juli die deutsche Mannschaft beim olympischen Fußballturnier in Tokio. "Danach", sagte er, "mache ich mir mal Gedanken."

Als "Deadline" will er diese Ansage aber nicht verstanden wissen. "Ich werde meine Gedanken ordnen, mal alles sacken lassen und überlegen, wie meine Zukunft aussehen könnte." Das sei aber ein ganz normaler Vorgang. Ob er sich vorstellen könne, noch 20 Jahre U21-Bundestrainer zu bleiben, ist er gefragt worden. "Ich habe noch nie einen Job zwanzig Jahre gemacht", antwortete er.

Die Mandanten des Sales Managers genossen derweil das Gefühl, die EM gewonnen zu haben, obwohl die Jungstars anderer Nationen (Frankreich, Spanien, England) in Marktwert-Ranglisten höher taxiert und ihre Mannschaften auch höher gehandelt worden waren. "Was interessieren uns individuelle Marktwerte", blaffte lächelnd der Flügelflitzer Ridle Baku. "Wir hatten ein unfassbares Mannschaftsgefühl."

Auch in den Gremien, die nach jeder U21-EM den besten Spieler des Turniers küren, sind deutsche Individualisten nicht gerade hoch angesehen. Seit die EM 1994 erstmals in Form einer kompakten Endrunde ausgetragen wurde, gab es 15 Turniere und also auch 15 "Spieler des Turniers". Zehn Mal kam dieser beste Spieler aus der Siegermannschaft. Fünf Mal kam er aus einer anderen Mannschaft - auch in sämtlichen drei Fällen, in denen Deutschland Europameister wurde: 2009 wurde der Schwede Marcus Berg zum besten Spieler gekürt, 2017 der Spanier Dani Ceballos und diesmal wurde es der Portugiese Fabio Vieira. Der bislang einzige Deutsche, der zum besten Spieler einer U21-EM-Kampagne ernannt wurde, war 1982 Rudi Völler. Seit 2011 wurden nur noch Fußballer von der iberischen Halbinsel gekürt: vier Spanier und zwei Portugiesen.

Metaphern von Löwen, Adlern, Hyänen: Die Motivationsreden von Kuntz trafen auf offene Ohren

Deutschland gilt eher als mächtiges Kollektiv. Kuntz verriet, wie er und sein Trainerteam stichhaltige Matchpläne erstellt, aber auch immer wieder den Teamgeist beschworen haben. Diesmal mit fabel-haften Metaphern aus der Tierwelt. "Ich habe den Jungs gesagt, dass sie mit einem Löwenherz spielen, mit Adleraugen beobachten und wie ein Hyänen-Rudel agieren müssen: Hyänen kann niemand leiden, aber sie kriegen am Ende immer, was sie wollen - weil sie das Gnu von allen Seiten anfallen und nie ablassen." Ein bisschen blutig klang das zwar, aber wer wollte, konnte die deutschen Fußballer in den sechs Spielen tatsächlich dabei beobachten, wie sie niemals abließen.

Mit dem Torwart Finn Dahmen, den Abwehrspielern Ridle Baku, Amos Pieper und Nico Schlotterbeck, dem Mittelfeldmann Arne Maier und den Stürmern Mergim Berisha und Lukas Nmecha gab es sieben Spieler, die in jeder der sechs Partien in der Anfangsformation standen. Dieses Gerüst gab dem Kader Halt. Dahmen, Pieper und Schlotterbeck haben jede Minute des Turniers gespielt.

Es fällt außerdem auf, dass viele Spieler bereits mit einem motivatorischen Kick zur K.-o.-Phase angereist waren: Ridle Baku hatte mit Wolfsburg die Champions League erreicht, Schlotterbeck mit Union Berlin die neue Conference League, Pieper und Maier hatten mit Bielefeld den Klassenerhalt genauso geschafft wie Salih Özcan und Ismail Jakobs mit dem 1. FC Köln. David Raum, Anton Stach und Paul Jaeckel hatten mit Greuther Fürth den Sprung in die Bundesliga geschafft, Vitaly Janelt ist mit dem FC Brentford in die englische Premier League aufgestiegen. Die Motivationsreden von Kuntz trafen auf weit geöffnete Ohren.

Nmecha (vier Tore, ein Assist) und Baku (zwei Tore, drei Assists) waren die besten deutschen Scorer. Danach folgen Florian Wirtz (zwei Tore), Jonathan Burkardt (ein Tor, ein Assist) und David Raum (zwei Assists). Keinen Assist verbuchte zwar Niklas Dorsch, trotzdem war er im defensiven Mittelfeld einer der besten deutschen Spieler. Er hätte auch "Spieler des Turniers" werden können. Immerhin kennt jetzt jeder seine Oma aus Burgkunstadt, die ihm vor dem Finale per Instagram "Sauerbraten und Haxe" versprochen hatte für den Fall, dass er mit dem Pokal heimkomme und sie gemeinsam daraus tränken. "Meine Oma hatte früher eine Brauerei", verriet Dorsch nach dem Endspiel. Das erklärte zwar eine gewisse Trinkfestigkeit in der Familie - aber nicht, wie er es schaffen will, den Pokal zur Oma nach Hause zu schmuggeln.

© SZ/sjo
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