Österreich bei der U21-EM "Trainer, wir werden es noch allen zeigen"

Österreichs Spieler jubeln gegen Serbien.

(Foto: dpa)
  • Österreich trifft am Sonntagabend (21 Uhr) im dritten Vorrundenspiel der U21-EM auf Deutschland.
  • Mit einem Sieg wäre Österreich Gruppenerster und fürs Halbfinale qualifiziert.
  • Der deutschen U21 reicht dagegen schon ein Unentschieden zum Gruppensieg.
Von Sebastian Fischer, Udine

Wer sich dafür interessiert, wie es gerade dem österreichischen Fußball geht, und dem Nachwuchs im Speziellen, der sollte Werner Gregoritsch zuhören. Der Trainer der U21 kam am Samstag zur Pressekonferenz vor dem entscheidenden Gruppenspiel bei der Europameisterschaft gegen Deutschland im Stadio Friuli in Udine. Solche Veranstaltungen können zäh sein, Trainer berichten meistens davon, dass alle Spieler wohlauf sind und sich konzentrieren. Gregoritsch schien sich allerdings zu freuen, fast eine halbe Stunde lang erzählen zu dürfen. Es fehlte eigentlich bloß, dass er vor dem Podium hin und her ging, das Kabel seines Mikrofons in der Hand, wie es Unterhaltungskünstler tun.

Gregoritsch, 61, sprach über den Unterschied zwischen Deutschland und Österreich: "Humor." Er charakterisierte sich selbst: "Hart aber herzlich, da gibt's a Serie, das ist vielleicht der treffende Ausdruck." Er sagte über den Musikgeschmack junger Fußballer: "Das strapaziert meine Nerven." Und er sprach über die Mentalität seiner Landsleute: "Lieber Kaffee und ein Bier trinken, als wie ein Profi zu arbeiten." Jedenfalls, schränkte er ein, sei das früher so gewesen, auch im Fußball, aber jetzt nicht mehr. Jetzt, so musste man ihn verstehen, geht es dem österreichischen Fußball gut.

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"Ganz Österreich drückt die Daumen", sagte der Bundespräsident

Die Betrachtung der U-21-Europameisterschaft ist von Land zu Land sehr verschieden, sie wird nicht überall so ernstgenommen wie eine EM der A-Nationalteams. Die Serben zum Beispiel traten beim 1:6 gegen Deutschland am Donnerstag so auf, als hätten sie sich den warmen Sommerabend auch ganz gut anders vorstellen können. Die Österreicher wurden vor der Abreise nach Italien vom Bundespräsidenten verabschiedet. Alexander Van der Bellen nannte die EM laut Protokoll "eines der größten Abenteuer, die man im Sport erleben kann." Er sagte: "Ganz Österreich drückt die Daumen."

Österreich hatte immer wieder Generationen talentierter Fußballer. Doch seit es U21-Europameisterschaften gibt, seit 1978, war die Auswahl bislang noch nie bei einer Endrunde dabei gewesen. Seit sieben Jahren ist Gregoritsch für die Mannschaft zuständig, und auch in seiner Zeit hatte die U21 nicht immer den allerbesten Ruf. Es gab Geschichten über Disziplinlosigkeiten, als wäre die wichtigste Talente-Auswahl des Landes eine Art Ferienfreizeit. Einmal, nach der verpassten Qualifikation zur EM 2017, musste Gregoritsch erklären: "Die Spieler haben freibekommen, waren bis zwei, drei Uhr früh weg und sind bei der Rückkehr an Fenstern, Bildern oder Lampen angestoßen."

Doch schon die Generation der U21-Nationalspieler vor drei Jahren war sportlich durchaus eine erfolgreiche, schließlich scheiterte die Mannschaft erst in den Playoffs an Spanien. Damals spielte auch Gregoritschs Sohn Michael mit, Bundesligaprofi beim FC Augsburg. Der 94er-Generation tue man Unrecht, wenn man die aktuelle Mannschaft die beste U21 nenne, die Österreich je hatte, sagte Gregoritsch am Samstag. Sechs Spieler von damals sind noch dabei, die schon vor drei Jahren, auf besagter Feier, nach der manch einer Lampen anstieß, gesagt hatten: "Trainer, wir werden es noch allen zeigen." So erzählte es Gregoritsch vor Turnierbeginn im Interview mit dem Kurier.

30 Österreicher spielen in der Bundesliga

Sechs Spieler aus dem Kader spielen in Deutschland, Kapitän Philipp Lienhart in Freiburg, Marco Friedl in Bremen, Stefan Posch und Christoph Baumgartner in Hoffenheim, Kevin Danso beim FC Augsburg und Mathias Honsak bei Holstein Kiel in der zweiten Liga. Sascha Horvath kehrt nach einer Leihe zu Wacker Innsbruck zurück zu Dynamo Dresden. Und zwei Spieler wechseln von RB Salzburg wahrscheinlich in die Bundesliga: Der Transfer von Hannes Wolf zu RB Leipzig steht fest, der von Xaver Schlager zum VfL Wolfsburg offenbar kurz bevor. Es ist auch diese Entwicklung, die laut Gregoritsch die Professionalisierung des österreichischen Fußballs illustriert: "Ich glaube, dass die Jugendarbeit sehr geschätzt wird von den deutschen Fachleuten." 30 Österreicher spielen in der Bundesliga, so viele wie aus keinem anderen Land im Ausland. Sein Team sei "klarer Außenseiter", aber die Spieler würden "brennen, um gegen ihre Freunde, zum Teil sind es Vereinskollegen, zu spielen. Das gibt dem Spiel einen Derbycharakter."

Österreich gewann das erste Gruppenspiel gegen Serbien 2:0, allerdings verletzte sich Mittelfeldspieler Wolf schwer, erlitt einen Knöchelbruch. Das zweite Spiel ging gegen Dänemark mit 1:3 verloren. Doch Gregoritsch berichtete unter der Woche schon von Glückwunschanrufen der früheren Nationalspieler Hans Krankl und Walter Schachner, "alles, was Rang und Namen hat, hat gratuliert". Ein Unentschieden am Sonntagabend (21 Uhr) reicht Deutschland zum Gruppensieg. Doch bei einem Sieg würde sich Österreich als Gruppenerster fürs Halbfinale und für die Olympischen Spiele 2020 qualifizieren.

Gregoritsch schwärmte am Samstag vom deutschen Kader, von Marco Richter und Luca Waldschmidt, die er als Mitspieler seines Sohnes in Augsburg und früher beim Hamburger SV kennenlernte. Er kennt den deutschen Assistenztrainer Antonio di Salvo, er umarmte den deutschen Cheftrainer Stefan Kuntz, der zur anschließenden Pressekonferenz kam. "Wir haben schon Großartiges geleistet", sagte Gregoritsch. Und seine Laune ließ keinen Zweifel an seiner Überzeugung.

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