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Deutsche U21-Nationalmannschaft:Wo Teamgeist und Qualität verschmelzen

Fußball EM U21 - Training Deutschland

Wäre gerne Bundestrainer der A-Mannschaft geworden, fühlt sich aber auch bei der U21 wohl: Trainer Stefan Kuntz.

(Foto: Marton Monus/dpa)

Der Finaleinzug bei der EM beweist, dass es um den deutschen Nachwuchs hoffnungsvoller bestellt ist als gedacht. Großen Anteil daran haben zwei Protagonisten, die es zuletzt nicht zur A-Nationalelf schafften.

Von Ulrich Hartmann

Als Florian Wirtz vor zwei Wochen erfuhr, dass er mit der U21-Fußball-Nationalmannschaft um den Europameister-Titel spielen soll, war er doch glatt ein bisschen enttäuscht. Er war aber mitnichten undankbar, er hatte nur insgeheim auf eine Berufung durch Joachim Löw für die große Europameisterschaft gehofft.

Als am Donnerstagabend in Szekesfehervar in Ungarn das U21-EM-Halbfinale gegen die Niederlande angepfiffen wurde, war von seiner Enttäuschung freilich nichts mehr zu spüren. Nach 29 Sekunden erzielte Wirtz das 1:0, sieben Minuten später das 2:0. Am Ende gewann die deutsche Mannschaft 2:1 (2:0), hochverdient und viel zu knapp.

Am Sonntagabend (21 Uhr, Pro Sieben) kann die U21 in Ljubljana nun Europameister werden, gegen Portugal. So nahe und mit so viel persönlichem Einfluss wäre Wirtz einem Titel in Löws Nationalteam vermutlich nie gekommen. Der mit 18 Jahren Jüngste im deutschen Nachwuchsteam steht am Sonntag nicht nur vor einem wegweisenden Triumph, sondern auch im Zentrum der Hoffnung, dass es um den deutschen Nachwuchs doch nicht so schlecht bestellt ist, wie zuletzt mancher äußerte.

Sogar der U21-Trainer Stefan Kuntz hatte vor dieser EM befürchtet, dass man diesmal wohl mehr über den Teamgeist kommen müsse als über die individuelle Qualität. Mittlerweile hat man das Gefühl: Seine Spieler lassen beides verschmelzen. Kuntz spricht mittlerweile hochachtungsvoll von "versteckten Talenten" bei seinen Fußballern.

Das klingt so, als sei er selbst ein bisschen überrascht von der herausragenden Leidenschaft der Spieler einerseits und ihrer technischen und strategischen Zuverlässigkeit andererseits. "Der Teamgeist ist überragend, und wir haben mehr Führungsspieler auf dem Platz als in früheren Jahrgängen", sagt Kuntz, wenn er die weiteren Gründe für den Erfolg erörtert.

Wirtz hat seine Nichtnominierung durch Löw mittlerweile verdaut. "Ich will jetzt hier den Titel gewinnen", sagt er. Im Oktober wurde er mit 17 Jahren und 159 Tagen jüngster deutscher U21-Nationalspieler der Historie, am Donnerstag erschuf er den schnellsten Treffer, der jemals bei einer U21-EM geschossen wurde.

Auch Trainer Kuntz machte sich kürzlich Hoffnungen auf die A-Mannschaft

Ein trickreicher Spielertyp wie Wirtz, vorbereitungs- und abschlussstark, hatte der U21 noch gefehlt, als sie bei der wegen Corona zweigeteilten EM Ende März in der Vorrunde eher mühsam die Qualifikation für die K.-o.-Runde festzurrte, mit einem Sieg gegen Ungarn und zwei zähen Unentschieden gegen die Niederlande und Rumänien. Wirtz weilte damals bei Löws A-Team, er kam in drei Spielen allerdings zu keinem Einsatz. Und nun, ein Schritt zurück? Nun, ein U21-Titel, wie er deutschen Fußballern 2009 und 2017 gelungen ist, führte oft erst hinein in eine große Karriere.

Immer auf der Jagd nach maximal guter Stimmung: Florian Wirtz (Mitte) bejubelt seinen zweiten Halbfinal-Treffer mit den Kollegen.

(Foto: Attila Kisbenedek/AFP)

Wirtz ist nicht der einzige im U21-Kader, der sich kürzlich Hoffnungen auf die A-Mannschaft gemacht hat. Der andere ist der Trainer: Stefan Kuntz. Nachdem Joachim Löw seinen Rücktritt nach der bevorstehenden EM angekündigt hatte, galt Kuntz als Kandidat aufs Bundestraineramt, ehe Hansi Flick zu Löws Nachfolger ernannt wurde. Für den deutschen Nachwuchs ist es vermutlich ein Gewinn, sollte Kuntz bei der U21 bleiben - und unbedingt auch seine Assistenten Daniel Niedzkowski und Antonio Di Salvo sowie der Torwarttrainer Klaus Thomforde.

Die vier verrichten seit fünf Jahren einen überragenden Job. 2017 führten sie die U21 in Polen zum Titel, 2019 in Italien ins Finale und jetzt zum dritten Mal nacheinander ins kontinentale Endspiel. Die Kader hatten dabei mal mehr und mal weniger individuelle Qualität, aber das Trainer-Quartett holte aus jedem Ensemble noch immer das Maximum heraus. Am Sonntagabend kann sich Kuntz mit seinem zweiten EM-Titel als Trainer auch dafür trösten, dass es nichts mit der für ihn gewünschten Beförderung geworden ist.

Allerdings ist Portugal, der Finalgegner, sportlich ein Brocken. Das Team markierte 2015 jenen Tiefschlag, durch den Kuntz überhaupt erst U21-Trainer geworden ist. Unter dem Coach Horst Hrubesch verlor die U21 bei der EM in Tschechien im Halbfinale 0:5 gegen Portugal, ein Debakel. Für Deutschland spielten damals unter anderem: Marc-André ter Stegen, Matthias Ginter, Emre Can, Joshua Kimmich und Kevin Volland. Dieses heutige Nationalelf-Personal war damals nicht in der Lage, im wichtigsten Spiel das Maximum abzurufen. Das schaffen die unterschiedlichsten U21-Kräfte erst seit fünf Jahren zuverlässig unter Kuntz, Niedzkowski, Di Salvo und Thomforde.

EM-Titel oder ein gutes Abitur? Da muss Florian Wirtz nicht lange zögern

"Wir passen als Team super zusammen", sagt Kuntz, er schildert die Arbeit als Kollektivleistung. "Wir arbeiten auf demselben Niveau, und die Jungs können jeden von uns immer alles fragen." Jeder bringe eigene Fähigkeiten ein, sagt der leitende Angestellte: "Klaus Thomforde bringt den Jungs mentale Stärke bei, Daniel Niedzkowski ist beim DFB der Leiter des Fußballlehrer-Lehrgangs, er ist bei uns im Trainerteam zuständig für Standards und vom Typ her ausgleichend - und Toni Di Salvo hat zwar jedes Mal irgendetwas einzuwenden, macht aber mit jedem seiner Kommentare unsere Entscheidungen besser." Und genau das sei wichtig.

Das Einzige, was dieses vierblättrige Kleeblatt nicht bewerkstelligt hat, ist, dass das Endspiel am Sonntagabend dem Anlass angemessen sein lorbeerumranktes fünfzigstes Länderspiel mit der U21 wird. Das war nämlich schon das Halbfinale. Das Finale wird nun der 51. Auftritt - aber auch da dürfte dieses Trainerteam nicht aus der Spur werfen.

Genauso legt Florian Wirtz eher weniger Wert darauf, dass sein 29-Sekunden-Tor einen kontinentalen Rekord bedeutet. Das soll aber auch nicht heißen, dass ihm der Fußball nicht bedeutsamer wäre als andere Aspekte des Lebens. Der 18-Jährige wartet dieser Tage auf seine Abitur-Ergebnisse, und auf die Frage, ob ihm der EM-Titel oder ein gutes Abitur wichtiger wäre, antwortete Wirtz ohne lang zu zögern: "Der EM-Titel." Stefan Kuntz hätte ihn danach vermutlich gleich wieder herzhaft drücken können.

© SZ/ebc/jkn
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